Corona:Schweiz erhöht Druck auf Ungeimpfte

St. Gallen, Schweiz - 25. August 2021: Um gegen die Verschärfung des Covid-Zertifikat zu protestieren haben sich etwa 5

Etwa 500 Menschen demonstrierten am Wochenende in Sankt Gallen gegen die geplanten Corona-Maßnahmen der Regierung.

(Foto: Andreas Haas/imago)

2000 neue Fälle pro Tag, eine Sieben-Tage-Inzidenz von 208, immer mehr Intensivpatienten: Die Regierung in Bern sieht sich gezwungen, den Kampf gegen die vierte Welle zu verschärfen. Dabei hatte sie ganz andere Pläne.

Von Isabel Pfaff, Bern

"Man nimmt keine Rücksicht auf uns", klagt der Zürcher Intensivmediziner Peter Steiger in einem Interview. Es sei jetzt die vierte Welle, die Intensivstation seiner Klinik fülle sich wieder mit Covid-Patienten, und schon jetzt müssten sie auch dringende Operationen verschieben. Seine Leute seien müde und ausgebrannt. "Wir mussten nun schon dreimal den Kopf hinhalten. Wie oft noch?"

Tatsächlich steigen die Infektionszahlen in der Schweiz gerade stark an, täglich kommen mehr als 2000 neue Fälle hinzu, die gesamtschweizerische Sieben-Tage-Inzidenz liegt bei 208. Und: Vergleichsweise viele dieser Fälle landen im Krankenhaus. Die Intensivstationen des Landes sind momentan zu 80 Prozent ausgelastet, und fast ein Drittel der Patienten werden dort wegen Covid-19 behandelt. Zum Vergleich: Anfang August betrug der Anteil der Covid-19-Intensivpatienten noch nicht einmal fünf Prozent.

Demgegenüber weist die Schweiz eine vergleichsweise niedrige Impfquote auf. Derzeit sind nur etwas mehr als 51 Prozent der Bevölkerung vollständig geimpft - in Österreich sind es rund 57, in Frankreich 58, in Italien und Deutschland 60 Prozent. Die Impfquote spiegelt sich auch auf den Schweizer Intensivstationen: Dort sind nach Angaben von Medizinern über 90 Prozent der Covid-19-Patienten ungeimpft.

Eigentlich wollte man über die Aufhebung der Maskenpflicht nachdenken

Nun will die Regierung, der Bundesrat, den Druck auf Ungeimpfte stark erhöhen. Vergangene Woche kündigte Gesundheitsminister Alain Berset an, die Anwendungsbereiche des Covid-19-Zertifikats deutlich ausweiten zu wollen: Statt wie bisher nur bei Großanlässen oder in Clubs sollen Schweizerinnen und Schweizer künftig auch in Restaurants, Kinos, Museen, Zoos und auch bei Sportaktivitäten ihr Zertifikat vorzeigen müssen. Beschlossene Sache ist außerdem, dass die bisher kostenlosen Tests für Menschen ohne Symptome ab Oktober selber bezahlt werden müssen. Im Moment berät sich der Bundesrat noch mit den Kantonen, doch am Mittwoch dürfte die Entscheidung fallen, ob und ab wann die Verschärfung kommen wird.

Die Ankündigung ist im Land umstritten. Vor allem die rechtskonservative SVP, die grundsätzlich maßnahmen- und in der Mehrheit impfskeptisch ist, lehnt die Verschärfung ab - hatte doch der Gesundheitsminister erst Mitte August offiziell die "Normalisierungsphase" eingeleitet und wollte jetzt eigentlich gar über eine Aufhebung der Maskenpflicht nachdenken. Statt "die Betriebe und Bevölkerung in der Schweiz zu drangsalieren", solle er lieber die Reiserückkehrer testen und in Quarantäne stecken, heißt es von der Partei. Tatsächlich sind unter den Intensivpatienten nach Angaben von Ärzten und kantonalen Gesundheitsministern viele Reiserückkehrer.

Die Regierung dürfte dennoch durchkommen mit ihren Plänen, die Kantone haben bereits Zustimmung signalisiert. Was das für die Impfquote bedeutet, bleibt abzuwarten. Die Schweiz ist bisher nicht mit einer starken, sichtbaren Impfkampagne aufgefallen. Noch gibt es kaum mobile Impfteams und wenige "Walk-in-Angebote", also Impfungen ohne Termin. Zuständig für eine Offensive an dieser Stelle sind die Kantone und Gemeinden.

© SZ/stad
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