Präsenzunterricht:Studie zur Infektionsgefahr lässt auf sich warten

Schulunterricht

Müssen Schulen geschlossen werden, um Kinder zu schützen und die Pandemie einzudämmen? Die internationale Studienlage hierzu ist alles andere als eindeutig.

(Foto: Philipp von Ditfurth/DPA)

Im November beauftragte die Kultusministerkonferenz eine Untersuchung zum Infektionsrisiko an Schulen. Seitdem herrscht Schweigen. Das löst Unmut aus.

Von Lilith Volkert

Welche Rolle spielt der Präsenzunterricht bei der Verbreitung des Coronavirus? Mit dem Sommerferienende in immer mehr Bundesländern erregt diese Frage unausweichlich wieder die Gemüter. Aber die Kultusministerkonferenz (KMK) trägt nicht viel zur Beruhigung bei. Zwischenergebnisse einer als "Entscheidungsgrundlage" angekündigten Studie kommuniziert sie nur widerwillig. Bei Eltern, Lehrkräften, aber auch bei Politikern schürt sie damit das in der Corona-Zeit gewachsene Misstrauen.

Im November 2020 hatte die KMK das Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung (HZI) in Braunschweig und die Kinderklinik der Universität Köln mit mehreren Teilstudien zum Infektionsgeschehen an Schulen beauftragt. Die damalige KMK-Präsidentin Stefanie Hubig (SPD) versprach sich davon "belastbare Zahlen für die gesamte Republik". Neben einer Analyse bereits veröffentlichter Studien sollten Daten aus Bundesländern zusammengeführt und ausgewertet werden. Der Abschlussbericht wurde für Herbst 2021 angekündigt, erste Zwischenergebnisse sollte es im vergangenen Frühjahr geben. Doch es blieb still.

Zu den in die Studie involvierten Bundesländern gehört Hamburg. Als sich der Hamburger Software-Entwickler und Vater Suat Özgür Anfang Juli bei der Schulbehörde nach den Zwischenergebnissen erkundigte, wurde ihm mitgeteilt, die Vorabberichte seien nur für den internen Gebrauch bestimmt. Später hieß es, Hamburg könne nicht selbst Ergebnisse herausgeben, weil ja die Ländergemeinschaft die Studie beauftragt habe. Özgür befürchtet, dass Resultate zurückgehalten werden, die das politische Ziel gefährden könnten, die Schulen offen zu halten. Auf Twitter fordert er unter dem Hashtag #GebtdieStudiefrei mehr Transparenz.

Die internationale Studienlage ist uneindeutig

Sabine Boeddinghaus von der Hamburger Linken hat inzwischen beim Senat angefragt, was er über die Studie weiß und daraus folgern werde. Auch die Grünen-Fraktion in der Bürgerschaft bemüht sich darum, aktuelle Ergebnisse einsehen zu können.

Am 3. August stellte die KMK dann die ersten beiden Zwischenberichte auf ihre Seite - kommentarlos. Auf Nachfrage erklärte sie, der für die Veröffentlichung nötige Präsidiumsbeschluss sei am 30. Juli gefasst worden. Die Berichte des HZI und der Uniklinik Köln stammen von Januar und März 2021. Die deutlich ansteckendere Deltavariante, die das Infektionsgeschehen inzwischen beherrscht, spielte zu dieser Zeit noch keine große Rolle. Der dritte Zwischenbericht sollte laut Hamburger Schulbehörde bis Ende Juli vorliegen, der KMK und dem HZI zufolge ist er aber noch nicht fertiggestellt.

Die Studie läuft noch bis September. Die KMK will sie nach der Begutachtung durch andere Wissenschaftler in einem Fachmagazin veröffentlichen. Wann, ist noch offen. Studien zum Coronavirus wurden oft in einer vorläufigen Version herausgegeben, das ist hier nicht geplant. Ob die Untersuchung bei der Frage "Präsenzunterricht: Ja oder Nein?" weiterhilft, könnte also noch bis weit ins neue Schuljahr hinein ein Geheimnis bleiben. Zu viel erwarten darf man sich vermutlich nicht: Die internationale Studienlage ist alles andere als eindeutig und liefert sowohl Argumente für als auch gegen den Präsenzunterricht.

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