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Audio-Schalte zu Merkel:Mit dem Ohr bei der Kanzlerin zu Hause

FILE PHOTO: German Chancellor Angela Merkel statement on the spread of the new coronavirus disease (COVID-19) in Berlin

Kanzlerin Angela Merkel regiert im Moment aus der häuslichen Quarantäne.

(Foto: Michel Kappeler/REUTERS)

Angela Merkel informiert Journalisten aus der Quarantäne. Sie selbst wird ungeduldig, aber ihre Botschaft an die Bürger ist eindeutig: Ein schnelles Ende der Beschränkungen ist nicht in Sicht.

Am Donnerstagabend um 19:47 Uhr verschickt Steffen Seibert einen Tweet. Darin kündigt der Regierungssprecher an, dass eine Pressekonferenz mit Angela Merkel, die als Audio-Livestream übertragen werden soll, "in Kürze" beginne. Die Kanzlerin will über die G20-Beratungen und den Europäischen Rat berichten, die beide an diesem Tag per Videoschalte stattgefunden haben. "In Kürze" dauert dann noch genau zweieinhalb Stunden, ehe sich Angela Merkel gegen 22:15 Uhr meldet. Die Verzögerung ist wie ein Omen für das, was die Kanzlerin kurz darauf auch zur Corona-Krise und den Ausgangsbeschränkungen in Deutschland sagen wird. Per Telefon wird Merkel versuchen, eine Diskussion zu beenden, die sie noch für völlig abwegig hält.

Doch zu Beginn räumt sie erstmal ein, dass eine Pressekonferenz per Audio-Livestream ein "ungewöhnlicher Weg" sei. Aber es gehe eben nicht anders, "weil ich ja bekanntermaßen in Quarantäne bin". Die Journalisten und alle, die sonst noch lauschen, sind mit den Ohren quasi zu Gast bei der Kanzlerin zu Hause. Auf die Frage, wie sie die Quarantäne erlebe, sagt sie: "Ich bin sehr, sehr gut beschäftigt". Fortwährend sei sie in Schalt-Konferenzen. Sie bedaure ein wenig, "dass man eben auch gar keinen persönlichen Kontakt hat", zum Beispiel im Kabinett. Und mit der für sie gelegentlich typischen Neigung zum komplizierten Satzbau fügt die Kanzlerin hinzu: "Ich will jetzt nicht sagen, dass ich nicht dann auch froh bin, wenn die Quarantäne sich ihrem Ende zuneigt."

Der Audio-Livestream aus dem Home Office der Kanzlerin ist eine Premiere. Das merkt man dann auch: Nach etwa anderthalb Minuten setzt ein erstes Echo ein, das kurz darauf nachlässt. Doch nach weiteren drei Minuten schallt und hallt es ohne Unterlass - was nicht zur Erbauung Merkels beiträgt . Wiederholt setzt die Kanzlerin neu an, ehe sie mosert, da sei "eine schreckliche Rückkopplung, die könnte vielleicht beseitigt werden, sonst ist es sehr schwierig". Die Beseitigung gelingt. Von nun an läuft es ungestört bis zum nächsten kleinen Zwischenfall.

Merkel berichtet zuerst von den Gesprächen im Rahmen der G20 und bleibt dabei im diplomatisch floskelhaften Ton, woraus sich ablesen lässt, dass nicht viel Konkretes beschlossen wurde. Ein wenig anders muss es unter den 27 Staats- und Regierungschefs der EU zugegangen sein. Sechs Stunden dauerte die Sitzung, und mehrere davon dürften auf die Frage verwendet worden sein, wie man die Kosten der Krise in der EU so verteilt, dass man nicht als nächstes gleich wieder in eine Schuldenkrise rauscht. Das Thema wurde den Finanzministern übergeben und um zwei Wochen vertagt.

Merkel berichtet vor allem von den positiven Aspekten. Nachdem man anfangs in der EU nicht gut zusammengearbeitet habe, sei nun der Wille, "doch stark ausgeprägt", sich bei der Beschaffung medizinischen Materials und der Bekämpfung der wirtschaftlichen Konsequenzen zu koordinieren, "insbesondere auch bei der Frage, wie wir eines Tages aus dieser Krise herauskommen". An dieser Stelle gestattet sie sich einen Zusatz, der schon ahnen lässt, was die eigentliche Botschaft der Kanzlerin an diesem Abend sein wird: "Dieser Tag", sagt Merkel, "ist bei weitem noch nicht gekommen".

Bis dahin sei es unter anderem wichtig, den Warenverkehr über die Grenzen wieder zu erleichtern. Dafür habe sie den Kollegen ein konkretes Beispiel genannt: Die Firma Dräger, einer der führenden Hersteller von Beatmungsgeräten, sei zu 80 Prozent auf Zulieferungen aus dem Ausland angewiesen. Wenn diese durch die Grenzkontrollen ausblieben, könnten "für ganz Europa auch keine Beatmungsgeräte hergestellt werden".

Auch die Video-Schaltkonferenzen sind für die Chefs der EU-Regierungen eine neue Erfahrung. Zunächst optisch. Merkel hat, wie man auf Fotos sehen kann, dafür gesorgt, dass man hinter ihr nur einen neutralen grauen Hintergrund sehen kann. Einen Blick in ihr Wohnzimmer gewährt sie nicht. Nachdem sich die erste Runde in diesem Format vergangene Woche ziemlich zäh hingezogen hat, habe man diesmal gemerkt, "dass durchaus auch Arbeit an strittigen Texten möglich ist, durch ein diszipliniertes Sich-Melden", so Merkel. Man könne zwar nicht herumlaufen und mit einem Kollegen mal unter vier Augen verhandeln. Aber, so berichtet die Kanzlerin, man könne sich zwischendurch "'ne Message schreiben".

Fünf Journalisten haben vom Regierungssprecher vorab das Privileg erhalten, Fragen zu stellen. Gleich der erste Reporter zielt auf die Diskussion in Deutschland ab, wann die Beschränkungen des öffentlichen Lebens wieder reduziert werden könnten. Es ist nur eine Art Zusatzfrage, aber Merkel hat offenbar damit gerechnet und sich auch vorgenommen, deutlich zu werden. Unmissverständlich. Sie wolle "sehr klar sagen, dass im Augenblick nicht der Zeitpunkt ist, über die Lockerung dieser Maßnahmen zu sprechen". Das ist eine klare Ansage - und sie dürfte sogar im Kanzleramt selbst für heiße Ohren sorgen. Denn ausgerechnet Helge Braun, Merkels Amts-Chef, hatte einen Tag zuvor die Tür zu dieser Diskussion geöffnet. Braun hatte gesagt, in einer nächsten Phase dürften "junge Menschen, die nicht zu den Risikogruppen gehören", wieder mehr auf die Straße. Und er hatte Spekulationen genährt, es könne um Ostern herum zu einer Erleichterung kommen. Zwar hatte auch Braun betont, es hänge viel davon ab, ob die Infektionskurve mit den beschlossenen Maßnahmen flach gehalten werden könne. Dann aber hatte er einen Zeitrahmen abgesteckt: "Das zeigt sich in den nächsten zwei Wochen."

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Die Rechnung seiner Chefin geht ganz anders. Sie schaut nicht auf den Kalender, sondern nur auf die Zahlen. Ein interessanter Faktor, so Merkel, sei: "Wie lange dauert es eigentlich, bis sich die Zahl der Neuinfizierten verdoppelt". Derzeit stehe man da in Deutschland bei vier bis fünf Tagen, was immerhin schon besser ist als die zwei Tage Verdopplungsfrist, mit denen man angefangen hat. Trotzdem, so Merkel: "Wir müssen durch unsere Maßnahmen sehr viel mehr Tage noch erreichen, etwas in Richtung von zehn Tagen." Deshalb sei "im Augenblick überhaupt noch nicht der Zeitpunkt, darüber zu sprechen".

In diesem Moment wird die Schalte unterbrochen, denn bei Merkel klingelt ein Telefon. Einmal, zweimal. Dann hebt sie offenbar ab und legt gleich wieder auf. Die ganze Zeit über referiert sie weiter: "Wir wissen doch, dass die Inkubationszeit mindestens fünf Tage dauert, bis 14 Tage dauern kann." Deshalb seien ja auch die Quarantänen so lange ausgelegt. "Deshalb sind wir noch gar nicht in dem Bereich, dass wir sehen, ob unsere Maßnahmen wirken." Und deshalb müsse sie "die Menschen in Deutschland wirklich hier um Geduld bitten". Alles sei darauf ausgerichtet, "dass die Menschen in unserem Land so erkranken, dass unser Gesundheitssystem möglichst nicht überfordert wird", so die Kanzlerin. "Und das wird auch uns sehr viel abverlangen."

Etwas mehr als eine halbe Stunde dauert die Pressekonferenz. Man wird sich, wie an so vieles, wohl auch an dieses Format gewöhnen müssen. Denn auch die Kanzlerin selbst muss sich in Geduld üben: Von der eigentlich zweiwöchigen Quarantäne sind an diesem Abend erst vier Tage vorbei.

© SZ/cku
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