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Corona-Krise:Risiko für häusliche Auseinandersetzungen und Gewalt nicht unterschätzen

In der Debatte um eine mögliche Ausgangssperre argumentieren die Kanzlerin und andere Politiker, man dürfe deren Folgen nicht unterschätzen. Dann würden in den Familien ganz andere Dinge drohen: Mord und Totschlag im schlimmsten Fall. Sehen Sie das genauso?

Je länger wir mit mehreren Menschen auf begrenztem Raum unter einem Dach verbringen müssen, desto größer wird die Gefahr von Konflikten. Wenn jetzt Existenzängste in den Familien dazukommen, dann ist das Risiko für Konflikte, häusliche Auseinandersetzungen und leider auch Gewalt nicht zu unterschätzen.

Was tun?

Man muss sich im Augenblick ganz bewusst in Kompromissbereitschaft üben. Nicht auf den eigenen Standpunkt beharren; Konflikte nicht dann austragen, wenn man sich gerade besonders ärgert, sondern erst dann, wenn die Anspannung gesunken ist. Oder auch mal bewusst nachgeben. Wenn die Wellen tatsächlich mal hochschlagen, sollte man sich lieber zurückziehen. Den Raum verlassen. Statt die Auseinandersetzung zu eskalieren.

Sie forschen seit langem über das Leben in großen Städten und was das mit den Menschen macht. Was hat diese Krise mit der Stadt zu tun?

In der Stadt zeigen sich die einschneidenden Veränderungen unseres Alltags derzeit in besonderem Ausmaß. Die Gefahr der Ansteckung; die Leere auf der Straße; die Einsamkeit zuhause. Ein Drittel aller Menschen in Berlin lebt alleine. Das bedeutet: Sie trifft das sogenannte Kontaktverbot besonders hart. Das, was die Stadt sonst ausmacht, ihre Lebendigkeit, die Kultur, all das fällt weg. Und die Kompaktheit, die sonst ein Vorteil ist, empfinden jetzt viele Menschen als bedrohlich.

Überfällt Sie manchmal selbst Angst? Oder wirkt es wie ein besonders reizvolles Forschungsprojekt?

Natürlich mache ich mir Sorgen, wenn ich sehe, wie sehr sich unser Alltag über Nacht gewandelt hat. Auch wenn ich erlebe, wie groß die existenziellen Ängste für viele Menschen werden. Was wir gerade erleben, ist nicht nur eine Pandemie, sondern eine psychologische Krise, aus der viele Ängste erwachsen. Als Wissenschaftler frage ich mich natürlich auch, was das mit unserer Gesellschaft macht, auch langfristig. Als Psychiater suche ich nach Wegen, mit nachvollziehbarer Angst einen Umgang zu finden und katastrophisierende Gedanken abzubauen.

Wie könnten diese Wege aussehen?

Über die Angst mit anderen sprechen, mit Freunden, mit Familie oder mit Kollegen. Wenn wir unter starker Angst leiden, hilft es zu sehen, wie andere vielleicht eine besonnenere Haltung einnehmen. In der Psychotherapie spricht man von Perspektivwechsel.

Die sogenannten sozialen Netzwerke schienen zuletzt vieles davon ersetzen zu können. Lernen wir gerade, dass das nicht reicht?

Im Moment suchen wir alle nach digitalen Wegen, um den sonst üblichen menschlichen Kontakt zu ersetzen. Und wir merken auch, wie schwierig das manchmal ist. Ich selber habe gerade zum ersten Mal eine Chor-Probe über Video gemacht. Das war gar nicht mal so schlecht. Aber es kann den direkten Kontakt nicht kompensieren. Aber wir sehen auf der anderen Seite auch, was für ein Segen die Online-Kommunikation gerade jetzt ist; anders wäre die momentane Situation wohl nur ganz schwer zu bewältigen.

Wenn Sie einen Wunsch frei hätten - welcher wäre das?

Wir sind gerade alle zwangsentschleunigt. Dabei fallen viele zum ersten Mal seit langem aus dem Hamsterrad des Alltags. Ich sehe auch: Plötzlich tun viele Menschen Dinge, die sie schon lange tun wollten, aber dann doch nicht gemacht haben. Musizieren steht gerade hoch im Kurs, wenn ich mich in meinem Umfeld umhöre. Andere fangen an zu joggen, weil sie das draußen machen dürfen. Und sehr viele kümmern sich um Freunde und Angehörige. Auch jene, mit denen sie schon lange keinen Kontakt mehr hatten. Wenn diese Solidarität bleibt, wäre es großartig.

© SZ.de/mcs/luch
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