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Nachwuchs in der Corona-Krise:Lasst die Kinder endlich wieder teilhaben

GEW Sachsen zur Öffnung von Kindertageseinrichtungen und Schulen

Schüler einer vierten Klasse in Dresden zu Beginn des Unterrichts.

(Foto: Sebastian Kahnert/dpa)

Ausgerechnet Schulen und Kindergärten sollen Null-Risiko-Ansprüche erfüllen, die es sonst auch nirgendwo gibt. Das ist den Kindern gegenüber nicht fair - es schadet ihnen sogar.

Kommentar von Henrike Roßbach, Berlin

Am Anfang war der Lockdown, und er war ein großer Gleichmacher. All die Einschränkungen und Verbote trafen so gut wie jeden, weshalb kaum Raum da war für das Gefühl, dass es ungerecht zugehe in der Krise. Das aber ist vorbei. Seit gelockert wird, ist Deutschland ein Land der vielen Geschwindigkeiten, und je länger diese Lockerungsübungen andauern, desto deutlicher zeichnet sich ab, dass ausgerechnet die Kinder ins Schlussfeld bugsiert werden.

Ja, die Schulen sind wieder geöffnet. Viele Grundschüler aber gehen nur einen Tag in der Woche für wenige Stunden in die Schule. Weil an den anderen Tagen gerade bei den Kleineren mitnichten echter Onlineunterricht stattfindet, ist das letztlich nur eine ziemlich klägliche Simulation von Schule, die Kindern und Eltern unverhältnismäßig viel abverlangt. Auch viele Kita-Kinder sind nach wie vor zu Hause, mittlerweile seit vielen Wochen.

Mitten in dieser Misere fordern Kinderärzte nun, die Schulen und Kitas wieder zu öffnen. Und zwar sofort und in den normalen Klassen und Gruppen, also ohne die derzeit praktizierten Kleinstgruppen im Schichtbetrieb und auch ohne Abstandsgebot innerhalb der Kleinstgruppen. Offenbar zeigt die Studienlage immer deutlicher, dass Kinder sich und andere seltener mit dem Coronavirus anstecken als Erwachsene es tun. Deshalb halten die Mediziner es für ausreichend, stabile Gruppen zu bilden, die sich nicht mit anderen Gruppen mischen. Die schiere Gruppengröße, derzeit ein Fixpunkt aller Schul- und Kita-Hygienepläne, halten sie dagegen für weniger entscheidend. Während Sachsen ein solches Modell in den Grundschulen seit dieser Woche praktiziert, gehen am anderen Ende der Lockerungsskala die Gegner einer weiteren Öffnung auf die Barrikaden.

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Der Vorschlag, den bisherigen Modus der Schul- und Kita-Öffnung ob seiner vielen Nebenwirkungen zu überdenken, ist aber nicht nur legitim, sondern er zielt auch genau auf den Kern der Öffnungsproblematik. Jede Lockerung bringt zwingend ein gewisses Risiko mit sich, weshalb, seit überhaupt gelockert wird, ein stetes Abwägen stattfindet. Die Frage lautet: Welches Infektionsrisiko ist die Gesellschaft bereit in Kauf zu nehmen, um die Kollateralschäden der Anti-Corona-Maßnahmen abzumildern? Antworten wurden gegeben für die Wirtschaft, die Versammlungsfreiheit, die Religionsfreiheit, ja auch für die Reisefreizügigkeit - und sie sind im Großen und Ganzen akzeptabel. Die Antworten aber, die bislang für das Recht der Kinder auf Bildung, Teilhabe und Chancengerechtigkeit gegeben wurden, sind es nicht.

Ein Null-Risiko-Umfeld lässt sich nirgendwo schaffen, wo gelockert wird. Besonders angestrengt sind die Versuche aber ausgerechnet in den Schulen und Kitas. Das ist nicht fair, sagt aber eine Menge über den Stellenwert, den Kinder in einer Gesellschaft haben. Die Suche nach einem anderen Weg, der vielleicht ein etwas höheres, aber immer noch kalkulierbares Risiko mit sich bringt, ist nicht verantwortungs- und rücksichtslos, sondern das genaue Gegenteil. Erwachsene bewegen sich jetzt in einem Umfeld, in dem sie sich im Biergarten treffen dürfen und es kaum erwarten können, im Sommer im Hotel ihrer Wahl einzuchecken. Nun ist es höchste Zeit, auch in Kindern wieder mehr zu sehen als ein epidemiologisches Risiko.

© SZ.de/mcs/cat
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