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Pandemie-Politik:Der Schweizer Weg

Foto Manuel Geisser 23.04.2021 Covit-19 Gastrobranche,Gastrobetriebe. Lockdown , Kreative ideen gefragt. Bild: Iglu Gar

Ob mit oder ohne Schutzhaube: Seit Anfang vergangener Woche dürfen Schweizer Restaurants wieder ihre Terrassen öffnen.

(Foto: Manuel Geisser/imago)

Geschäfte, Zoos und Restaurantterrassen sind offen, obwohl das Land einen ähnlich hohen Inzidenzwert hat wie Deutschland. Über eine gewagte Strategie - und warum sie trotzdem von vielen Bürgern unterstützt wird.

Von Isabel Pfaff, Bern

Wo vor einem Jahr noch die Tische zusammengeklappt, die Stühle aufeinandergestapelt waren, sitzt man jetzt wieder draußen bei Pasta und Aperol Spritz: Auf dem Berner Waisenhausplatz ist an diesem gewöhnlichen Dienstagmittag die Hölle los - und zwar ganz legal. Seit Anfang vergangener Woche dürfen Schweizer Restaurants unter Auflagen wieder ihre Terrassen öffnen, sogar Kinos und Fitnesszentren haben wieder auf. Drinnen sind bei öffentlichen Veranstaltungen 50 Personen, draußen sogar 100 zugelassen. Die Läden und Museen haben schon seit Anfang März wieder geöffnet. Und die Schweizer Schulen und Kitas waren ohnehin seit Ende der ersten Welle nicht mehr zu. Der Kontrast zu Deutschland, wo gerade eine Bundesnotbremse beschlossen wurde, könnte nicht schärfer sein.

So sieht er also aus, der "Schweizer Weg", wie die sanfte Corona-Politik des Landes inzwischen genannt wird - übrigens mit einigem Stolz. "Schauen Sie doch mal in unsere Nachbarstaaten, es gibt nicht viele Länder, die so viel erlauben wie wir!", brüstete sich vor Kurzem Gesundheitsminister Alain Berset bei einer Pressekonferenz. Lukas Engelberger, als Präsident der kantonalen Gesundheitsdirektoren sozusagen die pandemiepolitische Stimme der Kantone, sagte in einem Interview zu den jüngsten Lockerungen: "Wir tragen diesen Kurs mit, der mittlerweile als Schweizer Weg bekannt ist. Er zeichnet sich durch verhältnismäßig zurückhaltende Einschränkungen des gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Lebens aus."

Tatsächlich lässt sich ein gutes Jahr nach Ausbruch der Pandemie ein Muster feststellen, was die Schweiz und ihre Eindämmungsmaßnahmen angeht. Obwohl auch die Eidgenossen im vergangenen Frühjahr das öffentliche Leben weitgehend herunterfuhren, zeigte sich schon damals, dass man in Bern vor allzu harten Verboten zurückschreckt. Während in den Nachbarländern strikte Kontaktbeschränkungen galten, durften sich in der Schweiz immerhin bis zu fünf Personen treffen, Ausgangssperren gab es nicht. Über den Sommer lockerte die Regierung so gut wie alle Einschränkungen.

Der neuste Öffnungsschritt hat alle überrascht

Das Resultat: Das Land, noch verwöhnt von einer glimpflich verlaufenen ersten Welle, rutschte in eine heftige zweite Welle hinein - mit Ansteckungs- und Sterberaten, die insbesondere im November und Dezember in Europa ihresgleichen suchten. Selbst in dieser dramatischen Lage verschärften Bundesregierung und Kantone die Regeln nur zögerlich. Die Restaurants schlossen erst kurz vor Weihnachten, die Läden gar erst im Januar. Und: Am 1. März durften letztere schon wieder öffnen, obwohl sich die dritte Welle schon abzeichnete.

Mit dem neusten Öffnungsschritt hat die Schweiz nun restlos alle überrascht - schließlich ist das Infektionsgeschehen ähnlich wie in Deutschland: Die Sieben-Tage-Inzidenz der Eidgenossen liegt bei 162 (in Deutschland bei 167), der R-Wert im Sieben-Tages-Schnitt bei 1,10 (in Deutschland bei 1,01).

Wie kommt es zu diesem bemerkenswert lockeren Umgang mit der Pandemie? Einen Hinweis geben die Reaktionen auf die jüngsten Öffnungsschritte. Kaum ein Medium kritisierte die Lockerungen grundsätzlich; einige Journalisten fragten sogar, wann denn endlich die noch verbleibenden Einschränkungen aufgehoben würden. In solchen Äußerungen spiegelt sich die politische Kultur der Schweiz, die in der Mehrheit noch immer eine zutiefst liberale ist: Verbote oder überhaupt staatliche Interventionen bewerten viele Schweizerinnen und Schweizer als problematisch.

Trotz der geringen Einschränkungen gibt es deshalb auch in der Schweiz Corona-Skeptiker. Zuletzt fanden an den Wochenenden wiederholt unbewilligte Proteste gegen die Maßnahmen statt. Eigenverantwortung lautet das Zauberwort, insbesondere in der deutschsprachigen Schweiz. Und sieht man von den jüngsten Lockerungen ab, deren Folgen sich noch nicht in den Zahlen niederschlagen, muss man sagen: Zu einer Explosion der Fallzahlen ist es nach der Öffnung der Geschäfte, Museen und Zoos Anfang März tatsächlich nicht gekommen.

Ein anderer gewichtiger Faktor dürften die mächtigen Schweizer Wirtschaftsverbände sein. Sie haben in den vergangenen Wochen den Druck auf die Politik massiv erhöht, um Lockerungen zu erreichen - offenkundig mit Erfolg. Es ist ein starkes Zeichen, wenn wie im Fall von Valentin Vogt der Arbeitgeberpräsident eines Landes öffentlich sagen kann, dass man bei guten Impffortschritten auch mit Fallzahlen von 20 000 bis 30 000 pro Tag leben könnte.

Die kommenden Wochen werden zeigen, wie die Schweiz mit ihrer Kombination aus Lockerungen und dem Pochen auf Eigenverantwortung durch die dritte Welle kommt. Kritiker haben auf Twitter schon mal den Hashtag "Swiss Covid Games" kreiert: als Hinweis auf die neue Phase in der Schweiz, in der nun jede und jeder auf sich allein gestellt ist bei diesem lebensgefährlichen Spiel namens Pandemie.

© SZ/nvh
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