Coronavirus:"Wir stehen am Anfang der Herbst-/Wintersaison"

Die Corona-Zahlen steigen rapide, Booster-Impfungen kommen nicht richtig voran und Mediziner sorgen sich. Ein Überblick zur aktuellen Lage.

Von Julia Bergmann und Philipp Saul

Der Winter naht, die Temperaturen sinken und die Corona-Zahlen in Deutschland steigen. Wie schon im ersten Jahr der Pandemie bewegt sich die Kurve der Neuinfektionen im Oktober deutlich nach oben, das Robert-Koch-Institut (RKI) meldet derzeit täglich große Inzidenzsprünge: Innerhalb von einer Woche stieg der Wert von 85,6 um mehr als die Hälfte auf 130,2 an. Er ist nun so hoch wie seit Anfang Mai nicht mehr. Sollte sich der Anstieg fortsetzen, steuert das Land auf Werte zu, wie es sie bislang nur in der Weihnachtszeit 2020 gab, als die Inzidenz zeitweise bei deutlich mehr als 200 lag. In einigen Bundesländern ist das schon jetzt der Fall: In Bayern, Sachsen und Thüringen liegen die Werte teils deutlich darüber.

Deutschland befindet sich mitten in der nächsten Welle und die Gründe dafür sind offenbar ähnlich wie vor einem Jahr. Wegen der kälter werdenden Temperaturen gibt es immer mehr Kontakte in Innenräumen, wo sich das Virus leichter verbreiten kann als draußen. "Wir stehen am Anfang der Herbst-/Wintersaison", warnt der Präsident der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (Divi), Gernot Marx, im Gespräch mit der Funke-Mediengruppe.

Mit dem Anstieg der Inzidenzen rechnen Intensivmediziner auch wieder mit einer Zuspitzung der Lage auf den Intensivstationen. Gerald Gaß, der Vorsitzende der Deutschen Krankenhausgesellschaft, sagt dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND), das Land befinde sich in einer "kritischen Situation der Pandemie".

Die Zahl der Patienten, die mit einer Covid-Erkrankung in Kliniken versorgt werden müssten, ist deutlich gestiegen. Am Mittwoch wurden 1761 schwererkrankte Corona-Patienten gemeldet, die intensivmedizinisch versorgt werden mussten. Laut Divi sank die Zahl der verfügbaren Intensivbetten am gleichen Tag auf 2535. "Wenn diese Entwicklung anhält, haben wir schon in zwei Wochen wieder 3000 Patienten auf Intensivstationen", warnte Gaß. Bald könne es wieder so weit sein, dass man nicht dringliche Operationen verschieben müsse.

Helfen könnten Booster-Impfungen, insbesondere bei Älteren und Risikogruppen

Auch die sogenannte Hospitalisierungsrate steigt weiter an. Am Mittwoch lag sie bei 3,07. Sie gibt an, wie viele Menschen pro 100 000 Einwohner in einer Woche mit einer Corona-Erkrankung ins Krankenhaus eingeliefert werden. Der Wert liegt allerdings noch weit unter dem bisherigen Höchstwert von etwa 15,5 um die Weihnachtszeit 2020.

Dennoch gibt der Anstieg Grund zur Sorge. Denn gleichzeitig ist seit Januar die Gesamtzahl der Intensivbetten drastisch gesunken - um etwa 4000 auf etwa 22 200. "Dahinter steckt keine böse Absicht - es fehlt schlicht das geschulte Pflegepersonal", erklärt der frühere Divi-Präsident Uwe Janssens, der als Chefarzt für Innere Medizin und Intensivmedizin in Eschweiler bei Aachen arbeitet. "Die zurückliegenden, zermürbenden Monate haben zu einer Verschlechterung der Stimmung und zu weiteren Kündigungen von Stammpflegekräften geführt."

Damit weniger Menschen mit Covid-19 ins Krankenhaus kommen, müsse die Impfquote deutlich erhöht werden, fordern Experten. Der Vorsitzende des Weltärztebundes, Frank Ulrich Montgomery, mahnt in der Augsburger Allgemeinen, wer sich jetzt nicht impfen lasse, obwohl er es machen könnte, riskiere sein Leben und das seiner Mitmenschen. "Bei hoher Durchimpfung der Bevölkerung gibt es sehr viel mehr milde Verläufe - die müssen nicht ins Krankenhaus, aber viele Ungeimpfte erkranken nach wie vor schwer", sagt Montgomery.

Derzeit sind mindestens 55,2 Millionen Menschen vollständig geimpft. Das entspricht etwa 66,4 Prozent der Gesamtbevölkerung. Wegen einer lückenhaften Erfassung im Meldesystem geht das Robert-Koch-Institut davon aus, dass die tatsächliche Impfquote bis zu fünf Prozentpunkte höher liegt. Dass mit der Zeit mehr Infektionen bei Geimpften verzeichnet werden, ist laut RKI "erwartbar". Das liege daran, dass immer mehr Menschen geimpft seien und sich das Virus vermehrt ausbreite. "Dadurch steigt die Wahrscheinlichkeit, als vollständig geimpfte Person mit dem Virus in Kontakt zu kommen."

Auch in Pflegeeinrichtungen gibt es dem RKI zufolge wieder mehr Corona-Ausbrüche. Helfen könnten Drittimpfungen gegen Covid-19, insbesondere bei Älteren und Risikogruppen, damit weitere Antikörper gebildet werden. Die sogenannten Booster-Impfungen können in der Regel sechs Monate nach der zweiten Spritze verabreicht werden. Ärztevertreter beklagen aber fehlende bundesweit einheitliche Regelungen, so dass es mancherorts Verzögerungen gebe.

Lauterbach fordert generell drei Tests pro Woche in den Schulen

Weil auch die Zahl der erkrankten Kinder steigt, wird der Ruf nach Impfungen für Kinder ab fünf Jahren lauter. Dieser Forderung steht Thomas Mertens, der Vorsitzende der Ständigen Impfkommission (Stiko), bislang zurückhaltend gegenüber. "Je geringer die Krankheitslast in einer Gruppe, umso sicherer muss die Impfung sein." Außerdem müssten durch eine Freigabe des Impfstoffs für Kinder positive Effekte - klinisch wie auch psychosozial - erwartbar und spürbar sein. Die Europäische Arzneimittel-Agentur EMA will angeblich möglichst noch vor Weihnachten eine Empfehlung zum Impfstoff von Biontech/Pfizer für Kinder im Alter von fünf bis elf Jahren abgeben. In den USA wird noch in dieser Woche mit der Zulassung dieser Impfung gerechnet, nachdem ein Expertengremium der Arzneimittelbehörde dies empfohlen hat.

Das hohe Reiseaufkommen und die kalten Temperaturen könnten auch Auswirkungen auf die Schulen haben. Der SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach warnt für die kommenden Monate: "Wir werden nach den Herbstferien deutlich mehr Ausbrüche in den Schulen erleben, weil die Kinder nicht mehr lange lüften können." Er schlägt vor, dass es in Schulen künftig generell dreimal in der Woche morgendliche Antigen-Tests geben solle. Kontaktpersonen von Infizierten sollten an fünf aufeinanderfolgenden Tagen getestet werden. "So könnten wir die unkontrollierte Pandemie an den Schulen praktisch beenden."

Die möglichen künftigen Regierungspartner SPD, Grüne und FDP wollen für eine Übergangszeit bis zum 20. März eine neue rechtliche Basis für Corona-Vorgaben schaffen und die gesetzliche Sonderlage beenden. Damit sollen die Länder weiterhin "weniger eingriffsintensive" Maßnahmen anordnen können - etwa Masken oder Zugangsregeln nur für Geimpfte, Genesene und Getestete. Wie es danach weitergeht? Ob ab dem 21. März alle Corona-Maßnahmen fallen? Das werde sich zeigen, sagt Lauterbach. "Das ist auch davon abhängig, ob noch Virusvarianten auftreten werden."

Mit Material der Agenturen

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