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Alten- und Pflegeheime:"Die Einsamkeit tötet"

Pflege

Wegen des Coronavirus sollen Besuche in Alten- und Pflegeheimen so weit wie möglich eingeschränkt werden.

(Foto: Jens Kalaene/dpa)

Der Vorsitzende des Evangelischen Seniorenwerks klagt über rigide Hygiene-Vorschriften zum Schutz vor dem Coronavirus in Alten- und Pflegeheimen. Für Bewohner fühle sich das an wie Isolationshaft.

Interview von Thomas Hummel

Für ältere Menschen kann das Coronavirus besonders gefährlich sein, weshalb die Alten- und Pflegeheime geschützt werden. Das Robert-Koch-Institut empfiehlt eine ganze Reihe von Maßnahmen, etwa zur Hygiene. Für den Fall, dass Besuche zugelassen werden, sollen diese auf ein Minimum beschränkt und zeitlich begrenzt werden. Letzteres wird in den Heimen unterschiedlich umgesetzt. Für Fritz Schroth, 78, Vorsitzender des Evangelischen Seniorenwerks in Deutschland, läuft hier einiges schief.

SZ: Herr Schroth, welche Erfahrungen machen Sie in Bezug auf Alten- und Pflegeheime?

Schroth: Ich bin Ansprechpartner für die evangelischen Gemeinden, weshalb ich immer wieder erschreckende Berichte erhalte. Ein Beispiel: Ein 93-jähriger Mann hat fünf Söhne, dazu viele Enkel und Urenkel. Doch er darf in seinem Altenheim nur einmal in der Woche von einer Person für eine Stunde besucht werden. Die Söhne müssen sich abwechseln, jeder darf nur einmal in fünf Wochen den hoch betagten Vater sehen. Solche Heimbewohner fühlen sich wie in Isolationshaft, ohne dass sie richterlich angeordnet wäre. Wo das geschieht, wird jeder Lebensmut genommen. Dieser Druck kann sich bis zur Todessehnsucht steigern. Die Einsamkeit tötet.

Ist das ein Einzelfall oder die Regel?

Es gibt eine ganze Reihe von Heimen, in denen es anders und besser läuft. Ich will hier nicht generell die Branche anklagen. In einem Heim in Würzburg dürfen die Bewohner einmal am Tag eine Person für 45 Minuten treffen. Das ist viel besser als einmal pro Woche, aber immer noch nicht genug. Die Menschen brauchen soziale Kontakte, gerade zu ihren Familien. Hier achtet man zu stark auf Hygiene-Vorschriften. Diese müssen sein, aber es ist die Frage, wie man sie auslegt und umsetzt.

Die Öffentlichkeit erfährt wenig aus den Heimen. Woran liegt das?

Die Alten- und Pflegeheime liegen im Schatten der Öffentlichkeit. Man nimmt die Dinge schleichend hin. Zudem sind die Heimbewohner abhängig von Personal und Heimverwaltung. Wenn etwas schiefläuft, schweigen viele Alte deshalb lieber. Und leiden. Ich kenne eine Frau, die hat in den ersten drei Monaten der Pandemie zehn Kilogramm abgenommen, sie wiegt nur noch 48,2 Kilogramm.

Es gab in Zusammenhang mit Corona viele Todesfälle in Pflegeheimen. Kommen mehr Besucher, erhöht sich die Gefahr, dass jemand das Virus mitbringt. Ist hier nicht Vorsicht geboten?

Man muss bestimmte Vorsichtsmaßnahmen auf jeden Fall einhalten. Aber es gibt immer ein Restrisiko, das man nicht ausschalten kann und auch nicht darf. Wenn alles hygienisch sein soll, alles steril, ist das Ergebnis nichts Menschliches mehr. Da wird der alte Mensch zur Sache. Ich war froh, dass Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble Folgendes zurechtgerückt hat: Nicht die Gesundheit ist das Wichtigste, sondern die Würde des Menschen.

Fritz Schroth, 78, war 30 Jahre lang Mitglied der Landessynode der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern.

(Foto: privat)

Teilen denn diese Ansicht die Heimbewohner angesichts der aktuellen Pandemie?

Viele Stimmen deuten darauf hin. Mir hat ein Heimbewohner gesagt: Der Tod komme früher oder später, aber solange er lebe, möchte er nicht auf seine Familie verzichten müssen. So eine Aussage ist natürlich grenzwertig, aber sie ist Ausdruck von großer Verzweiflung. Was bringt ihnen die Gesundheit, wenn sie an Einsamkeit sterben?

Kann die Betreuung durch das Pflegepersonal nicht einiges ausgleichen?

Es häufen sich leider Berichte über gereizte Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen. Dabei möchte ich niemandem Böswilligkeit unterstellen, die Pflegekräfte müssen in dieser Pandemie noch mehr Aufgaben erledigen als vorher, sind stärker gefordert etwa durch Desinfizierungen. Sie sind einfach überlastet. Dadurch verschärft sich der Ton. Eine 87-jährige Frau in Unterfranken hat ihrem Pfarrer geklagt, mit ihr werde im Kommandoton kommuniziert. Das beginne mit der Ansprache im plumpen Du, obwohl die Frau dazu gar nicht eingewilligt habe. Für sie sei das entwürdigend.

Sie werfen dem Personal in den Heimen vor, mit den Bewohnern nicht angemessen umzugehen?

Ich sehe die Problematik eher im System. Das Ansehen von Pflegekräften in der Gesellschaft liegt in etwa auf dem Niveau eines Bauhilfsarbeiters. Die Bezahlung ist entsprechend. Dazu arbeiten die Kräfte unter enormem Zeitdruck. Von Fortbildungen oder Selbstreflexion in den Heimen hört man kaum etwas. Vermutlich fehlt dafür aktuell die Zeit. Jedenfalls bleibt dann häufig die Herzlichkeit auf der Strecke.

Momentan steigt die Zahl der Neuinfektionen stark an. Fürchten Sie erneute strikte Einschränkungen?

Es ist eine andere Situation, denn man hat inzwischen gelernt, mit dem Virus besser umzugehen. Jetzt ist die Zeit, die Situation in den Alten- und Pflegeheimen grundsätzlich neu zu bewerten.

Was müsste sich konkret ändern?

Diese Frage ist schwierig zu beantworten. Das setzt eine gründliche Bestandsaufnahme voraus. Geld alleine löst nicht alle Probleme. Jemand kann viel Geld haben und trotzdem unmenschlich sein. Und umgekehrt. Dagegen spielen Werte wie Redlichkeit, Ehrlichkeit, Zuverlässigkeit eine viel zu geringe Rolle. Aber was klar ist: Es muss in der Politik und in den Gesundheitsämtern ankommen, dass Einsamkeit auch eine schlimme Geschichte ist. Das muss bei der Planung und Umsetzung der Corona-Maßnahmen mit einbezogen werden, nicht nur die Hygiene-Vorschriften.

© SZ/odg
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