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Corona:Wie Stuttgart die Infektionen in den Griff bekommen will

Fritz Kuhn Stuttgart Corona

Stuttgarts Oberbürgermeister Fritz Kuhn.

(Foto: Tom Weller/dpa)

In der Hauptstadt Baden-Württembergs nahm die Pandemie in den vergangenen Wochen einen beherrschbaren Verlauf. Nun verschärft die Stadt die Maßnahmen, damit das auch so bleibt.

Von Claudia Henzler, Stuttgart

Im Stuttgarter Rathaus war man in den vergangenen Tagen gar nicht versucht, hämisch auf Berlin zu zeigen, wo sich das Coronavirus zuletzt besonders stark ausbreitete. Man wusste: Es ist wohl nur eine Frage der Zeit, bis es auch Deutschlands sechstgrößte Stadt erwischen würde - obwohl die Maskenpflicht hier einigermaßen diszipliniert eingehalten wird. Denn auch in Stuttgart war in den vergangenen Wochen so etwas wie Alltag zurückgekehrt mit Geburtstagsfeiern und Restaurantbesuchen in größerer Runde. Am Samstag hat nun auch Stuttgart die kritische Marke von durchschnittlich 50 Neuinfektionen pro 100 000 Einwohnern innerhalb einer Woche überschritten. Die Sieben-Tage-Inzidenz lag am Samstag bei 50,5. Nun hat die Stadt Maßnahmen angekündigt, um einen exponentiellen Anstieg zu verhindern.

Stefan Ehehalt, der Leiter des städtischen Gesundheitsamtes, spricht von einer "relativ diffusen Ausbreitung". Private Zusammenkünfte spielten bei den Ansteckungen eine immer größere Rolle. "Diese Entwicklung ist sehr besorgniserregend". Im Vergleich zum Frühjahr sei das Gesundheitsamt jetzt auffällig oft mit Infizierten konfrontiert, die sehr viele Sozialkontakte haben, sagte Ehehalt. Deshalb werde es schwerer, Infektionsketten nachzuvollziehen. Noch komme das Gesundheitsamt einigermaßen hinterher, doch immer häufiger sei nicht mehr nachvollziehbar, wo sich jemand angesteckt habe. Die Stadt will nun Hilfe bei der Bundeswehr anfordern, um das Team des Gesundheitsamtes zu verstärken.

Kitas und Schulen gelten momentan nicht als Infektionsherde: Derzeit sind elf Kitas und 42 Schulen in der Stadt von Coronafällen betroffen. Das Gesundheitsamt hat jedoch bisher keine Übertragungen innerhalb der Einrichtungen beobachtet.

Stuttgart ist im Vergleich zu anderen Großstädten auch deshalb später dran, weil das Bundesamt in diesem Jahr Mitte September als letztes aus den Sommerferien in den Alltag startete. Seitdem hat die Stadt einen kontinuierlichen Anstieg der Infektionszahlen registriert. Innerhalb der vergangenen Woche hat die Entwicklung dann noch einmal an Dynamik gewonnen.

Schon vergangene Woche hat die Stadt Stuttgart die Zahl der Teilnehmer an Festen in Privathäusern und Gaststätten auf 25, beziehungsweise 50 beschränkt. Nun soll die Grenze auf zehn, beziehungsweise 25 gesenkt werden - diese Regelung wird am Mittwoch in Kraft treten. Bei Fußballspielen werden vorübergehend keine Zuschauer mehr zugelassen. Außerdem sind, wie schon in anderen Großstädten praktiziert, eine Maskenpflicht in der Innenstadt sowie Beschränkungen beim Konsum von Alkohol auf öffentlichen Plätzen geplant. Wann diese Maßnahmen in Kraft treten sollen, ist noch offen. Die Stadtverwaltung bereitet derzeit die entsprechende Verfügung vor. Die Stadt will außerdem in Absprache mit dem Land erreichen, dass der Schulbeginn für einige Jahrgangsstufen um eine Stunde nach hinten verschoben wird, um Busse und Bahnen zu entlasten. Zusätzlich forderte Oberbürgermeister Fritz Kuhn (Grüne) die Unternehmen in Stuttgart auf, ihre Angestellten, soweit möglich, wieder ins Homeoffice zu schicken.

Auf die städtischen Kliniken schlägt der Anstieg noch nicht in vollem Umfang durch. Dort seien in den vergangenen Wochen vor allem Reiserückkehrer behandelt worden und Menschen, die sich bei privaten Feiern infiziert haben, sagt Jan Steffen Jürgensen, Leiter der städtischen Kliniken. Die Zahl der Todesfälle sei derzeit gering. Trotzdem hält auch er die Lage für. "alarmierend", weil sich das Virus relativ schnell und diffus ausbreite. "Wenn man gegensteuert, in dem Moment wo die Todesfälle steigen, ist man spät dran."

Am Freitag hatte Kuhn die Gewerkschaft Verdi kritisiert, weil sie in der jetzigen Pandemiephase Kindertagesstätten und öffentliche Verkehrsmittel bestreikt. In der vergangenen Woche waren die S-Bahnen in Stuttgart in der Hauptverkehrszeit teilweise extrem voll, da weder Busse noch Straßenbahnen verkehrten. Kuhn appellierte außerdem an die Bevölkerung, in den Herbstferien in Deutschland zu bleiben und die Pandemie "nochmal eine Spur ernster zu nehmen. Das gilt auch für Junge." Jeder sei jetzt aufgefordert, seine Kontakte insgesamt zu beschränken. Ihm sei klar, dass es sich beim Eingriff in Privatfeiern und bei der Maskenpflicht in der Innenstadt um große Einschränkung handle. Doch die seien notwendig, um die Bevölkerung zu schützen. "Wir entscheiden heute, ob wir tiefer reinrasseln oder nicht."

© SZ/bix
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