Corona-Politik :Im Blindflug

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Lange her, aber nicht vergessen: Die Langzeitfolgen der Schulschließungen dürften noch lange zu spüren sein. (Foto: Rolf Vennenbernd/dpa)

Der Philosoph Christoph Schickhardt rechnet mit der verfehlten Corona-Politik in Bezug auf Kinder und Jugendliche ab. Er rügt die „Empathielosigkeit“ der Politiker und macht ein paar Vorschläge, wie die Alten zur Wiedergutmachung beitragen könnten.

Rezension von Robert Probst

Im Grunde sagt der Titel schon alles. „Nicht systemrelevant“ hat der Philosoph und Medizinethiker Christoph Schickhardt seine Abrechnung mit der fatalen deutschen Corona-Politik in Bezug auf Kinder und Jugendliche überschrieben. Die Erkenntnis, dass in den Jahren 2020 bis 2022 vieles falsch gemacht wurde und noch viel mehr schiefgelaufen ist bei den staatlichen Maßnahmen, hat sich ja inzwischen bis zum Gesundheitsminister herumgesprochen. Doch es steht zu befürchten, dass diese Erkenntnisse auch schnell wieder vergessen sein werden. Darum kommt das Büchlein des in Heidelberg forschenden Kinderethikers Schickhardt gerade zur rechten Zeit.

Christoph Schickhardt: Nicht systemrelevant. Eine Aufarbeitung der Corona-Politik aus kinderethischer Sicht. Suhrkamp-Verlag, Berlin 2024. 175 Seiten, 18 Euro. E-Book: 15,99 Euro. (Foto: Suhrkamp)

Über Kinder und Jugendliche wundern sich Erwachsene ja gern nur, wenn sie aus Erwachsenensicht seltsame Sachen machen, FDP wählen (2021), AfD wählen (2024) oder sich auf der Straße festkleben etwa. Über Rechte und Bedürfnisse von Null- bis Siebzehnjährige wird in der Politik aber selten geredet. Schickhardt spart hier nicht an klaren Worten: Als es etwa Anfang 2020 beim ersten Lockdown darum ging, wer besonders zu privilegieren sei, „waren viele Gruppen wie u. a. die Deutsche Fußballliga, die Friseure oder Gastronomen wesentlich wichtiger als die etwa 13,7 Millionen Kinder und Jugendliche“. Und warum wohl? „Die für die Corona-Politik Verantwortlichen mussten sich vor den jungen Menschen nicht an den Wahlurnen verantworten und das wussten sie auch.“

Im Durchschnitt waren die Schulen 150 Tage geschlossen

Nüchtern und zahlengesättigt führt der Philosoph durch die düstere Zeit „im Blindflug“: etwa drei Monate Schulausfall durch die verschiedenen Lockdownphasen, mangelhafter Distanzunterricht, weniger Schutz vor Kindeswohlgefährdungen, psychische Belastungen und so weiter... Und immer wieder mit dem Hinweis, dass vor allem benachteiligte Familien besonders unter den Maßnahmen zu leiden hatten. Sein Fazit: Die Corona-Politik war in Bezug auf die Kinder in ihrer Härte „nicht nötig und nicht verhältnismäßig“. Dazu kam aus seiner Sicht ein „großes Maß an fehlender Achtung, Sprach- und Empathielosigkeit“.

Durch den starken Fokus auf die Kinder und die hochmoralischen Kategorien „Gerechtigkeit“ und „Wohlbefinden“ entsteht allerdings auch ein schiefes Bild vom Pandemiemanagement der Regierungen. Die massive Wirtschaftshilfe und auch die Impfkampagne waren große Leistungen, die gleichwohl kritisch hinterfragt werden müssen. Und viele der teils vernünftigen Forderungen, die Schickhardt am Ende jedes Kapitels aufstellt – etwa wissenschaftliche Begleitung und Evaluierung von Maßnahmen, Monitoringprogramme oder bessere gesetzliche Regelungen für Kinderrechte -, dürften leider wenig Chancen auf Realisierung haben.

Schön zu Hause bleiben: Der Lockdown traf Schüler und Kita-Kinder besonders hart. (Foto: Catherina Hess/Catherina Hess)

Am Schluss rüttelt Schickhardt auch noch an der Erzählung von der solidarischen Gesellschaft in den Corona-Jahren. Zu Recht stellt er die Frage, ob nicht die älteren Gruppen, zu deren Schutz die meisten Maßnahmen ja erfolgten, den jüngeren etwas schuldeten. „Haben diejenigen Senioren, die auch dank der Corona-Schutzmaßnahmen gesund durch die Pandemie kamen, zuvor reich und nach der Pandemie womöglich noch reicher waren, nicht die moralische Pflicht, den jungen Menschen etwas ‚zurückzugeben‘?“ Da schließlich die Corona-Milliardenausgaben vor allem die Schulden der jüngeren Generation seien, wäre aus seiner Sicht eine Sonderabgabe der Superreichen keine allzu schlechte Idee.

Und warum man das alles bei der Vorbereitung auf eine mögliche nächste Pandemie beachten sollte, erklärt Schickhardt auch recht nachvollziehbar: „Dieses obrigkeitsstaatliche Agieren trug sicherlich nicht dazu bei, Kinder und Jugendliche für die Verfahren und Institutionen der bundesrepublikanischen Demokratie oder für die Idee der Demokratie generell zu gewinnen.“ Siehe etwa Europawahl. Darum: Lektüreempfehlung für Bundes- und Landespolitiker, Entscheider in Gesundheits- und Kultusministerien und im Robert-Koch-Institut. Und für Leute, die ihr Bewusstsein schärfen wollen, woran es grundsätzlich hapert bei deutscher Kinder- und Jugendpolitik.

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