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Corona-Verdacht in Flüchtlingsheimen:"Die Leute waren praktisch eingesperrt"

Wegen Unruhen nach Coronafall: Polizei verlegt Flüchtlinge

Als die Erstaufnahmeeinrichtung in Suhl unter Quarantäne gestellt wurde, kam es unter den Geflüchteten zu Unruhen.

(Foto: WichmannTV/dpa)

Abstand halten, soziale Kontakte vermeiden - in Unterkünften mit Hunderten von Geflüchteten ist das unmöglich. Die Corona-Krise stellt Bewohner und Helfer vor extreme Herausforderungen. Einheitliche Notfallpläne gibt es nicht.

"Hamsterkäufe" - das Wort hat Pouria Zahedi noch nie gehört. Der 19-Jährige ist vor anderthalb Jahren aus Iran geflohen. Sein Weg führte ihn über die Türkei nach Griechenland, Nordmazedonien, Serbien und Polen. Erst vor wenigen Wochen kam er nach Deutschland, wo jetzt in Zeiten der Corona-Krise Kartoffeln, Reis und Klopapier gehortet werden. Bei seinem letzten Supermarktbesuch hat sich Zahedi Marmorkuchen gekauft, Kaffee - und eine Knoblauchzehe. Sie soll gegen das Coronavirus helfen. Ein falsches Gerücht, aber er glaubt daran: "Knoblauch desinfiziert den Körper von innen."

Der junge Mann lebt in der Thüringer Erstaufnahmeeinrichtung am Rande von Suhl. Vor Kurzem stand die gesamte Unterkunft unter Quarantäne, weil sich einer der Bewohner mit Corona infiziert hatte. Für Pouria Zahedi und die anderen Geflüchteten galt eine Ausgangssperre. Wer spazieren gehen wollte, kam nicht weiter als bis zu dem Metallzaun, der die alte Kaserne der ehemaligen DDR-Grenztruppen umgibt. Vergangenen Freitag, um Mitternacht, hob der Betreiber der Unterkunft, das Landesverwaltungsamt, die Quarantäne auf. Zwar gibt es keine Neuinfektion, aber die Angst, sich anzustecken, ist geblieben.

"Abstand halten ist schwierig"

48 Geflüchtete in zehn Bundesländern sind laut Innenministerium mit dem Coronavirus infiziert. Betroffen sind vor allem die Erstaufnahmeeinrichtungen. Während derzeit selbst kleinere Menschenansammlungen verboten und Schulen geschlossen sind, leben dort Menschen auf engstem Raum zusammen. In Suhl sind es mehr als 500. Die Erstaufnahmeeinrichtung ist in mehrere Wohnblocks aufgeteilt, Familien und Frauen sowie alleinstehende Männer leben getrennt. Zahedi teilt sich das kleine Zimmer mit einem Iraner. Dusche und Toiletten sind auf dem Gang. "Abstand halten ist schwierig."

In Zeiten der Corona-Krise hat das Bundesinnenministerium die Bundesländer angewiesen, neu ankommende Flüchtlinge auf das Virus testen zu lassen und im Zweifel zu separieren. So geschah es auch in Suhl. Mitarbeiter der Unterkunft versichern, der auf das Coronavirus positiv getestete Afghane sei im medizinischen Bereich der Unterkunft isoliert untergebracht gewesen. Trotzdem ordnete die Amtsärztin eine 14-tägige Massenquarantäne an. Eine drastische Maßnahme, die Dirk Adams mit einer gewissen Unsicherheit im Umgang mit dem Virus zu erklären versucht. "Suhl war deutschlandweit eine der ersten Einrichtungen, die überhaupt so einen Fall hatte", sagt er. Adams ist Grünen-Politiker und in Thüringen Minister für Migration, Justiz und Verbraucherschutz. "Heute würde man vieles anders machen", sagt er.

Hasskampagne gegen Geflüchtete

Unter den Bewohnern sorgte die Quarantäne für Aufregung - nicht zuletzt, weil zunächst weder die Heimleitung noch Dolmetscher vor Ort waren, um die Situation zu erklären. Einige Bewohner erfuhren von der Ausgangssperre, nachdem Polizisten sie auf dem Weg zum Supermarkt abgefangen und in die Unterkunft zurückgeschickt hatten. Erst Stunden nachdem die Ausgangssperre verhängt wurde, informierten Sprachmittler die Bewohner ausführlich. "Das war ein Fehler", so Adams.

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Wenige Tage später rückten 150 Beamte an. Wasserwerfer fuhren vor. Die Polizisten holten 26 Geflüchtete aus der Unterkunft. Sie sollen versucht haben, über den Zaun zu klettern und Gullydeckel zu öffnen und sie verwehrten anderen Bewohnern den Zutritt zum Speisesaal. Die Bild schrieb von "Randale im Flüchtlingsheim". Rechte missbrauchten den Polizeieinsatz für eine Hasskampagne.

Deswegen will Jeannette Roth zu Beginn des Gesprächs erst einmal etwas klarstellen: "Die Mehrheit der Bewohner hat sich vorbildlich verhalten." Das sei keine Selbstverständlichkeit gewesen angesichts der angespannten Lage. "Die Leute waren praktisch eingesperrt." Roth leitet den Sozialdienst in der Erstaufnahmeeinrichtung. Ihre Stimme klingt am Telefon fröhlich. Dabei liegen stressige Wochen hinter ihr. Sechs ihrer insgesamt zehn Mitarbeiter mussten in Quarantäne, ebenso der einzige Arzt der Unterkunft, mehrere Wachleute und Roth selbst.

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