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Coronavirus:Die neue Normalität wird ständig hinterfragt werden

Coronavirus - Erlangen

An das Bild von leeren Biergärten, wie hier in Erlangen, müssen sich die Menschen in diesem Sommer gewöhnen.

(Foto: dpa)

Die Bürger werden noch lange Zeit mit Beschränkungen leben. Sie werden das aber nur akzeptieren, wenn Bund und Länder ihre Entscheidungen nun sehr gut rechtfertigen.

Kommentar von Nico Fried, Berlin

Wegen der Corona-Krise ist Markus Söder wohl der erste bayerische Ministerpräsident, der sich gegen eine Öffnung von Biergärten entschieden hat. Das dürfte für seine aktuell erstaunlich vielen Fans nachvollziehbar sein, weil die Ansteckungsgefahr noch zu groß erscheint. Wenn der medizinischen Forschung nicht ein Wunder gelingt, könnte Söder aber auch in die Geschichte eingehen als Ministerpräsident, der vom Münchner Oberbürgermeister einmal keine Mass gereicht bekam - weil das Oktoberfest 2020 ausfallen muss. An einem Tisch, an dem Deutsche, Engländer, Italiener und Chinesen anstoßen und sich - vielleicht sogar durch biergetränkte Schutzmasken - "Sierra Madre" ins Gesicht brüllen, würde ein Infizierter genügen, um aus der Wiesn einen Corona-Hotspot zu machen, dass man selbst in Ischgl aus dem Staunen nicht herauskäme.

Die Schließung der Biergärten heute und die unvermeidliche Absage der Wiesn übermorgen stehen für zwei Perspektiven auf die Corona-Krise. In der einen erscheinen viele Einschränkungen des öffentlichen Lebens noch als etwas Kurzfristiges, als etwas, das auszuhalten ist, weil es bald vorbei sein wird. Die andere bietet den realistischen Blick in ein Land, dessen tief greifende Veränderung gerade erst begonnen hat. Die erste Perspektive hatte große Erwartungen an die Konferenz der Ministerpräsidenten und der Bundeskanzlerin genährt. Das Schlüsselwort war die Lockerung der strengen Vorgaben. Das für viele überraschende Ergebnis aber war deren grundsätzliche Verlängerung. Angela Merkel, ihr Vizekanzler Olaf Scholz und die Ministerpräsidenten haben stattdessen so deutlich wie noch nie die zweite Perspektive in den Vordergrund gerückt: das unabsehbar lange Leben mit der Pandemie.

Rund vier Wochen nachdem die Eindämmung des Virus mit Mindestabständen, Kontaktverboten und Betriebsschließungen so richtig losgegangen ist, beginnt jetzt die zweite Phase. Aber sie führt nicht in die Gegen-, sondern mehr oder weniger in die gleiche Richtung. Die Neubewertung des Begriffs Normalität fasst das in Worte: Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Armin Laschet hatte für eine Rückkehr in die "verantwortungsvolle Normalität" geworben. Das hörte sich beruhigend an, klang nach dem Leben in der guten alten Zeit, nur mit Schutzmaske. Politisch durchsetzen sollte sich aber Scholz' Begriff von der "neuen Normalität". Das Ungewohnte verschwindet nicht schnell - es verlangt, dass man sich daran gewöhnt.

Für die Politik in Deutschland ist die Aufgabe damit nicht leichter geworden. Die bisher recht positive Bilanz im Umgang mit Corona ist Fluch und Segen zugleich: In der großen Mehrzahl stehen die Bürger hinter der Bundes- und den Landesregierungen, weil sie einstweilen verhindert haben, was man technisch die Überforderung des Gesundheitswesens nennt, was aber jeder in Bildern vor Augen hat: Leichensäcke in New York, Patienten auf Klinikfluren in der Lombardei, verzweifeltes Personal in Paris oder Madrid. Gerade der Umstand, dass Deutschland bislang zumindest vergleichsweise gut durch die Krise gekommen ist, fördert aber auch die Hoffnung, dass der Spuk bald vorbei sein möge. Da wartet nach heutigem Stand noch manche Enttäuschung.

Politik ist Kommunikation, besonders in der Krise. Die Bundesregierung und wohl die meisten Länder haben sich nun eindeutig für eine Strategie entschieden, die Zahl der Infektionen bis zur Verfügbarkeit eines Impfstoffs so niedrig wie möglich zu halten. Eine "heimliche" Herdenimmunisierung soll es nicht geben. Niemand will die Unterscheidung von Jungen und Alten, von Risikogruppen und weniger Gefährdeten. Das alles aber muss jetzt aus den Neben- in die Hauptsätze. Zudem ist diese Strategie auch die der härtesten Einschnitte. Je gravierender die Folgen, desto klarer muss man sie begründen.

Gute Antworten brauchen Kanzlerin und Ministerpräsidenten auch auf die Fragen nach ihren Beschlüssen. Wo kommen 800 Quadratmeter als Grenzfläche für eine Geschäftsöffnung her? Warum dürfen Heimwerker in den Baumarkt, aber Gläubige nicht in die Kirche? Die Eindämmung der Infektionen war insofern die leichtere Aufgabe, weil sie den Rundumschlag erlaubte. Je mehr sich aber Erleichterungen und Beschränkungen diversifizieren, desto größer ist der Druck auf die Politik, sie auch individuell zu rechtfertigen, weil jedes Mal Individuen profitieren oder zu leiden haben - der Kompromiss allein ist da immer weniger ein Wert an sich.

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Viel ist vom Vertrauen die Rede, das die Politik zuletzt erworben habe. Es wird aber auch mal über das Vertrauen zu reden sein, das der Staat umgekehrt in die Bürger setzt. Die Überzeugungskraft der Politik muss die Patrouillen der Polizei ersetzen. Den Verantwortlichen droht sonst sogar eine Teilentmachtung, wenn gesunder Menschenverstand und selbstbewusste Rechtsprechung sich verbünden. Die Normalität der Krise ist neu, man muss sie begreifen. Aber sie macht nicht automatisch alles normal, was unnormal ist.

© SZ vom 17.04.2020/cku
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