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Coronavirus in Deutschland:Behörden suchen 300 Besucher einer Karnevalsveranstaltung in Gangelt

  • Das neuartige Coronavirus breitet sich in Deutschland weiter aus, bislang gab es 26 bekannte Infektionen.
  • Besonders Augenmerk liegt auf der NRW-Gemeinde Gangelt, in der fünf nachweislich Infizierte wohnen, darunter ein Erkrankter in kritischem Zustand.
  • In Baden-Württemberg haben sich drei weitere Menschen infiziert.
  • Die Bundesregierung richtet einen Krisenstab ein. Gesundheitsminister Spahn spricht vom "Beginn einer Epidemie".

Nach den fünf bestätigten Coronavirus-Fällen in Nordrhein-Westfalen suchen die Behörden nun mit größeren Aktionen nach möglichen weiteren Infizierten. In Gangelt im Kreis Heinsberg sind die etwa 300 Besucher einer Karnevalsveranstaltung aufgerufen, sich bei den Behörden zu melden. Alle Besucher und ihre Familien müssten für 14 Tage in häusliche Quarantäne gehen, teilte das NRW-Gesundheitsministerium in der Nacht zum Donnerstag mit. In Mönchengladbach läuft am Krankenhaus Maria Hilf die Suche nach Menschen, die Kontakt zu einem infizierten Arzt hatten. Das Virus SARS-CoV-2 verursacht die Lungenerkrankung Covid-19.

Alle bislang bekannten Infizierten in NRW hatten nach Erkenntnissen der Behörden Kontakt mit einem Ehepaar aus Gangelt, das im Moment an der Uniklinik Düsseldorf behandelt wird. Es sei nun entscheidend, alle Kontaktpersonen der Infizierten ausfindig zu machen, sagte ein Sprecher des NRW-Gesundheitsministeriums am Donnerstagmorgen.

Im Laufe des Tages erwarten die Behörden zahlreiche weitere Testergebnisse von Kontaktpersonen, die sich möglicherweise bei dem Ehepaar angesteckt haben könnten. Dazu zählen etwa die Kinder des Paares, die rund 65 Kinder einer Kita und Dutzende Teilnehmer der Karnevalsveranstaltung. Je nach Ergebnis dieser Tests würden die Behörden entscheiden, ob für weitere Personenkreise häusliche Quarantäne angeordnet wird.

Neu-Ulm warnt Besucher einer Kinovorstellung

In Baden-Württemberg haben sich unterdessen drei weitere Menschen mit dem Coronavirus infiziert. Bei zwei von ihnen handelt sich nach Angaben des Sozialministeriums um die Reisebegleiterin eines schon früher erkrankten 25-Jährigen aus Göppingen und deren Vater.

Die dritte Patientin ist eine 32-Jährige aus dem Landkreis Rottweil, die ebenfalls aus dem Risikogebiet in Italien eingereist ist. Das Landratsamt in Neu-Ulm warnte am Mittwoch Kinobesucher, die sich wie die Erkrankte am Samstagabend im Neu-Ulmer Kino Dietrich-Theater den Film "Bad Boys for Life" angeschaut haben. In dem Saal des Kinos seien 138 Besucher gewesen. "Die Möglichkeit einer Ansteckung mit dem neuartigen Coronavirus besteht für Personen, die mindestens 15 Minuten in Gesicht-zu-Gesicht-Kontakt mit dem Erkrankten waren", heißt es in einer Mitteilung der Kreisbehörde. Auf welche Besucher das möglicherweise zutreffe, könne im Nachhinein nicht näher bestimmt werden.

Gesundheitsminister Spahn spricht von Epidemie

Gesundheitsminister Jens Spahn erwartet eine deutlich stärkere Verbreitung des Virus. "Wir befinden uns am Beginn einer Corona-Epidemie in Deutschland", sagte Spahn am Mittwoch. "Die Infektionsketten sind teilweise - und das ist eine neue Qualität - nicht nachzuvollziehen." Vor diesem Hintergrund sei es fraglich, ob die bisherige Strategie zum Eingrenzen des Virus und zum Beenden der Infektionsketten weiter aufgehe. Angesichts der Ausbreitung des Virus hat die Bundesregierung einen Krisenstab gebildet. Spahn und Innenminister Horst Seehofer wollen am Donnerstag in Berlin über die Einrichtung des gemeinsamen Krisenstabes ihrer Ministerien informieren.

Die ersten Fälle des Virus in Deutschland hatte es in Bayern gegeben. Die zuvor registrierten 16 Patienten wurden fast alle als genesen aus dem Krankenhaus entlassen. In Deutschland sind damit bislang nachweislich 26 Menschen infiziert worden.

Die Krankenhäuser sind nach Einschätzung des Marburger Bundes auf eine Ausbreitung des neuen Coronavirus gut vorbereitet. Die Kliniken verfügten über klare Strukturen dazu, was im Fall von Infektionen zu tun sei, sagte die Vorsitzende des Ärzteverbands, Susanne Johna, in Berlin. "Wir sind in Deutschland gut aufgestellt, aber wenn das Infektionsgeschehen außer Kontrolle gerät und Infektionsketten nicht sicher nachvollzogen werden können, wird es schwerer, die Krankheit einzudämmen", sagte Johna.

Die deutschen Kommunen warnen angesichts der Ausbreitung des Coronavirus vor Panik. "Deutschland ist nicht erst seit Bekanntwerden des neuen Virus sehr gut auf einen möglichen Ausbruch von Pandemien vorbereitet", sagte Gerd Landsberg, Hauptgeschäftsführer des Deutschen Städte- und Gemeindebundes, dem RedaktionsNetzwerk Deutschland. "Derzeit besteht in Deutschland trotz der jetzt aufgetretenen Infektionsfälle mit dem Coronavirus kein Grund zur Panik."

Zum Schutz vor diesem wie auch anderen Viren empfehlen Experten gewöhnliche Hygienemaßnahmen: regelmäßiges Händewaschen, Desinfektionsmittel und Abstand zu Erkrankten. Den Nutzen von normalen Atemmasken - wie derzeit in China und anderen Ländern überall auf den Straßen zu sehen - schätzen Experten als eher gering ein. Helfen kann es, Umarmungen und Händeschütteln einzuschränken und von vielen Menschen berührte Oberflächen wie Türklinken, Haltegriffe und Aufzugknöpfe nicht anzufassen. Wer aus Gebieten zurückkehrt, in denen Covid-19-Fälle vorkommen und innerhalb von 14 Tagen nach der Rückkehr Fieber, Husten oder Atemnot entwickelt, soll nach Möglichkeit zuhause bleiben, sich telefonisch bei einem Arzt melden und das weitere Vorgehen abklären.

© SZ/dpa/rtr/saul/bix/mpu/lot/jsa/bepe/thba
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