Süddeutsche Zeitung

Coronavirus:Profiteure der Pandemie

  • Betrüger nutzen die Seuche, um Medizinprodukte zu Wucherpreisen anzubieten.
  • Seit dem Ausbruch der Krise floriere auch der Markt mit "gefälschten Gesundheits- und Sanitätsprodukten" und auch Medikamenten, teilt Europol mit.
  • Eine staatliche Agentur müsse jetzt her, fordert SPD-Gesundheitsexperte Lauterbach.

Von E. Dostert, F. Flade, M. Grill, L. Kampf, K. Ott, U. Ritzer und N. Wischmeyer

Zu viert sitzen sie zusammen und nähen gegen die Corona-Krise. Die vier, das sind Rüdiger Schmidt, der Chef des Pflegedienstes APS Cura in Bochum, zwei Pflegerinnen und ein Praktikant. Sie alle sind in ihrer Freizeit hier, nähen unermüdlich Maske um Maske für den Eigengebrauch. Klar sei das "nicht das Gelbe vom Ei", aber anders gehe es nicht, sagt Schmidt. 40 Masken hat APS kürzlich vom örtlichen Gesundheitsamt bekommen. "Das reicht vorne und hinten nicht", sagt Schmidt. Schon weil die Masken nur einen Tag halten und er 45 Mitarbeiter hat, die kranke Leute in deren Zuhause pflegen.

Im Internet hat der APS-Chef nach Lieferanten gesucht. Doch da seien viele Glücksritter unterwegs, die teils absurde Preise verlangten oder schlechte Qualität lieferten. Also nähen sie weiter in Bochum. Abends werden die Masken ausgekocht, damit man sie wiederverwerten kann. Krankenhäuser schicken bereits Patienten vorzeitig nach Hause, um Betten frei zu haben für Corona-Patienten. Scheitert die heimische Pflege, geht es aber in die andere Richtung. Ohne Schutzausrüstung müsse man Patienten wieder zurück in die Krankenhäuser schicken, warnt Schmidt.

So wie APS Cura in Bochum geht es vielen Pflegediensten, Kliniken und anderen, die sich um Kranke kümmern und Schutzkleidung brauchen - damit sich die Mitarbeiter nicht mit dem Coronavirus anstecken und womöglich ausfallen; damit das Gesundheitssystem nicht noch mehr be- oder gar überlastet wird. Doch der Markt für Masken aller Art, für Schutzbrillen, Handschuhe, Kittel und anderes ist außer Kontrolle geraten. Vielerorts fehlt es an Material, die Preise explodieren, Betrüger wollen Kasse machen, gefälschte Masken bringen Ärzte und Pfleger in Gefahr, Europol ermittelt, und der Bundesnachrichtendienst warnt: Das Versorgungsrisiko für Deutschland sei wegen "intransparenter Lieferketten" kaum einzuschätzen.

In dieser Lage kommt aus der Berliner Regierungskoalition ein Vorschlag, der weit über das hinausgeht, was die Regierung und Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) bisher auf den Weg gebracht haben. "Ich glaube, dass der Weltmarkt für diese Produkte in wenigen Wochen zusammenbrechen könnte", warnt der SPD-Bundestagsabgeordnete und Gesundheitsexperte Karl Lauterbach. Deutschland müsse sich unabhängig machen und Schutzkleidung selbst herstellen. "Dafür müsste aus meiner Sicht so schnell wie möglich eine Agentur, eine Bundesagentur, beauftragt werden, die deutschlandweit die Produktion der entsprechenden Produkte vorbereitet und vergibt", sagte Lauterbach am Sonntag im Gespräch mit Süddeutscher Zeitung, NDR und WDR. Hier müsse der Staat einspringen. "Das ist nichts, was der Markt auch nur im Ansatz lösen könnte."

Spahn versucht es mit einem neuen Modell, das aber für eine Krise eher schlecht geeignet ist

Wie sehr der Markt versagt, zeigen Recherchen bei Klinik-Einkäufern, Pflegediensten, Apotheken und Herstellern. In Gelsenkirchen bekommen Wolfgang Appelstiel und Olaf Berse - sie leiten die bundesweite Krankenhaus-Einkaufsgenossenschaft Clinicpartner - jede Menge dubioser Angebote. "Es ist Wildwest", klagt Berse, der mit Clinicpartner medizinisches Material aller Art für rund 400 Krankenhäuser, Pflegestationen und weitere Einrichtungen besorgt. Dubiose Geschäftemacher versuchten, sich zu bereichern. Das mache ihn mehr als wütend. Schließlich gehe es um Leben und Tod. Im nordbayerischen Schweinfurt sagt Dieter Wallström, Einkaufschef der Leopoldina-Klinik, "der Markt dreht völlig durch, und die Preise kippen ins Inflationäre". Manche Kollegen in anderen Krankenhäusern seien "so verzweifelt, dass sie fast alles kaufen", erzählt Wallström.

Auch Wilfried Buss, Geschäftsführer des Großhändlers Pharma Solutions aus dem sächsischen Zeithain, schüttelt nur noch den Kopf. "Es sind viele Goldgräber unterwegs." Buss bekam erst vor ein paar Tagen ein Schreiben vom Gewerbeaufsichtsamt, das vor dubiosen Anbietern warnte. "Jeder hält mittlerweile die Hand auf", sagt Buss, "sogar die Tippgeber, die einem nur sagen, wer vielleicht liefern könnte." Die europäische Polizei-Organisation Europol untersucht, wie Verbrecher von der Covid-19-Pandemie profitierten. Demnach setzen kriminelle Netzwerke verstärkt auf Betrügereien mit Schutzausrüstung oder sogar Medikamenten.

In einem Fall, so teilte Europol mit, habe eine europäische Firma für 6,6 Millionen Euro Schutzmasken und Desinfektionsgel bei einem Unternehmen in Singapur bestellt. Die Ware sei jedoch nie angekommen. Seit dem Ausbruch der Krise floriere auch der Markt mit "gefälschten Gesundheits- und Sanitätsprodukten" und auch Medikamenten. Weltweit haben Polizeibehörden laut Europol im Zuge einer koordinierten Operation zwischen dem 3. und 10. März mehr als 34 000 gefälschte OP-Masken sichergestellt.

In Berlin versuchen die Bundesregierung und Gesundheitsminister Jens Spahn derweil händeringend, diesen Markt wieder in den Griff zu bekommen. Drei Milliarden Euro stellt die Regierung zusätzlich für Schutzkleidung, Beatmungsgeräte und anderes mehr bereit. Um die Beschaffung zu beschleunigen, hat Spahn ein sogenanntes Open-House-Verfahren für Masken und Kittel gestartet. Im Prinzip läuft das so ab, dass der Staat nicht verhandelt, sondern bestellt, kauft und bezahlt. Sofern ein Hersteller mindestens 25 000 Masken oder Kittel liefern und einen Mindeststandard garantieren könne. Man biete "faire, feste Preise für alle, die uns aus dem In- und Ausland mit Schutzmasken und Schutzkitteln beliefern", sagte Spahn der Welt am Sonntag. Verteilt werden soll das Material über die Bundesländer und die Kassenärztlichen Vereinigungen.

Der Nachteil an diesem Modell: Das Open-House-Verfahren funktioniert, solange der Markt nicht überhitzt ist. Wenn aber die Nachfrage viel höher ist als das Angebot, hat ein Anbieter der begehrten Ware eigentlich keinen Grund, auf die niedrigeren Preise des Staates einzugehen. Open House ist im Prinzip nichts für Krisenzeiten. Eine Krise, die überall durchschlägt, so wie beim Notarzt Stefan Spaniel, der in Mittelfranken in Nordbayern zwei Apotheken in Feuchtwangen und Dentlein am Forst betreibt. "Wir haben jetzt noch 20, 30 einfache OP-Masken. Die kosten jetzt 70 Cents das Stück, früher zwei, drei Cent."

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Spaniel braucht dringend Nachschub und bestellt aus der Not heraus jetzt mehr, als er bräuchte. Nur um überhaupt noch Ware zu bekommen. Was Spaniel macht, ist mehr als verständlich. Andererseits heizt das den Markt weiter an und lockt noch mehr Glücksritter und Betrüger. Jetzt sei der Staat gefordert, sagt Lauterbach. Eine Bundesagentur müsse die Produktion ankurbeln sowie Beschaffung und Verteilung zentral organisieren. Notwendig seien Abnahme- und Liefergarantien.

Lauterbach glaubt, mit entsprechenden Vereinbarungen zwischen der Bundesagentur und Herstellern könne man "ohne eine staatliche Enteignung oder Befehlswirtschaft" klarkommen, wie das in den USA nun vorbereitet wird. "Es darf nicht sein, dass zum Schluss die schwächsten Glieder der Kette, die Altenheime, die Pflegeheime, nichts bekommen. Dass dort die Menschen sterben, weil keine Schutzausrüstung da ist", sagt Lauterbach.

Olaf Berse von Clinicpartner schildert mit drastischen Worten, wie kriminell es inzwischen zugehe. "Wenn wir eine FFP2-Maske mit Filter angeboten bekommen, und der Filter ist gar nicht funktionsfähig, das wird ja nicht mitgeteilt, da kriegt man dann gefälschte Zertifikate dazu." Die Mitarbeiter glaubten dann, sie seien geschützt. Aber sie sind schutzlos.

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Quelle:
SZ vom 30.03.2020
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