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Corona-Pandemie in Deutschland:Große Städte, große Sorgen

Berlin, Hamburg, Frankfurt, München und anderswo: In den Metropolen steigen die Infektionszahlen, die Behörden werden immer strenger. Doch ein Patentrezept ist nicht in Sicht.

Von Anika Blatz und Lea Weinmann

Kirsten Gerstner erlebt nach eigenen Worte gerade "den absoluten Irrsinn". Das Telefon der Sprecherin des Gesundheitsdezernats Frankfurt steht nicht mehr still, seit das Robert-Koch-Institut (RKI) am Freitag meldete, dass Zahl der Infizierten in der Stadt die kritische Marke von 50 Neuinfektionen pro 100 000 Einwohner in den vergangenen sieben Tagen überstiegen hat - und Frankfurt damit als innerdeutsches Risikogebiet gilt.

In der Folge beschloss der städtische Corona-Verwaltungsstab - ähnlich wie zuvor schon Berlin - Kontaktbeschränkungen im privaten Raum, eine Sperrstunde von 23 Uhr an, sowie ein Alkoholverbot auf bestimmten öffentlichen Plätzen. Mit den neuen Maßnahmen erhoffe sich die Stadt, die Leute wachzurütteln, sagt Gerstner. "Auf die Pauke hauen", nennt das der grüne Gesundheitsdezernent Stefan Majer. Mittlerweile ist laut Majer jeder vierte Test in Frankfurt positiv.

Auch in Berlin, Köln und Bremen überschritten die Neuinfektionswerte die Alarmmarke, andere Städte wie Stuttgart meldeten eine Sieben-Tage-Inzidenz teils deutlich oberhalb der Vorwarnstufe von 35 Neuinfektionen pro 100 000 Einwohnern und verkündeten strengere Regeln. Stuttgart hat am Mittwoch die maximal zulässige Personenzahl bei privaten Treffen nach unten geschraubt, weitere Schritte könnten folgen. "Wir haben das Licht etwas gedimmt, aber es ist immer noch hell", sagt der Stadtsprecher Sven Matis. Er rechnet jedoch damit, dass die Fallzahlen noch "erheblich" steigen könnten.

Nachsteuern, "bis die Maßnahmen Wirkung zeigen"

Der Grat, an dem sich die Städte entlanghangeln, ist schmal: Wie viel Freiheit darf, wie viel Einschränkung muss sein? Um die Kontrolle über die Ausbreitung des Virus nicht zu verlieren, müssen die Gesundheitsämter die Kontaktketten von Infizierten umfassend nachverfolgen können. Und das ist schnell nicht mehr leistbar, wenn die Fallzahlen explodieren.

In München, wo die Sieben-Tage-Inzidenz schon im September die 50er-Marke überschritten hatte, half zwischenzeitlich die Bundeswehr aus. Dort zeigten die neuen Corona-Maßnahmen offensichtlich Wirkung, der Inzidenzwert sank Anfang Oktober zunächst. Am Freitag meldete das RKI für die bayerische Landeshauptstadt aber wieder höhere Infektionszahlen. Deshalb bleiben die Beschränkungen in großen Teilen weiterhin in Kraft. So gilt am Wochenende immer noch ein nächtliches Verbot von Alkoholverkauf und -konsum an den bekannten Hotspots der Stadt.

Auch in Großstädten, in denen die Alarmschwelle noch nicht erreicht ist, sieht man die Entwicklung mit Sorge. Düsseldorf etwa - Inzidenzwert: 26,1 - stellt sich schon jetzt auf neue Einschränkungen ein. Sollten die Corona-Zahlen weiter steigen, liegen Konzepte bereit, die unter anderem ein nächtliches Alkohol- und Musikverbot in der Altstadt vorsehen.

Hamburg steht nach eigener Rechnung bei einem Wert von 36,1. Sollte dieser so bleiben oder noch steigen, ergreife der Senat zusätzliche Maßnahmen, etwa eine Maskenpflicht, kündigte Bürgermeister Peter Tschentscher bereits an. "Wir werden so lange nachsteuern, bis die Maßnahmen Wirkung zeigen", sagt der Sprecher der Sozialbehörde, Martin Helfrich.

Mehr Personal zur Verfolgung von Kontaktketten

In Dortmund - Inzidenz 26,3 - bewerten die Behörden die Lage noch etwas entspannter. Durch eine akribische Zurückverfolgung der Infektionsketten sei es gelungen, das Infektionsgeschehen einzudämmen, sagt die Stadtsprecherin Anke Widow: "Der Aufwand dafür ist enorm, aber es ist eine Strategie, die funktioniert." 94 Mitarbeiter des Gesundheitsamts verfolgen die Kontakte von Infizierten, im Winter sollen es 140 Kräfte sein.

Im Personaleinsatz bei der Verfolgung von Kontaktketten sieht man auch in Leipzig den Schlüssel zur wirksamen Pandemie-Eindämmung. Dafür brauche es "ein Gesundheitsamt, das personell vernünftig aufgestellt ist und das die Lage rigoros ernst nimmt", sagt der Stadtsprecher Matthias Hasberg. Ergebnis der Bemühungen: "Wir erwischen im Grunde jeden, uns rutscht so gut wie niemand durch." Leipzig ist derzeit die einzige Großstadt Deutschlands, die nicht über Beschränkungen nachdenkt. Die Sieben-Tage-Inzidenz liegt bei gerade mal 12,1.

Ein Patentrezept ist das nicht. In Hamburg etwa wird die Kontaktnachverfolgung genauso ernst genommen - aber sie läuft hier nicht so reibungslos. Es hapere bei der Akzeptanz in der Bevölkerung, sagt der Behördensprecher Helfrich: "Die Bereitschaft zur Kooperation bei der Nachverfolgung nimmt ab." Auskünfte würden verweigert, Telefonate abgebrochen. "Der Aufwand wird dadurch immer größer, für solche Sonderprobleme reichen schon jetzt die personellen Ressourcen nicht", sagt Helfrich. Man sei auf die Kooperation der Infizierten angewiesen. Bleibt diese aus, kommt eine Stadt schnell an ihre Grenzen.

© SZ vom 10.10.2020
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