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Bundeswehr in der Coronakrise:Wie die Truppe hilft

Coronavirus - Weißenfels

Eine Bundeswehrsoldatin trägt Schutzausrüstung in ein Testzelt für ein Corona-Screening.

(Foto: Hendrik Schmidt/dpa)

Aufspüren von Kontaktpersonen Infizierter, Unterstützung in Pflegeheimen - in der Coronakrise wollen Hunderte Kommunen und Behörden Hilfe von der Bundeswehr. Die stellt mehr als 30 000 Leute bereit - und sieht den Einsatz auch als Chance.

Es ist kurz vor 7.30 Uhr in der Julius-Leber-Kaserne in Berlin. Draußen kündigt sich ein sonniger Frühlingstag an. Davon werden die Soldatinnen und Soldaten, die zur Frühschicht angetreten sind, in den nächsten Stunden jedoch nicht viel mitbekommen. "Operationszentrale" steht draußen an dem flachen Gebäuderiegel. Drinnen wird ihr Blick auf Karten und Computer gerichtet sein. Sie werden am Telefon hängen, E-Mails lesen und die Nachrichten verfolgen, bis die Ablösung kommt. Denn wer weiß schon, wo in Deutschland es bald wieder losgeht - und wann?

In der Berliner Julius-Leber-Kaserne ist das Kommando Territoriale Aufgaben untergebracht, das die Krisenhelfer der Bundeswehr zu Corona-Zeiten befehligt. Ein Tag im nationalen Lagezentrum der Bundeswehr beginnt. Die Frische, die der Kommandeur, Generalmajor Carsten Breuer, mit seinem kraftvollen "Guten Morgen" mit ins Gebäude trägt, wird aber schnell verfliegen. Denn dieser Einsatz ist anders, viel fordernder.

Die Truppe hilft, wenn sie darum gebeten wird. Artikel 35 Grundgesetz regelt die Amtshilfe. Wenn Hochwasser kommt, schleppen die Soldaten Sandsäcke. Wenn es nicht aufhört zu schneien, befreien sie Dächer von der Last. Die Bundeswehr kommt sogar, wenn der Borkenkäfer zu seinem zerstörerischen Werk ansetzt. Aber dieser Gegner ist neu und er ist anders. Er ist unsichtbar und vor allem: Er kann überall gleichzeitig auftauchen. Die Bundeswehr kämpft gegen ein Virus.

Wie gerade die Lage ist?

Breuer, 55 Jahre alt und von zupackender Natur, biegt in den Besprechungsraum ab. Mit Krisen kennt er sich aus. Beim Elbehochwasser 2002 hatte er eine Panzergrenadierbrigade unter sich und war im Gummistiefel-Einsatz. Links im Raum hängt bis hoch zur Decke eine Deutschlandkarte, an der Stirnseite steht eine Projektionswand für Grafiken und Tabellen.

Breuers Führungsleute sitzen an Pulten so weit auseinander, als hätte jeder eine wichtige Prüfung abzulegen und dürfte nicht schummeln. Auf einem Plakat an der Tür steht: "Wir sind mit Abstand am besten." Jetzt darf nicht mehr geplaudert werden. In Raum 105, gleich neben der Operationszentrale, beginnt das Briefing: "Herr General - ich melde die Einsatzlage."

Gerade sind wieder neue Anträge auf Amtshilfe eingetrudelt. Sonthofen etwa wünscht sich Unterstützung für einen Amtsarzt. In Düsseldorf sollen Jodtabletten ausgelagert werden, um Platz für medizinische Güter zu schaffen. Neuwied will eine mobile Abstrichstation aufbauen und schafft es nicht alleine.

Bei der Ausstattung gerät die Bundeswehr schnell an Grenzen

Im ganzen Jahr 2019 landeten bei der Bundeswehr etwa 240 Anträge auf Amtshilfe. An diesem Tag im Mai steuert die Zahl für 2020 bereits auf insgesamt 500 zu. Jeden Tag kommt eine Handvoll neuer Anträge hinzu. In den ersten Wochen der Krise waren es täglich manchmal mehr als 20.

Aus Sachsen kam der Wunsch, 75 Soldaten vier Wochen lang im Kampf gegen den Borkenkäfer einzusetzen, aber das muss jetzt wegen Corona warten: "Abgelehnt". Anfangs ging es oft um Masken, Schutzkittel und Beatmungsgeräte der Bundeswehr, die angefragt worden waren, sowie um Truppenärzte und Sanitäter, die aushelfen sollten. Da gelangte die Bundeswehr aber schnell an ihre Grenzen.

Jahrzehntelang wurde an der Bundeswehr gespart, das zeigt sich heute. "Viele haben die Vorstellung, dass die Bundeswehr das Warenhaus der Nation ist. Das ist aber nicht der Fall", sagt Breuer. "Die Bundeswehr hat in der Vergangenheit das angeschafft, was sie für den Eigenbedarf braucht." Mehr nicht.

Wo die Bundeswehr aber mit Personal, mit Händen und Muskelkraft sowie ihrer Infrastruktur aushelfen könne, da tue sie das nach Kräften. Die Bundeswehr hat in der Krise ein eigenes "Coronahilfe-Kontingent" aufgestellt, bis zu 15 000 Soldatinnen und Soldaten stehen bereit. Hinzu kommen noch einmal 17 000 Leute aus dem Sanitätsbereich. Zusammen sind das deutlich mehr als die 20 000 Soldaten, welche die Bundeswehr beim großen Hochwassereinsatz 2013 mobilisiert hatte.

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