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Coronavirus:Zwangsisoliert in der Mietskaserne

Coronavirus - Berlin

Vor zehn Jahren waren hier noch Billig-Schlafstätten für Tagelöhner: eines der unter Quarantäne gestellten Häuser in Berlin-Neukölln.

(Foto: Christoph Soeder/dpa)

Nach einem Coronavirus-Ausbruch wird ein gesamter Wohnkomplex in Berlin-Neukölln unter Quarantäne gestellt. Es trifft 369 Haushalte mit ohnehin schon prekären Lebensbedingungen.

Das eine Schreckgespenst der Stadt, die Gentrifizierung, ist hier weit weg. Treptower/Ecke Harzer Straße, hinterster Rand von Neukölln, kein Cappuccino mit Hafermilch weit und breit, dafür gibt es eine Autowerkstatt und Gaststätten für das Pils zwischendurch; einige Gehminuten entfernt liegt das Sowjetische Ehrenmal im Treptower Park. Das andere Schreckgespenst derzeit, das Coronavirus, ist dafür da. Es habe "vom Ski-Club nun die Mietskasernen erreicht", sagt Bezirksbürgermeister Martin Hikel von der SPD. "Das ist die Realität, mit der wir hier konfrontiert sind."

Der Bezirk ist deshalb am Wochenende einen drastischen Schritt gegangen, der nun für allerhand Aufregung sorgt: Fast der gesamte Wohnblock wurde unter Quarantäne gestellt, 369 Haushalte sind das derzeit, mindestens 13 Kinder leben dort; 57 Bewohner wurden bislang positiv auf Corona getestet. Die Alternative wäre gewesen, die Schulen zu schließen, die von den Kindern aus dem Häuserkomplex besucht werden. Zehn Schulen wären betroffen. Da jedoch unklar ist, wo sich die Bewohner angesteckt haben, habe man sich entschlossen, den gesamten Komplex unter Quarantäne zu stellen, "um eine zweite Welle zu verhindern", wie Hikel auf einer Pressekonferenz an diesem Dienstag erklärt. In den Schulen wurde nur Mitschülern und einzelnen Lehrern eine Kontaktsperre auferlegt.

Alle Bewohner in dem Gebäude sollen nun auf Corona getestet werden und für zwei Wochen zu Hause bleiben. Der Bezirk setzt dabei auf Eigenverantwortung und auf die soziale Kontrolle durch die Mitbewohner. "Wir sind nicht China", sagt Hikel, "wir haben keinen Polizeistaat zur Umsetzung der Maßnahmen." Ohne richterlichen Beschluss kann der Bezirk nur einzelne Bewohner, die die Quarantäne brechen, durch direkte Ansprache zu überzeugen versuchen. "Die Erfahrung zeigt, dass sich die Menschen daran halten, wenn man das gut kommuniziert", sagt Hikel.

Da ist einige Hoffnung dabei. Denn als wäre die Lage nicht bereits kompliziert genug, kommt in dem Wohnblock ein anderes Problem hinzu: Viele der Bewohner stammen ursprünglich aus Rumänien, sie leben teils in recht prekären Verhältnissen und sprechen oft nicht sehr gut Deutsch. Der Bezirk hat deshalb Sprachvermittler eingesetzt, "um die Bedeutsamkeit der Quarantäne zu vermitteln", sagt Hikel. Außerdem solle jedes der sieben Häuser von einem Sozialarbeiter betreut werden.

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Viele Bewohner sind Mitglieder einer Pfingstgemeinde, ein Pfarrer wurde positiv getestet

Der Aufwand, den der Bezirk hier betreibt, hat nicht nur damit zu tun, zu verhindern, dass sich das Virus weiter ausbreitet. Zudem stehen zehn Jahre Bemühen um Integration auf dem Spiel. "Ich möchte nicht in eine Diskussion reingeraten, die keinem hilft", sagt Falko Liecke, stellvertretender Bezirksbürgermeister und Gesundheitsstadtrat von der CDU. Er könne sich noch daran erinnern, wie diese Häuser vor zehn Jahren ausgesehen hätten. Sie waren das, was man gemeinhin Schrottimmobilien nennt - Matratzenlager für Tagelöhner aus Rumänien und Bulgarien. "Da kam jemand in Feinripp und hat die Miete in cash abgeholt", erinnert sich Liecke. Dann wurde der Komplex von einer Wohnungsgesellschaft übernommen, und die Menschen dort hätten richtige Mietverträge bekommen.

Es sei ein Dilemma, meint Liecke. "Andererseits kann man auch nicht ganz verschweigen, welche Bevölkerungsgruppen schwerpunktmäßig betroffen sind." Denn die Lebensumstände seien möglicherweise für die weitere Entwicklung des CoronaAusbruchs wichtig, zum Beispiel, wie groß eine Familie sei. Viele der Bewohner des Häuserkomplexes seien zudem Mitglieder einer Pfingstgemeinde. Die Gottesdienste könnten einer der Momente gewesen sein, bei denen sich das Virus verbreitet hat. Einer der Pfarrer wurde jedenfalls positiv getestet, er sei in mehreren Berliner Bezirken unterwegs gewesen. Auch in Spandau und im Wedding hat es Corona-Ausbrüche unter Mitgliedern von Pfingstgemeinden gegeben.

© SZ vom 17.06.2020
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