Süddeutsche Zeitung

Coronakrise in Deutschland:"Die Talsohle ist durchschritten"

Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier erwartet, dass die Wirtschaft sich schneller erholt als gedacht. Auch am Arbeitsmarkt gibt es Zeichen für eine Wende zum Besseren.

Von Michael Bauchmüller und Alexander Hagelüken, Berlin/München

In Deutschland verdichten sich die Anzeichen einer raschen wirtschaftlichen Erholung. So gab es im August den zweiten Monat in Folge keinen coronabedingten Anstieg der Arbeitslosigkeit. Zwar nahm die Zahl der Stellensuchenden erneut zu, um 45 000 auf 2,96 Millionen. Aber das ist im Sommer üblich, weil zum Beispiel Lehrstellen auslaufen und Firmen in der Urlaubszeit wenig Mitarbeiter anheuern. Saisonbereinigt verringerte sich die Zahl der Arbeitslosen um 9000.

Offenbar fällt auch der Einbruch der Wirtschaft weniger hart aus als zunächst befürchtet. Laut Bundeswirtschaftsministerium könnte das Bruttoinlandsprodukt in diesem Jahr um 5,8 Prozent zurückgehen - ursprünglich war die Bundesregierung von einem Minus um 6,3 Prozent ausgegangen.

"Der Aufschwung geht schneller und dynamischer vonstatten, als wir es zu hoffen gewagt hätten", sagte Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU). "Die Talsohle ist durchschritten." Auf dem Arbeitsmarkt hätten sich "die schlimmsten Befürchtungen nicht bestätigt".

Auch Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD) sprach von einer Stabilisierung am Arbeitsmarkt. Im Vergleich zu anderen Industrienationen schlage sich Deutschland "sehr wacker". Das Münchner Ifo-Institut sieht sogar erste Hinweise auf eine Trendwende am Arbeitsmarkt: "Nachdem in den vergangenen Monaten Entlassungen liefen, sind nun erste Signale für Neueinstellungen aufgetreten." Von September an stellen die Unternehmen saisonal normalerweise wieder mehr Mitarbeiter ein.

Gegenüber dem Vorjahr ist die Zahl der Arbeitslosen um 630 000 gewachsen. "Die Auswirkungen der Pandemie auf den Arbeitsmarkt sind weiterhin sehr deutlich sichtbar", sagte der Vorstandschef der Bundesagentur für Arbeit, Detlef Scheele. Die Kurzarbeit bleibe in dieser Lage eine wichtige Stütze. Allerdings wurde im Juni nach vorläufigen Daten nur noch für 5,4 Millionen Beschäftigte Kurzarbeitergeld gezahlt - gegenüber sechs Millionen im April.

Mit einer vollständigen Erholung der deutschen Wirtschaft rechnet Altmaier 2022. Erst dann könne sie das Niveau vor der Krise wieder erreicht haben. Auch die Wirtschaft sieht noch eine lange Strecke. "Der Weg aus dem Tief ist für viele sehr schwierig", sagte Martin Wansleben, Hauptgeschäftsführer des Deutschen Industrie- und Handelskammertages. "Viele Unternehmen sind noch weit entfernt von den Umsätzen, die sie vor der Krise hatten." Ähnlich äußerte sich der Industrieverband BDI. In einigen Branchen werde die Erholung "mehrere Quartale dauern".

Job-Agenturchef verteidigt verlängertes Kurzarbeitergeld

Erst vorige Woche hatte die Regierung deshalb das Kurzarbeitergeld bis Ende 2021 verlängert. Job-Agenturchef Scheele verteidigte dies nun gegen Kritik. Man müsse auch Unternehmen mitnehmen, die beim Strukturwandel noch nicht weit genug seien.

Bei der Autoindustrie etwa gehe es um tarifgebundene Firmen, "die Löhne zahlen, von denen man eine Familie ernähren kann", sagte er. "Ich wäre vorsichtig, daran herumzuzündeln. Wenn die Jobs in Niedriglohnländer abwandern, kommen sie nicht wieder."

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SZ vom 02.09.2020/odg
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