Süddeutsche Zeitung

Corona-Krise:Die Ausgangsbeschränkungen müssen fortgesetzt werden

Die Maßnahmen zur Eindämmung von Covid-19 dauern keine Woche, da rufen die ersten nach Ausstiegsplänen. Wer solche vermisst, möge an welchen mitarbeiten. Erst aber muss Zeit gewonnen werden.

Kommentar von Detlef Esslinger

Hält der Deich? Um nichts anderes handelt es sich ja bei all den Beschränkungen, die die Regierungen den Bürgern auferlegt haben. Dessen Festigkeit muss sich nun erweisen: gegen die Versuche des Virus, ihn zu überwinden; aber auch gegen den menschlichen Geist, der bereits überall die Lücken und Ritzen sucht.

Nach Ostern müsse die Wirtschaft "schrittweise" wieder hochgefahren werden, verlangt der CDU-Politiker Carsten Linnemann. Zu der Zeit müssten wir sogar "die Kurve gekratzt haben", findet der bayerische Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger. Was fehle, sei "ein Plan für den Ausstieg" aus den Beschränkungen, moniert der Ökonomie-Professor Gabriel Felbermayr. Die Kontaktsperren währen keine Woche, und noch kann man wegen der 14-tägigen Inkubationszeit gar nicht wissen, ob und wie sie greifen, da reicht es vielen allmählich schon. Zum Zu-Hause-Rumsitzen sind die Menschen nicht gemacht; die meisten jedenfalls nicht.

Gerade deshalb bleibt es richtig, dass die Regierungen hier so rigoros vorgegangen sind. Nur so war allen Menschen der Ernst der Lage klarzumachen; nur so konnte auch eine Minderheit vor ihrer eigenen Unverantwortlichkeit geschützt werden; nur so konnte auch die Zeit gewonnen werden, die man in den Krankenhäusern zur Vorbereitung braucht.

Wer jetzt ausschließlich im Kopf hat, dass Fabriken, Schulen, Restaurants und Stadien bald wieder aufmachen, der hat in den vergangenen drei Wochen nicht richtig zugehört. Der nimmt nämlich in Kauf, dass das Virus nach Ostern den nächsten Anlauf unternimmt. Es würde dann auf seine Weise dafür sorgen, dass Fabriken, Schulen, Restaurants und Stadien schnell wieder schließen, jedenfalls menschenleer sind; an Rigorosität ist es Jens Spahn oder Christian Drosten ganz bestimmt deutlich überlegen.

Heißt dies, dass man sich darin zu fügen hat, dass der gegenwärtige Zustand noch monatelang so weitergehen muss? Mit der Konsequenz, dass danach jeder Wirt pleite und jede Zwei-Zimmer-Wohnungs-Ehe zerstört sein wird? Dass es keine Fußgängerzonen mit Geschäften mehr geben wird, dafür aber immer größere Lagerhallen von Amazon und Zalando? Das wäre das Szenario, das viele befürchten: eine Gesellschaft, in der die Arznei mindestens so viele Verheerungen angerichtet hat wie die eigentliche Krankheit.

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Niemand kann dies anstreben. Doch ein solches Szenario verhindert man nicht, indem man nun blind mit dem Kopf durch den Deich will. Man verhindert es - hoffentlich -, indem man die Testkapazitäten deutlich ausbaut, indem man auf diese Weise das Virus und seine Verhaltensweisen besser kennenlernt und indem man auf dieser Basis überlegt, welche Beschränkungen wann in welcher Form gelockert werden können.

Erste Vorschläge dazu gibt es: Besondere Einkaufszeiten für Risikogruppen einführen, Menschen mit Vorerkrankungen in Rehakliniken und Hotels unterbringen, Fußballtraining in der C-Jugend oder jeden dritten Tisch im Restaurant zulassen, und so weiter. Wem derzeit ein "Plan für den Ausstieg" fehlt, der möge daran mitarbeiten; niemandem wird so viel einfallen wie allen zusammen.

Was es hingegen noch lange nicht geben wird: Fußball im gut gefüllten Stadion, Oktoberfest und Olympische Dopingspiele. All dies wird erst dann wieder möglich sein, wenn ein Impfstoff gefunden ist. Abgesehen von manchen Ausrichtern dürfte dies längst jedermann klar sein.

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SZ vom 27.03.2020/mcs
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