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Europäische Union:Das Vertrauen in Astra Zeneca ist enttäuscht

Die EU-Regierungen können nicht nachvollziehen, wieso der britisch-schwedische Konzern weniger Corona-Impfstoff liefert als versprochen. Es drängt sich ein schlimmer Verdacht auf.

Von Björn Finke, Brüssel

Der Stoff war der Hoffnungsträger schlechthin - und steht nun für einen handfesten Skandal: Als die EU-Kommission im August bei Astra Zeneca 300 bis 400 Millionen Dosen Corona-Vakzin orderte, war dies der erste Impfstoff-Vertrag überhaupt, den Brüssel abschloss. Anders als andere Vakzine muss das Mittel nicht tiefgekühlt gelagert werden, was die Verteilung vereinfacht. Zudem ist der britisch-schwedische Konzern ein bewährter Impfstoff-Produzent mit vielen Werken. Seine Geschichte reicht zumindest in Schweden mehr als hundert Jahre zurück, das Gegenmodell zu jungen und weniger erfahrenen Herstellern wie Biontech oder Moderna.

"Wir dachten, das sei eine sichere Bank", sagt daher ein hoher EU-Beamter. Aber hier hat sich die Brüsseler Behörde getäuscht, wie seit diesem Wochenende klar ist. Denn da verkündete das börsennotierte Unternehmen aus Cambridge, bis Ende März nur 31 statt 80 Millionen Dosen liefern zu können. Und was schwerer wiegt: Das Management um den französischen Vorstandschef Pascal Soriot bleibt aus Sicht von Kommission und Mitgliedstaaten eine überzeugende Erklärung schuldig. An diesem Mittwoch wird deswegen der zuständige Lenkungsausschuss von Kommission und EU-Regierungen wieder Vertreter des Konzerns einvernehmen, nachdem eine Unterredung am Montag unbefriedigend verlaufen ist. Gesundheitskommissarin Stella Kyriakides beklagte hinterher "einen Mangel an Klarheit sowie ungenügende Erklärungen".

Astra Zeneca ist nicht der erste Produzent, der über Lieferprobleme berichtet. Kurz zuvor warnten schon die Mainzer Firma Biontech und ihr amerikanischer Partner Pfizer, dass ein Werk in Belgien umgerüstet werde und es kurzzeitig zu Einschränkungen komme. Dafür solle die Fabrik hinterher mehr herstellen können. Solche Verzögerungen sind umso heikler, weil nationale Regierungen und die Kommission ohnehin wegen des schleppenden Anlaufs der Impfungen unter Druck stehen.

Biontech und Pfizer konnten immerhin überzeugend darlegen, wieso es hakt. Astra Zeneca gelang das bislang nicht - was in Brüssel Misstrauen weckt. Dabei zahlte die EU dem Unternehmen direkt nach Vertragsabschluss einen üppigen Vorschuss, nach Angaben der Nachrichtenagentur Reuters waren es 336 Millionen Euro. Das sollte Produktionskapazitäten reservieren und sicherstellen, dass die Firma bereits vor der Zulassung mit der Herstellung beginnt. Eine Empfehlung zur Zulassung wird die Europäische Arzneimittel-Agentur EMA wohl an diesem Freitag aussprechen.

Bohrende Fragen, was da schiefgelaufen ist

Astra Zeneca begründet die Verzögerungen mit Problemen in einem belgischen Werk des Auftragsfertigers Novasep. Doch Vertreter der EU und der Mitgliedstaaten fragen sich, wieso der Konzern die Lieferungen an die Union drastisch kürzen will, während es bei anderen Kunden, etwa Großbritannien, offenbar keine Einschränkungen gibt. Im Vereinigten Königreich wird das Vakzin seit drei Wochen im großen Stil eingesetzt, nachdem die Genehmigung zum Jahreswechsel erteilt worden war.

Eine Teilantwort auf diese Frage lieferte Vorstandschef Soriot in einem Interview mit der Welt: Die Verzögerung bei der Lieferung an die EU liege auch daran, dass Brüssel spät bestellt habe, sagte er. "Der Grund war, dass Brüssel mehr oder minder zum selben Zeitpunkt beliefert werden wollte wie die Briten - obwohl die drei Monate früher unterzeichnet hatten. Darum haben wir zugesagt, es zu versuchen, uns aber nicht vertraglich verpflichtet", so Soriot. Auch bei der Lieferung für Großbritannien habe es Anfangsprobleme gegeben, aber man hatte "dort drei Monate mehr Zeit, um Pannen zu beheben".

Dies wiederum wird EU-Regierungen zu Nachfragen veranlassen, die gerne verstehen wollen, was mit den Dosen geschehen ist, die Astra Zeneca bereits seit Herbst hätte produzieren sollen - übrigens auch in Deutschland; die Firma lässt Vakzine in Dessau abfüllen: Wurden die Mittel an andere Abnehmer verkauft, anstatt sie für die EU zurückzuhalten - etwa um die "Anfangsprobleme" in Großbritannien aufzufangen? So wurden Ende 2020 offenbar bis zu vier Millionen Dosen von Werken in den Niederlanden und Deutschland nach Großbritannien geliefert, nachdem in den Fabriken auf der Insel etwas schiefgelaufen war, wie seinerzeit die Irish Times berichtete.

Damit ähnliche Fragen in Zukunft einfacher zu beantworten sind, führt die Kommission jetzt ein Transparenzregister ein: Unternehmen müssen Exporte von Corona-Impfstoffen aus der EU künftig im Voraus anmelden, damit immer klar ist, wo welche Dosen gelandet sind. Hier gehe es um das Sammeln von Informationen - und nicht darum, Ausfuhren zu blockieren, heißt es in der Behörde.

Solch eine Blockade wäre auch "besorgniserregend", warnte Simon Stevens, der Chef des britischen Gesundheitsdienstes NHS, am Dienstag im Londoner Parlament. Allerdings stände die EU mit derartigem Impfnationalismus nicht alleine da: Bereits im Dezember ordnete der damalige US-Präsident Donald Trump an, dass Impfstoff aus US-Fabriken vorrangig im eigenen Land bleiben solle.

© SZ
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