bedeckt München 13°

Corona:Ohne Infos durch die Pandemie

Der Gehörlosenbund rügt: Es gibt zu wenige Gebärdensprachendolmetscher im TV, Hotlines geben keine Auskunft über das Coronavirus.

Von Julia Bergmann, Berlin

Den 17. März 2020 nennt Daniel Büter vom Deutschen Gehörlosen-Bund (DGB) einen historischen Tag. Das war der Tag, an dem das RKI seine Corona-Pressekonferenz zum ersten Mal von einem Gebärdensprachendolmetscher übersetzen ließ. Der Dolmetscher ganz vorne, direkt neben dem Sprecher. Historisch sei das gewesen, weil zum ersten Mal während der Pandemie endlich auch Informationen für gehörlose Menschen im linearen Fernsehen und in Echtzeit zur Verfügung standen, erklärt Büter am Mittwoch bei einer Pressekonferenz zum Internationalen Tag der Gebärdensprachen.

Aber schon einen Tag später war der Dolmetscher wieder aus fast allen Fernsehübertragungen verschwunden. Der Sender Phönix zeigte ihn noch, aber nur so klein, dass die Gebärden kaum erkennbar gewesen seien, sagt Büter. Ein Tiefschlag. Wie sollen sich gehörlose Menschen ausreichend informieren und schützen, wenn sie wichtige Auskünfte nicht oder erst viel später als hörende bekommen?

Der Deutsche Gehörlosen-Bund fordert, dass sämtliche Pressekonferenzen wieder gut sichtbar von Gebärdensprachendolmetschern im linearen Fernsehen übersetzt werden. Die Situation habe sich zwar im Gegensatz zu den ersten Tagen der Pandemie deutlich verbessert, mittlerweile stehe wesentlich mehr Information in Gebärdensprache oder mit Untertiteln zur Verfügung. Aber bei weitem nicht genug. Viele Erklärvideos zur Pandemie seien nur online und vorübergehend abrufbar. Gehörlosen Menschen entstehe dadurch ein erheblicher Informationsnachteil, sagt Büter. Vor allem gehörlosen Senioren, die auf lineares Fernsehen als Hauptinformationsquelle zurückgreifen.

Die Pandemie hat die Gehörlosen-Gemeinschaft aber auch vor viele andere Probleme gestellt. Die Maskenpflicht sei anders als in der öffentlichen Wahrnehmung allerdings nicht das brisanteste, erklärt DGB-Vizepräsidentin Elisabeth Kaufmann. "Die Maskenpflicht war für uns Peanuts. Wir haben ganz andere Probleme, als dass ein paar Leute auf der Straße Maske tragen", sagt sie. Eines der drängendsten: die Hotline 116 117 sei für Gehörlose nicht erreichbar. Seit Beginn der Pandemie gibt es dort Auskünfte bei Verdacht auf eine Infektion mit dem Virus. Auf der Homepage der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), die die Hotline betreibt, gibt es den Hinweis auf eine Gebärdentelefonnummer. "Bei einem Probeanruf dort, haben wir festgestellt, dass man einfach mit dem 115-Gebärdentelefon verbunden wird", sagt Büter. Diese vermittle keine Informationen zum Coronavirus, sondern gibt nur allgemeine Auskunft über Themen und Leistungen der öffentlichen Verwaltung. Auch hier sieht der DGB Handlungsbedarf. "Hotlines müssen so barrierefrei gestaltet werden, dass sie wirklich nutzbar sind", fordert Büter. Nicht nur während der Pandemie.

© SZ vom 24.09.2020

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite