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Corona-Testzentren:Staatsanwaltschaft ermittelt gegen Bochumer Testfirma

Ein von MediCan betriebenes Testzentrum in Münster.

(Foto: Jana Stegemann)

Die Ermittler reagieren auf Recherchen von SZ, NDR und WDR. Mehrere Geschäftsräume und Privatwohnungen im Ruhrgebiet sind durchsucht und Unterlagen beschlagnahmt worden.

Von Markus Grill, Palina Milling und Jana Stegemann

Im Fall der Firma MediCan, die überhöhte Testzahlen gemeldet hatte, hat die Staatsanwaltschaft Bochum nun Ermittlungen aufgenommen. Eine Sprecherin teilte am Abend mit, dass am Freitag Geschäftsräume und Privatwohnungen im Ruhrgebiet durchsucht worden und dabei Unterlagen beschlagnahmt worden seien.

Ermittelt werde "gegen zwei Verantwortliche eines in Bochum ansässigen Unternehmens wegen des Verdachts des Betrugs im Zusammenhang mit der Abrechnung von Bürgertests gegenüber der Kassenärztlichen Vereinigung", so die Sprecherin weiter.

Damit reagierte die Staatsanwaltschaft auf Recherchen von Süddeutscher Zeitung, NDR und WDR. Danach hatte MediCan an verschiedenen Standorten in NRW deutlich höhere Zahlen aus Testzentren an das Gesundheitsministerium in Düsseldorf gemeldet, als an bestimmten Tagen tatsächlich durchgeführt worden waren. MediCan betreibt 54 Testzentren in 36 Städten Deutschlands, Schwerpunkt ist NRW.

So fanden am vorigen Freitag in Köln-Marsdorf nur etwa 70 Tests statt, gemeldet wurden aber 977 Tests. Auf einem Parkplatz in Essen wurden am Samstag tatsächlich etwa 550 kostenlose Tests vorgenommen, gemeldet wurden aber 1743. Und bei einer Stichprobe am 14.Mai in Münster-Gievenbeck liegt die Diskrepanz zwischen etwa 100 tatsächlichen und 422 gemeldeten Bürgertests.

Recherchen von Süddeutscher Zeitung, NDR und WDR hatten gezeigt, wie manipulationsanfällig das System mit den kostenlosen Bürgertests ist. Der Bund erstattet für jeden einzelnen Test 18 Euro. Aber weder die Kassenärztliche Vereinigung, über die Betreiber abrechnen, noch die Gesundheitsämter haben nach der vom Bundesgesundheitsministerium erlassenen Testverordnung eine Kontrollfunktion.

Viele Bundesländer wissen nicht, wie viele Bürgertests bei ihnen stattfinden - in NRW hat Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann (CDU) die mehr als 8000 Teststellen immerhin dazu verpflichtet, jeden Tag die Anzahl der Bürgertests online zu melden. Die drei Redaktionen hatten Informationen aus dieser internen Datenbank zugespielt bekommen. So konnten Reporter tageweise mehrere Standorte der MediCan GmbH beobachten.

Mit den Zählungen konfrontiert, hatte Firmeninhaber Oguzhan Can, ein Bochumer Immobilienunternehmer, erklärt: "Die Testzahlen stimmen im Ganzen, aber nicht auf die einzelnen Standorte bezogen." Das liege daran, dass "die Testungen in einigen Städten mit mehreren Standorten auch zusammengefasst übermittelt werden". Dies erfolge, "in Absprache mit den Behörden".

Die Gesundheitsämter von Münster, Essen und Köln hatten eine solche Absprache dementiert. Eine Übertragung von Zahlen auf andere Standorte sei nicht zulässig, hieß es übereinstimmend. Inzwischen hat Münster den Testzentren von MediCan bereits die Beauftragung entzogen. Die Stadt Essen prüft diese Maßnahme noch. In Köln führte das Gesundheitsamt am Freitag eine unangekündigte Kontrolle des Testbusses in Köln-Marsdorf durch.

© SZ/olkl
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