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Schulbau:Auf Durchzug

Corona Schulbau Staatliche Gemeinschaftsschule Weimar honorarfrei

Wer lernt, braucht Licht und Luft: Wie offene Schularchitektur aussehen kann, zeigt der geplante Neubau der Staatlichen Gemeinschaftsschule in Weimar.

(Foto: Ponnie Images)

Kleine Klassenräume, enge Gänge, schlechte Lüftung: Experten hoffen, dass die Corona-Pandemie den Abschied von der klassischen Schularchitektur beschleunigt.

Von Fabian Busch

Die Waschbecken standen schon auf der Streichliste. Wenn die Grundschule im unterfränkischen Röttingen in den nächsten Jahren neu gebaut wird, sollen die Räume moderne Smartboards bekommen. In den Planungsrunden Anfang 2020 schlugen die Architekten deshalb vor, die Waschbecken wegzulassen: Ohne staubige Kreide muss man sich nicht zwingend im Raum die Hände waschen.

Das Kollegium wollte aber zusätzlich an den Kreidetafeln festhalten - und damit auch am Händewaschen. Inzwischen sind alle Seiten froh darüber. Schließlich hat das Thema Hygiene in den vergangenen Monaten eine neue Dringlichkeit bekommen. Ein Schulraum ohne Waschbecken? Im Pandemie-Zeitalter äußerst unpraktisch.

Noch weiß niemand, wie tiefgreifend das Coronavirus die Gesellschaft und damit auch die Bildung beeinflussen wird. Doch auch im Schulbau hat die Pandemie Diskussionen ausgelöst. Kinder und Jugendliche, die auf engem Raum in stickigen Klassenzimmern sitzen, passen endgültig nicht mehr zur Vorstellung von gutem Unterricht. Mehr Platz, bessere Lüftung - durch die Pandemie sind diese Themen für Planerinnen und Architekten deutlich wichtiger geworden.

Auch Michael Scheuerer hat seine Arbeit hinterfragt. Er ist einer von drei Geschäftsführern des Stuttgarter Architekturbüros Michel + Wolf, das für den Neubau der Grundschule Röttingen zuständig ist. Waschbecken und zusätzliche Lüftungsgeräte sind dabei eher Details. "Durch die Pandemie wird uns allen ein großes Maß an Flexibilität abverlangt", sagt Scheuerer. Das gelte auch für die Schulen: Klassen sind zum Teil vor Ort, zum Teil zu Hause im Distanzunterricht.

Offene Lernräume anstelle von Klassenzimmern, die sich an einem Flur aneinanderreihen

Unabhängig vom Corona-Mindestabstand gilt in Klassenzimmern inzwischen: Für individuelle Förderung und die Arbeit in Lerngruppen sollen sich Kinder und Jugendliche aus dem Weg gehen können - und trotzdem für die Lehrkräfte sichtbar bleiben. Deswegen hatte Scheuerer der Grundschule für den Neubau schon vor der Corona-Krise das "Cluster-Modell" vorgeschlagen. Es könnte sich nun auch angesichts der Pandemie als sinnvoll erweisen.

Unterrichtszimmer und Räume für die Arbeit in Kleingruppen sind um eine offene Lernzone angeordnet, die die Schülerinnen und Schüler nutzen können - genau wie einen Innenhof bei schönem Wetter. Es werden viel weniger Flure benötigt. So steht jedem Lernenden mehr Platz zur Verfügung, ohne dass die Grundfläche wächst und damit auch die Kosten steigen. "Man kann mit intelligenten Grundrissen dazu beitragen, dass jeder Quadratmeter Fläche besser genutzt wird", ist Scheuerer überzeugt.

Für die offene Schularchitektur existieren verschiedene Namen mit unterschiedlichen pädagogischen Konzepten: Cluster, offene Lernlandschaften oder Lernhäuser. Gemeinsam haben sie einen Grundgedanken: Weg von der klassischen Architektur, bei der sich Klassenräume an einem Flur aneinanderreihen. Und damit auch weg von der alten Faustregel, nach der pro Schüler im Schnitt zwei Quadratmeter Platz veranschlagt werden.

Die Klassenraum-Flur-Schule hat nach Einschätzung von Barbara Pampe ausgedient. "Die Zahl von zwei Quadratmetern pro Schüler passte zum Frontalunterricht, also zu einem Unterricht, in dem alle zur gleichen Zeit das Gleiche in der gleichen Form machen", sagt die Vorständin der Montag-Stiftung Jugend und Gesellschaft. Pampe ist Architektin und spezialisiert auf Schulgebäude. Aus ihrer Sicht hat die Pandemie Probleme bloßgelegt, die es schon vorher gab. In stickigen, kleinen Räumen kann nicht nur die Viruslast hoch sein. "In Klassenzimmern gibt es häufig zu viel CO₂ und zu wenig Sauerstoff", sagt Pampe. Kohlendioxid mache müde und erschwere die Konzentration, warnt auch das Umweltbundesamt.

Querlüften ist in vielen Klassenzimmern nicht möglich

Lernende brauchen Licht und Luft - zu diesem Schluss kam schon der Oberschulrat Wilhelm Berger 1960 in seinem Buch "Schulbau von heute für morgen". "Damals spielte das Thema Luftqualität noch eine größere Rolle im Schulbau", sagt Barbara Pampe. Unterrichtsräume hatten häufig hohe Decken und waren von zwei Seiten zu belüften. In der Nachkriegszeit wurden Neubauten aber aus Kostengründen kompakter, man setzte eher auf technische Lösungen statt auf natürliche Belüftung. Das rächt sich nun.

Das Umweltbundesamt empfiehlt Schulen vor dem Hintergrund der Pandemie regelmäßiges Querlüften: Dazu müssen sich Fenster oder Türen an mehreren Seiten eines Raums öffnen lassen und somit für "Durchzug" sorgen. Viele Klassenräume haben aber nur an einer Seite Fenster, die sich zum Teil gar nicht weit öffnen lassen.

Aus Pampes Sicht liefert die Pandemie starke Argumente für eine offene Schularchitektur. Wie diese aussehen könne, lässt sich an einem Projekt in Thüringen studieren. Dort unterstützt die Montag-Stiftung Jugend und Gesellschaft gerade den Neubau eines Standorts der Staatlichen Gemeinschaftsschule Weimar. Das Projekt ist auch ein Modellvorhaben der Internationalen Bauausstellung Thüringen (IBA).

Das zentrale Gebäude soll Ende 2023 fertig sein und aus drei Geschossen bestehen, sogenannten Lernlofts: Drei Klassen mit zusammen rund 75 Schülern teilen sich eine Etage, die mit 400 Quadratmetern so groß ist wie sechs Klassenräume. Querlüften ist möglich, denn statt Zwischenwänden sollen Möbel den Großraum unterteilen. Flure gibt es praktisch nicht. Dafür können die Schülerinnen und Schüler auch auf Balkone ausweichen, die das Gebäude komplett umgeben.

Mit den Räumen verändert sich auch die Art, wie unterrichtet wird

Diese Möglichkeit würde man sich schon jetzt wünschen, sagt Ilka Drewke, die Schulleiterin der Staatlichen Gemeinschaftsschule. "Momentan sitzen bis zu 24 Kinder in den Klassenräumen. Wir müssen dabei auf Abstand achten - und darauf, dass alle Masken tragen." Die Lernlofts würden dagegen die Chance bieten, die Enge der Klassenräume zu verlassen.

Man habe den Neubau zwar kurz vor Corona konzipiert, sagt IBA-Projektleiter Tobias Haag. "Wir sind aber überzeugt, dass unsere Strategie weiterhin trägt." In ganz Deutschland werden jetzt Schulen mit Lüftungsgeräten nachgerüstet. Tobias Haag sieht diesen technischen Ansatz kritisch. "Wir müssen zurück zum einfachen Bauen und zur natürlichen Belüftung."

Die schöne frische Schulwelt wird auch Schattenseiten haben. Durchzug senkt nicht nur die Temperatur im Raum. Es kann Lehrkräfte und Schüler auch gehörig nerven, wenn Materialien von den Tischen gefegt werden. Die Weimarer Schulleiterin Ilka Drewke gibt zudem zu bedenken, dass die Lehrkräfte mitziehen müssen. Im Lernloft kann sich niemand mehr in einen Klassenraum zurückziehen. Der eigene Unterricht ist für das Kollegium sicht- und hörbar. Wenn sich die Art zu arbeiten so stark ändert, ist oft auch Überzeugungsarbeit nötig.

Vor allem aber ist fraglich, wie schnell sich die offene Schularchitektur durchsetzen könnte. Große Städte wie München und Köln haben ihre Leitlinien für Neubauten zwar schon auf Lernhäuser oder Bildungslandschaften umgestellt. Doch Schulbau ist langwierig. Von der ersten Idee bis zum Einzug vergehen in der Regel Jahre, wenn nicht Jahrzehnte. Laufend kommen neue Anforderungen hinzu: Barrierefreiheit für den inklusiven Unterricht, Mensen für den Ganztagsbetrieb, nicht zu vergessen das große Thema Digitalisierung.

Die Pandemie bringt jetzt weitere Herausforderungen mit sich, zudem sind ihre Folgen für die Haushalte von Ländern und Kommunen schwer abzuschätzen. Die Förderbank KfW hat den Investitionsrückstand an deutschen Schulen im vergangenen Sommer auf 44,2 Milliarden Euro geschätzt. Schon jetzt gibt es Kommunen, die den Bau neuer Schulen wegen der angespannten Haushaltslage verschieben. Architektin Barbara Pampe ist trotzdem überzeugt, dass Städte und Kreise um Neubauten nicht herumkommen. "Wegen des demografischen Wandels und des Bedarfs an neuen Schulen vor allem in Ballungsräumen werden dringend neue Gebäude benötigt."

© SZ/liv
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