Griechenland und das Coronavirus:Lage auf Lesbos - vordergründig ruhig

Vordergründig ist die Lage auf Lesbos, wo Anfang des Monats gewalttätige Gruppen Flüchtlinge, Mitarbeiter von Hilfsorganisationen und Journalisten attackiert hatten, derzeit vergleichsweise ruhig. Wie im ganzen Land gilt seit Montag eine Ausgangssperre, der Weg zur Arbeit, zum Arzt, zum Einkaufen oder kurze Spaziergänge sind weiterhin erlaubt; allerdings muss man sich dafür per Formular oder per SMS an das Zivilschutz-Ministerium registrieren.

Demonstrationen gegen die Anwesenheit von Flüchtlingen sind nicht Bestandteil des Ausnahmen-Katalogs - es scheint wenigen Leuten der Sinn danach zu stehen. "Jetzt haben alle einen gemeinsamen Feind", sagt Michalis Aivaliotis, Gründer der lokalen Hilfsorganisation Stand By Me Lesbos, der SZ, "nämlich das Corona-Virus".

Die Polizei wage sich offenkundig nicht mehr in das überfüllte Flüchtlingslager Moria, und viele Flüchtlinge trauten sich nicht mehr in die Stadt zum Einkaufen, ihrerseits aus Angst, "allerdings ist es bei ihnen vor allem die Angst vor Übergriffen", sagt Aivaliotis.

Die Regierung ist bemüht, die Ängste der Griechen zu zerstreuen

Seine Organisation verteilt in Moria Händedesinfektionsmittel und Plakate mit Hinweisen, wie man sich so gut es geht vor dem Virus schützen kann. Bislang ist noch kein Corona-Fall in dem Flüchtlingslager registriert, aber wenn es passiert, wäre die Lage kaum unter Kontrolle zu bringen. "Und wer weiß, was dann hier los ist, wenn die Einheimischen die Flüchtlinge auch noch als potenzielle Virus-Überträger betrachten."

Griechenland zählte Anfang der Woche 695 Corona-Fälle. Die Regierung geht davon aus, dass 8000 bis 10 000 Menschen infiziert sein könnten. In einer Videokonferenz der Regierung rechtfertigte Premier Kyriakos Mitsotakis am Dienstag die Ausgangsbeschränkungen: "Die vielen haben sich ungerecht behandelt gefühlt, als sie sahen, wie die wenigen die Richtlinien der Regierung missachtet haben."

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Noch Ende vergangener Woche waren viele Griechen aus den Großstädten in ihre Sommerhäuser auf den Inseln gereist, wo schon jetzt die medizinische Versorgung mitunter schwach ist.

Würde sich das Virus gleichzeitig auf einer Reihe kleiner Inseln ausbreiten, wäre das seit der Finanzkrise angeschlagene griechische Gesundheitssystem schnell überfordert. Wobei Finanzminister Christos Staikouras sich am Montag in einer Fernsehansprache bemühte, die Ängste der Bevölkerung zu zerstreuen: Das Land habe genügend finanzielle Ressourcen, um die Pandemie effektiv zu bekämpfen, und der wirtschaftliche Schaden werde reversibel sein.

Die Frage, wie groß dieser Schaden ausfällt, hängt wesentlich davon ab, wie lange die aktuellen Reisebeschränkungen aufrechterhalten werden: Die Volkswirtschaft des Landes stützt sich zu mehr als einem Viertel auf den Tourismus. Sollte dieses Jahr die Sommersaison, die normalerweise im Juni beginnt, weitgehend ausfallen, wäre die jüngste Erholung der griechischen Wirtschaft großenteils zunichte.

© SZ vom 25.03.2020/gal
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