Bundeswehr in der Coronakrise:Anpacken im Altersheim - ein Einsatz mit Symbolkraft

Im Lagezentrum arbeiten ansonsten vier Leute. Heute sind es 40, für die zur großen Herausforderung gehört, sich nicht zu nahe zu kommen. So ergibt sich für Oberst Armin Schaus, 48, ein interessantes Anschauungsobjekt. Er ist Dozent an der Führungsakademie in Hamburg und dort Spezialist für die nationale Operationsführung. Nur, jetzt wird er in Berlin gebraucht und baut Strukturen mit auf, die es vorher so nicht gab. "Was ich hier lerne, das nehme ich später mit nach Hamburg", sagt er.

Am Anfang der Krise war die Sorge groß, dass die zivilen Strukturen in Deutschland in die Knie gehen könnten. Die Bundeswehr stelle sich auf den "schlimmsten Fall" ein, hatte Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU) im März erklärt, als sich die Lage von Tag zu Tag zuspitzte. Es gehe darum, die "Durchhaltefähigkeit" der zivilen Strukturen sicherzustellen.

In Baden-Württemberg hatte das Virus schon bedrohlich unter Polizisten um sich gegriffen. Es wurde überlegt, Soldaten zu deren Unterstützung einzusetzen. Das Grundgesetz setzt dem Einsatz der Bundeswehr im Inneren aber enge Grenzen - über technische Amtshilfe wäre dieser Wunsch wohl hinausgegangen, weil die Soldaten womöglich hoheitliche Aufgaben übernommen hätten. Aber so weit kam es dann nicht.

Die Rechtsberater waren auch gefragt, als Gesundheitsämter Soldaten einsetzen wollten, um Kontaktpersonen von Infizierten nachzuspüren. Wie weit dürfen diese gehen? Leute anrufen, sie zu weiteren Kontaktpersonen befragen, das ginge in Ordnung. Aber ob Quarantäne veranlasst wird, diese Frage muss das Personal des Gesundheitsamtes klären, keinesfalls Soldaten.

Seit ein paar Wochen sieht es nun so aus, als sei das Virus vorerst unter Kontrolle. Die staatlichen Strukturen hätten sich zudem als sehr robust erwiesen, sagt Breuer. Er schaut auf seine Zahlen. Allein an diesem Tag könnte er noch 12 922 Kräfte seines Kontingentes in den Kampf gegen das Virus schicken, lediglich 693 leisteten bereits Amtshilfe. "Es hätte auch anders kommen können", sagt er. Aber auch er könne natürlich nicht sagen, was noch komme.

Wenn die Bundeswehr hilft, geht es nicht allein um die Fragen: Kann sie das leisten, was von ihr verlangt wird? Darf sie das? Die Corona-Krise bietet ihr auch die seltene Möglichkeit, mal wieder anders auf sich aufmerksam zu machen als bloß als Kostenfaktor.

Von starker symbolischer Kraft ist der Einsatz von Soldaten in Altersheimen, jene Orte also, wo früher ausgerechnet Wehrdienstverweigerer anzutreffen waren. In etwa 20 Einrichtungen ist die Truppe im Einsatz, nimmt den Pflegekräften das Tragen von Tabletts ab, hilft beim Desinfizieren und Brotschmieren.

So macht sich die Bundeswehr sichtbar

Musiker vom Stabsmusikkorps, die nahe der Operationszentrale ihr Hauptquartier haben und sonst vor dem Kanzleramt für Staatsgäste spielen, touren jetzt in kleiner Besetzung durch Heime. Dort spielen sie Stücke von Ernst Mosch, Udo Jürgens und den Beatles. "Das ist etwas ganz Neues für uns", sagt Alexander Kalweit, der Zweite Musikoffizier des Stabsmusikkorps. Wochenlang hatten sie Zwangspause. "Keine Musik mehr zu machen, fühlte sich leer an", sagt er. Aber jetzt spielen sie wieder.

Bundeswehr in der Coronakrise: Mehr als 30 000 Kräfte gegen das Virus im Einsatz: Blick in die Operationszentrale der Bundeswehr in Berlin.

Mehr als 30 000 Kräfte gegen das Virus im Einsatz: Blick in die Operationszentrale der Bundeswehr in Berlin.

(Foto: Mike Szymanski)

Vor allem Ministerin Kramp-Karrenbauer dürfte das gefallen. "Vielen ist nicht bewusst, was die Bundeswehr für uns alle leistet und wo sie überall im Einsatz ist", klagte die Ministerin noch im Herbst vergangenen Jahres. Um das zu ändern, hatte sie sich nach jahrelanger Pause für ein öffentliches Gelöbnis vor dem Reichstag in Berlin eingesetzt. Soldaten in Uniform dürfen seit Jahresbeginn kostenlos Bahnfahren. Die größte Chance liegt aber jetzt darin, in der Corona-Krise zu bestehen.

Welches Bild von der Bundeswehr in Erinnerung bleibt, dürfte wichtig werden für später, wenn der Haushalt saniert werden muss und die Frage aufkommt: Wo wird gespart? Im besten Fall erinnert man sich an die Helfer. Breuers Leute stehen bereit.

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