Corona:Die Pandemie der Populisten

Politik hat Auswirkungen auf die Infektionszahlen: In den USA lassen sich wenige Trump-Anhänger impfen, Großbritannien trägt die Folgen von Boris Johnsons "Freedom Day".

Von Hubert Wetzel

Die USA haben den Höhepunkt der Delta-Welle überschritten, seit einigen Tagen sinkt die Zahl der Infektionen und Todesfälle deutlich. Statt bis zu 160 000 täglichen Ansteckungen sind es derzeit etwa 76 000, statt 2000 Menschen sterben pro Tag um die 1500.

Dass die Delta-Welle in den USA überhaupt so heftig wüten konnte, hat mit Politik zu tun. Kurz gesagt: Je konservativer eine Gegend ist, je höher der Anteil der republikanischen Wähler, desto größer ist dort die Skepsis gegenüber Impfen und Maskentragen, desto geringer ist die Impfquote und desto höher war die Zahl der Neuinfektionen und Todesfälle. Die Delta-Welle war eine "Pandemie der Ungeimpften". Und ob eine Person ungeimpft ist oder nicht, hängt in den USA ganz wesentlich von deren parteipolitischer Bindung ab.

Das Problem ist jedoch nicht nur, dass sich Republikaner, vor allem der harte Kern der Anhänger von Donald Trump, weniger oft impfen lassen wollen als Demokraten. Sondern auch, dass republikanische Gouverneure die Seuchenschutzmaßnahmen von Präsident Joe Biden zum Teil bewusst konterkarieren. In einigen republikanischen Bundesstaaten haben sie es per Gesetz verboten, dass öffentliche Einrichtungen oder private Arbeitgeber Impfnachweise verlangen oder eine Impfpflicht verhängen - ein direkter Widerspruch zur Linie der US-Bundesregierung. Schulbezirken wurde verboten, eine Maskenpflicht im Unterricht zu beschließen. Dass rechte Medien wie Fox News ständig behaupten, dass das Infektions- und Übertragungsrisiko bei Geimpften genau so groß wie bei Ungeimpften sei und Masken- und Impfmandate die Freiheitsrechte der Amerikaner einschränkten, trägt ebenfalls dazu bei, die Impfquote im konservativen Teil der Bevölkerung zu drücken.

Ein weiteres Beispiel dafür, wie ein populistischer Politiker die Corona-Lage immer wieder eskalieren lässt, ist ein Mann, für den Donald Trump große Sympathien hegte: Boris Johnson. Wissenschaftler, Ärzte, Gewerkschaften, Bürgermeister - von allen Seiten war der britische Premier davor gewarnt worden, am 19. Juli so gut wie alle Corona-Restriktionen im Land aufzuheben. Doch der "Freedom Day" kam, die Masken fielen. Drei Monate später hat Großbritannien fast 50 000 Neuinfektionen pro Tag, eine der höchsten Infektionsraten weltweit und so viele Todesfälle wie zuletzt im März.

Der Anstieg ist auf Johnsons Öffnungspolitik zurückzuführen, hat wohl aber noch einen weiteren Grund. Knapp 79 Prozent der Bevölkerung ab zwölf Jahren ist vollständig geimpft, doch weil die Impfkampagne in Großbritannien früh begonnen hat, liegt die zweite Spritze bei vielen mehr als ein halbes Jahr zurück. Nun wurde eilig eine Kampagne für Auffrischungsimpfungen begonnen. Am Mittwoch bekräftigte der britische Gesundheitsminister, dass die Regierung nicht zu den Corona-Auflagen zurückkehren wolle. Sie werde dies erst tun, wenn der Druck auf den Nationalen Gesundheitsdienst NHS "unerträglich" werde.

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