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Corona-Pandemie:"Aufholprogramm" für Kinder

Bundesfamilienministerin übergibt Schulranzen

Franziska Giffey (SPD), Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, hilft dem Schulanfänger Tom beim Aufsetzen seines neuen Schulranzens.

(Foto: Jens Büttner/dpa)

Familienministerin Giffey will zwei Milliarden Euro ausgeben, um die negativen Folgen von Fernunterricht und psychologische Schäden auszugleichen. Unicef fordert einen Kindergipfel in Deutschland.

Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD) will zwei Milliarden Euro für ein "Aufholprogramm" für Kinder und Jugendliche bereitstellen, das negative Folgen der Corona-Krise ausgleichen soll. Damit werde versucht, entstandene Bildungslücken, Lernrückstände, ausgefallene Sprachschulungen oder psychologische Probleme zu kompensieren, sagte die Ministerin am Dienstag bei einer Online-Infoveranstaltung der Bundesarbeitsgemeinschaft der Landesjugendämter. Die angedachten Projekte sollten sich jedoch nicht nur auf schulischen Nachhilfeunterricht beschränken, sondern auch die frühkindliche Bildung fördern und spezielle Sportangebote oder Kinderfreizeiten unterstützen. Zugleich soll auch die Schulsozialarbeit ausgebaut werden.

"Wir werden morgen voraussichtlich im Bundeskabinett über das Programm sprechen", sagte Giffey. Beteiligt an den Planungen sei auch das Bundesbildungsministerium. Zugleich verwies die Ministerin auf den weiteren Ausbau finanzieller Unterstützungen für Familien in der Pandemie und darauf, dass hier bereits verschiedene gesetzliche Hilfen erweitert beziehungsweise verlängert wurden. Sie nannte beispielhaft die Erhöhung des Kinderzuschlags, mehr Mittel im Teilhabepaket und eine zusätzliche Milliarde Euro für den Kita-Ausbau. Schließlich verwies Giffey auf das aktuelle Vorhaben ihres Ministeriums, den Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung für Kinder im Grundschulalter, der noch bis zum Ende der Legislaturperiode verankert werden soll.

"Das Jugendamt ist immer da"

Lorenz Bahr, Vorsitzender der Bundesarbeitsgemeinschaft der Landesjugendämter, stellte die neue Kampagne der Jugendämter vor, die vor allem über die Arbeit der Behörden informieren solle. Bei den kommenden Aktionswochen wolle man deutlich machen, dass "das Jugendamt immer da ist, gerade auch jetzt, in der Krise". Durch die Betreuung und Begleitung durch die Behörden bekämen Kinder eine "wichtige Starthilfe". Die Ämter hätten sich "kreativ, flexibel und pragmatisch der Situation in der Corona-Pandemie angepasst", sagte Bahr.

Passend zum Giffey-Auftritt forderte das UN-Kinderhilfswerk Unicef die Einberufung eines Gipfels zur Bewältigung der Folgen von Corona für Kinder, Jugendliche und Familien in Deutschland. "Der Sicherung der Kinderrechte muss jetzt höchste Priorität eingeräumt werden", sagte der Vorstandsvorsitzende von Unicef Deutschland, Georg Graf Waldersee, am Dienstag bei der Online-Präsentation des Unicef-Berichts zur Lage der Kinder in Deutschland 2021. Es mehrten sich die Hinweise, dass derzeit viele Familien an ihre Grenzen stießen, heißt es in dem Bericht. Demnach gaben bei einer aktuellen Befragung mehr als die Hälfte von 1000 Eltern in Deutschland an, dass die Kontaktbeschränkungen sowie die Schließung von Schulen und Kindertagesstätten den Stress in ihren Familien deutlich erhöht haben. Ein Teil berichtete zudem von einem gestiegenen aggressiven Verhalten gegenüber den Kindern.

Viele halten sich selbst für depressiv

Laut dem Bericht waren schon vor der Pandemie mehr als jedes fünfte Mädchen und nahezu jeder siebte Junge im Alter von 15 Jahren unzufrieden mit ihrem Leben. "Dass ein signifikanter Teil der Jungen und Mädchen ohne Zuversicht in die Zukunft geht, ist richtig schlimm", betonte Waldersee. Im Hinblick auf das Wohlbefinden von Kindern und Jugendlichen lande Deutschland im Vergleich zu anderen Industriestaaten lediglich im Mittelfeld. Auffällig sei vor allem die relativ hohe Unzufriedenheit von Mädchen und jungen Frauen, sagte der Autor des Berichts, Hans Bertram. 16 Prozent von ihnen schätzten sich als depressiv ein, 13 Prozent erhielten verschreibungspflichtige Beruhigungsmittel. "Damit weicht Deutschland signifikant von anderen Ländern ab."

© SZ/epd/rop/Giffe
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