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Coronavirus und Schule:Algorithmus statt Prüfung?

Schülerprotest in Großbritannien

Ein junger Brite protestiert in London gegen die Notenvergabe an Schüler per Algorithmus.

(Foto: Dominika Zarzycka/NurPhoto/Getty)

Nachdem wegen der Pandemie die Zensuren in Großbritannien automatisch errechnet werden sollten, drohten Eltern und Schüler mit einer Klagewelle, Universitäten protestierten, Abgeordnete gingen auf die Barrikaden. Nun gibt sich die Regierung einsichtig.

Von Cathrin Kahlweit

In einer dramatischen Kehrtwende hat die britische Regierung ihre Bewertungsgrundlagen für die Abschlusszeugnisse an höheren Schulen (A-Levels) revidiert und am Montag gravierende Fehler bei ihrem bisherigen Vorgehen eingestanden. Bildungsminister Gavin Williamson erklärte am Nachmittag, man werde den eigens entwickelten und für die Jahreszeugnisse angewendeten Algorithmus nicht nutzen, welcher der Regierung wütende Reaktionen von Schülern, Eltern, Lehrern, Gewerkschaften, Hochschulen und sogar Tory-Politikern beschert hatte. Als Basis für die A-Levels sollen nun doch die Einschätzungen der Lehrer angewendet werden. Damit werden Tausende englische Schüler bessere Noten haben, als ihnen bislang attestiert worden waren.

Bisher hatten das Bildungsministerium und die Bildungsbehörde Ofqual darauf beharrt, der Algorithmus sei richtig gewesen und es werde keine Abkehr von dem eingeschlagenen Weg geben. Williamson hatte stattdessen betont, A-Levels ausschließlich auf Basis von Lehrerausagen würden zu "einer Inflation guter Noten" führen. Am Montag räumte er ein, der bisherige Weg habe zu "Ungereimtheiten" geführt.

Weil in den vergangenen Monaten keine Unterrichtsstunden und keine Prüfungen stattgefunden hatten, wurden anfänglich Bewertungen von Lehrern über die Noten eingeholt, die Schüler am Ende des Schuljahres mutmaßlich erzielen würden - und diese dann mit einem Algorithmus neu berechnet, der Ausschläge nach oben und unten anhand von Erfahrungswerten und früheren Leistungen an den jeweiligen Schulen nivellierte.

Kleinere Klassen an Privatschulen bevorzugt

Etwa 40 Prozent aller Noten fielen danach schlechter aus. Damit wurden offensichtlich vor allem Schüler von kleineren Klassen an Privatschulen bevorzugt. Noten wurden reihenweise nach unten korrigiert, sodass auch Schüler mit guten Leistungen, die zuvor nie ein Ungenügend bekommen hatten, sich plötzlich mit schlechten Werten konfrontiert sahen. Studienplätze, die in Großbritannien auf der Basis des vermutlichen, individuellen Notenschnitts vorab reserviert werden, wurden daraufhin reihenweise wieder abgesagt.

Manche Hochschulen, darunter zahlreiche Colleges in Oxford, kündigten allerdings an, sie würden bei ihren ursprünglichen Zusagen bleiben. Eine Kehrtwende gibt es nun auch bezüglich der GCSE-Ergebnisse, vergleichbar mit einer Mittleren Reife, die am Donnerstag verkündet werden sollen. Sie waren nach dem gleichen, problematischen Modell ermittelt worden.

Heftige Kritik entzündete sich dabei in den vergangenen Tagen an zahlreichen Punkten: Aufgrund des Algorithmus, mit dem die Notenprognosen neu berechnet wurden, hätte die Abwertung ihrer Schnitte überdurchschnittlich viele Teenager aus Staatsschulen getroffen, die persönlich bisher besonders gut abgeschnitten hatten. Zudem wurden Übungsklausuren, die für die A-Levels vor der Covid-Pandemie durchgeführt worden waren, kaum für die Bewertung herangezogen.

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Für Unverständnis sorgte auch, dass die Bildungsbehörde Ofqual vor dem Wochenende Kriterien veröffentlicht hatte, nach denen Schüler und Schulen Widerspruch einlegen könnten. Diese Anleitung kassierte die Behörde aber wenig später wieder mit der Begründung, der Kriterienkatalog müsse noch einmal überarbeitet werden. Zwar hatte Regierung angekündigt, man werde keine Gebühren erheben, wenn jemand formal Widerspruch gegen sein Zeugnis einlegen wolle. Gleichwohl war die Frist bis zur endgültigen Studienplatzvergabe viel zu kurz.

Die schottische Regierung hatte sich eine Woche zuvor mit einem ähnlichen Vorgehen massiven Ärger eingehandelt und daraufhin die statistische Nivellierung der Notendurschnitte kurzerhand zurückgenommen; gleiches galt kurz darauf für Nordirland und Wales. Die Kehrtwende der Regierung, die seit Tagen von allen Seiten eingefordert worden war, dürfte nun zwar Tausende englische Schüler erleichtern, die sich zu Unrecht um ihre Zukunftspläne gebracht sahen.

Gleichwohl entstehen jetzt neue Probleme: Müssen nun bereits abgesagte Hochschulplätze neu ausgelobt werden? Wird das zu erwartende, überdurchschnittlich gute Abschneiden der Schüler in diesem Jahr, das die revidierten A-Levels zur Folge haben, zu einer Überforderung der Hochschulen führen? Immerhin sagten einige Gruppen nun, die Sammelklagen gegen das Regierungsvorgehen angekündigt hatten, sie würden von einem juristischen Vorgehen gegen das Bildungsministerium absehen. Unter den jungen Demonstranten, die sich seit Tagen vor Downing Street versammeln, bracht Jubel aus. Die Bildungsbehörde Ofqual, die für Leistungsbewertungen zuständig ist, entschuldigte sich, es hätte "keine einfache Lösung" für die aktuellen Probleme gegeben. Labour-Chef Keir Starmer attackierte gleichwohl Premierminister Boris Johnson, der sich zu der Causa die ganze Zeit gar nicht geäußert hatte: Das Drama der vergangenen Tage sei ein Indiz für die Inkompetenz der Regierung. Johnsons Führungsversagen habe Tausende junge Menschen in Verzweiflung gestürzt.

© SZ vom 18.08.2020
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