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Großbritannien:Es ist einfach noch zu früh

Britain's Prime Minister Boris Johnson to return to work on Monday

Wieder zurück: Boris Johnson vor der Tür von 10 Downing Street.

(Foto: REUTERS)

Boris Johnson kehrt nach seiner überstandenen Covid-19-Erkrankung zurück. Doch das schnelle Ende des Lockdowns, mit dem viele gerechnet hatten, verkündet der Premier nicht.

Der britische Premierminister ist gleich mal als Erstes nach seiner Rückkehr aus dem Krankenstand vor die Nation getreten. Boris Johnson stand am Morgen des Montag fast an derselben Stelle, an der man ihn das letzte Mal gesehen hatte, bevor er auf die Intensivstation des St Thomas' Hospital gebracht wurde: vor der Tür von 10 Downing Street. Damals hatte er dem Personal des Nationalen Gesundheitsdienstes (NHS) eher aus Prinzip applaudiert, mittlerweile tut er das aus persönlicher Erfahrung. Johnson hatte sich von seiner Corona-Infektion zuletzt auf dem Landsitz der britischen Premiers in Chequers erholt; seit Sonntagabend ist er wieder in London.

Die Erwartungen waren hoch gewesen. Bis zu diesem Montag hatte das Kabinett unter Führung von Außenminister Dominic Raab die Regierungsgeschäfte weitgehend im Kollektiv geführt. Eine Entscheidung darüber, ob und wann Großbritannien bereit ist für eine Lockerung der am 18. März verkündeten Maßnahmen wollte man nicht ohne den Premierminister fällen. Der hatte sich in den vergangenen Tagen zwar intensiv beraten lassen, aber keine Entscheidungen gefällt. Die britischen Medien waren sich weitgehend sicher: Nun, nach seiner Rückkehr in den Dienst, würde er Lockerungen verkünden, Schritt um Schritt, und eine Exitstrategie vorlegen aus dem Lockdown.

Das tat er aber nicht. Johnson hielt eine gemessene, staatstragende, aufmunternde, von Dankbarkeit für das Wohlverhalten und die Einsichtsfähigkeit der Briten getragenen Rede. Es gebe unstreitige Erfolge: weniger Einweisungen in Krankenhäuser, weniger Patienten auf den Intensivstationen. Es sei gelungen, den NHS arbeitsfähig zu halten und nicht zu überlasten. Aber die Kernbotschaft war: Es ist noch zu früh. Der Lockdown könne nicht gelockert werden, ohne die Erfolge aufs Spiel zu setzen. "Wir müssen diesen Moment zu unserem Vorteil nutzen, denn es ist auch der Moment des maximalen Risikos."

Er verstehe die Sorgen der Menschen, sehe den Druck der Unternehmer, auch er erkenne die Gefahren und langfristigen Folgen eines fortdauernden Lockdowns. Aber "wir müssen die Gefahr einer zweiten Welle im Blick halten und aufpassen, dass der Reproduktionsfaktor des Virus nicht wieder über eins steigt". Johnson sicherte aber zu, in den kommenden Tagen zu "definieren, wie der weitere Weg aussehen" könne.

Zweifel an den Todeszahlen

Während also in zahlreichen anderen europäischen Staaten erste Lockerungen in Kraft treten, stellte Johnson die britische Bevölkerung auf eine längere Phase ein, in der nur Lebensmittelgeschäfte geöffnet haben, alle anderen Bereiche aber heruntergefahren bleiben.

Großbritannien hatte auf die Pandemie spät reagiert und kämpft bis heute mit Engpässen bei Schutzkleidung, Tests, Intensivbetten und Personal. Derzeit liegt die offizielle Todeszahl bei 21 000, sie begann erst in den vergangenen Tagen sehr langsam zu sinken. Inoffiziellen Angaben zufolge ist die Zahl der Toten jedoch etwa doppelt so hoch.

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© SZ vom 28.04.2020/jael
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