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Coronavirus:Die Lage in Iran ist dramatisch

Ayatollah Khamenei glaubt fest an eine "biologische Attacke".

(Foto: AFP)
  • In Iran sind inzwischen mehr als 500 Menschen wegen des Coronavirus gestorben.
  • Ayatollah Khamenei setzt weiter eher auf Verschwörungstheorien, als auf Aufklärung.
  • Dem Land fehlt es an vielen medizinischen Hilfsmitteln und auch das Geld ist knapp: Erstmals seit den 1960er-Jahren beantragt Teheran einen Kredit beim Weltwährungsfonds.

Nachdem sie das Ausmaß der Corona-Infektionen lange heruntergespielt hat, sieht sich Irans Führung zunehmend gezwungen, die Dramatik der Lage einzugestehen. Mehrere Mitglieder der Regierung und Berater von Staatsoberhaupt Ali Chamenei sind erkrankt, hohe Kommandeure der Revolutionsgarden Medien zufolge gestorben. Im Volk hat sich das Virus erst recht verbreitet, am Freitag korrigierte das Gesundheitsministerium die Zahlen mehrmals nach oben, es spricht nun offiziell von 11 364 positiv Getesteten und 514 Toten. Doch selbst diese Angaben dürften das wahre Ausmaß der Krise noch nicht abbilden.

Internationalen Medien war es zuletzt gelungen, im Netz zirkulierende Videos zu verifizieren. Die BBC etwa gab an, eine Filmsequenz überprüft zu haben, die in der Stadt Ghom einen Krankenhausraum zeigt, dessen Boden fast vollständig mit Verstorbenen in schwarzen Leichensäcken bedeckt ist. Dutzende Menschen sollen hier binnen Stunden verstorben sein - noch bevor Mediziner diese überhaupt testen konnten.

Die Washington Post analysierte Satellitenbilder, die zeigen, wie ein Friedhof am Rand der Stadt binnen kürzester Zeit erweitert wurde. Auf der Fläche mehrerer Fußballfelder wurden lange Reihen mit Gräbern ausgehoben. Das bedeutet nicht automatisch, dass die entsprechende Zahl an Menschen bereits gestorben ist. Es scheint sich eher um eine präventive Maßnahme zu handeln, um später Zeit zu sparen - nach islamischem Brauch sollen Tote möglichst schnell bestattet werden. Doch zu den offiziellen Zahlen will die schiere Masse an Gräbern nicht recht passen - was Experten als Indiz werten, dass das Regime die wahren Zahlen kennt, aber zurückhält.

Khamenei spricht von einer "biologischen Attacke"

Die heilige Stadt Ghom ist eines der Epizentren der Krise in Iran, ihre herausgehobene religiöse Stellung könnte dazu beigetragen haben: Die meisten schiitischen Pilgerorte der Stadt sind noch geöffnet, das Berühren oder gar Küssen der Schreine gehört für viele der Pilger dazu. Manche tun das derzeit sogar besonders plakativ, um ihr Gottvertrauen zu beweisen. Und ihre Standhaftigkeit - denn selbst Ayatollah Chamenei setzt weiter eher auf Verschwörungstheorien als auf Aufklärung.

Szene aus einem Krankenhaus in Teheran

(Foto: Ali Shirband/AP)

Auf Twitter veröffentlichte der 80-Jährige am Freitag ein Statement, in dem er davon sprach, dass es Hinweise darauf gebe, dass das Virus eine "biologische Attacke" sei. Damit griff er Gerüchte auf, dass Corona in Wirklichkeit ein künstlich erzeugter Erreger sei, mit dem die USA Gegnern wie China und Iran schaden wollten. Die Bekämpfung des Virus, so Chamenei, könne deshalb als Verteidigungsübung betrachtet werden, die fortan die "bewaffneten Kräfte" des Landes übernehmen sollen. Die sollen natürlich nicht auf das Virus schießen, sondern Maßnahmen ergreifen, um die Verbreitung zu verhindern. Zudem sollen sie provisorische Krankenhäuser aufbauen, da die bestehenden Einrichtungen hoffnungslos überlastet sind. Mit welchen Medikamenten und welcher Ausrüstung neue Behandlungsstätten ausgestattet werden sollen, sagte Chamenei nicht.

Schon jetzt herrscht Mangel an fast allem, sodass sich Irans Außenminister Dschawad Zarif gezwungen sah, eine lange Liste mit benötigten Gütern auf Twitter zu veröffentlichen, samt Telefonnummer und E-Mail-Adresse des Gesundheitsministeriums: 100 Millionen Einweghandschuhe, 500 000 Sets OP-Kleidung, 4000 Infrarotthermometer werden benötigt - nur wenige Posten von vielen. Während ausländische Regimegegner den Minister im Netz hinwiesen, die Regierung hätte ihre Mittel besser fürs eigene Volk eingesetzt, als in Syrien, Jemen und im Irak Kriege zu finanzieren, appellierten selbst als Anti-Regime-Hardliner bekannte Exil-Iraner an die USA, die wegen des Atomstreits erlassenen Sanktionen vorübergehend auszusetzen.

Am Donnerstag beantragte Teheran erstmals seit den Sechzigerjahren Kredit beim Weltwährungsfonds, es erbat fünf Milliarden Dollar zur Krisenbekämpfung. Doch selbst damit wird das Regime nicht auf Einkaufstour gehen können - Washingtons Bannstrahl erschwert den Einkauf, die für den Import nötigen Transaktionen und zuletzt den Transport der Güter.

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© SZ vom 14.03.2020/saul
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