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Corona-Krise:Profiteure aus China

Botschaften in einem Bus in China weisen darauf hin, dass Italien in der Corona-Krise Unterstützung braucht (Forza, Italia!).

(Foto: AFP)

Die Volksrepublik hat anfänglich die Corona-Krise verschleppt, jetzt inszeniert sich Peking als Retter Europas. Das ist gefährlich.

Gäbe es in Peking einen speziellen Stapel für Hilfsgesuche und Huldigungen, so hätte er in den vergangenen Tagen eine beträchtliche Höhe erreicht. Aus vielen Teilen Europas treffen bei der chinesischen Führung Bitten um Unterstützung ein, zuletzt aus dem von der Corona-Pandemie betroffenen nordrhein-westfälischen Landkreis Heinsberg. Mit Anerkennung werden überdies Chinas Siegesmeldungen im Kampf gegen das Virus zur Kenntnis genommen, etwa die Nachricht, dass die Abriegelung der Stadt Wuhan bald beendet werden soll.

In bemerkenswertem Tempo hat sich China in der öffentlichen Wahrnehmung vom Ausgangspunkt der Pandemie verwandelt in einen Retter in der Not. Unter den vielen langfristigen Folgen der Weltcoronakrise zeichnet sich da womöglich bereits eine der gravierendsten ab.

Der überschwängliche Dank etwa des serbischen Präsidenten Aleksandar Vučić für chinesische Hilfe und sein verbitterter Abschied vom "Märchen" europäischer Solidarität ist dabei nur schrillster Ausdruck des verbreiteten Gefühls, dass China sich handlungsfähig erweist, wo die Europäische Union versagt. Zwar ist gegenseitige Hilfe in Europa mittlerweile durchaus in die Gänge gekommen, die Schwerfälligkeit der EU in den ersten Wochen der Krise aber wird ihr noch lange nachhängen. China auf der anderen Seite wird jede Gelegenheit nutzen, dort anzuknüpfen, wo es schon lange vor der Krise begonnen hat.

Ziemlich gut beschrieben ist das in einem Papier, das der Bundesverband der Deutschen Industrie vor gut einem Jahr veröffentlicht hat. Gewarnt wird die europäische Politik darin davor, das chinesische Streben nach wirtschaftlicher und technologischer Dominanz zu unterschätzen. Mit dem Projekt der neuen Seidenstraße ringt China schon seit geraumer Zeit um Einfluss in Europa, wobei es stets auch auf Spaltung gesetzt hat.

Peitsche zum Zuckerbrot

Wirtschaftlich schwächere Staaten im Osten und im Süden der EU lockte die Führung in Peking mit scheinbar attraktiven Investitionen. Zum Zuckerbrot kam die Peitsche. Auf Kritik an seiner Politik gegenüber Hongkong und Taiwan oder an der Unterdrückung der Uiguren reagierte China mit erbarmungslosem Druck.

China geht es eben schon lange nicht mehr nur um wirtschaftlichen Aufstieg, sondern um Geländegewinne im Systemwettbewerb. Auch in der Weltcoronakrise wird es die Überlegenheit der Diktatur gegenüber der Demokratie unter Beweis stellen wollen. Und so kann es nicht verwundern, dass mit chinesischen Ärzten und Atemmasken auch Handlungsanweisungen nach Europa gelangen.

Es muss nun möglich sein, chinesische Hilfe anzunehmen, ohne dabei einen realistischen Blick auf den Absender zu verlieren. Das angeblich überlegene autoritäre System hat mit Geheimnistuerei und Duckmäusertum die Ausbreitung des Virus am Anfang begünstigt und ist maßgeblich verantwortlich für eine globale Jahrhundertkrise. Bitter wäre es, würde es nun auch noch zum größten Profiteur.

Die Gefahr besteht. Unter dem überforderten Donald Trump werden die USA kaum selbst mit der Pandemie fertig. Global ist derzeit von ihnen folglich wenig zu erwarten. Die EU scheint sich zu berappeln, aber zu langsam. Auch deshalb kommt nach dem Einsatz gegen die akute Pandemie auf die dann wirtschaftlich geschwächten Europäer ein längerer Kampf zu: der um die Selbstbehauptung.

© SZ vom 25.03.2020
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