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Coronavirus in Deutschland:RKI-Chef Wieler warnt: Weihnachtstreffen könnten Corona-Lage noch verschärfen

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Bis die Fallzahlen sinken, werde es noch Wochen dauern. Die Infektionswerte bleiben kurz vor Weihnachten auf hohem Niveau, die Sieben-Tage-Inzidenz erreicht einen Höchstwert. Und auch die Virus-Mutation bereitet Sorge.

Der Präsident des Robert-Koch-Instituts (RKI) Lothar Wieler warnt vor einer Verschärfung der Corona-Lage durch Treffen im Familien- und Freundeskreis zu Weihnachten. Er befürchte, dass das Infektionsgeschehen durch diese Zusammenkünfte weiter ansteigen wird, sagte Wieler bei einer Pressekonferenz am Dienstag. "Ich bitte Sie heute eindringlich, die Tage zwischen den Jahren in Ruhe und wirklich nur im engsten Familienkreis zu verbringen." Deutschland stünden noch "einige schwere Wochen bevor, wir sollten sie nicht noch schwerer machen", sagte Wieler.

Die Corona-Zahlen bleiben kurz vor Weihnachten auf hohem Niveau. Nach Angaben des RKI vom Dienstagmorgen haben die Gesundheitsämter innerhalb von 24 Stunden 19 528 weitere positiv auf das Coronavirus getestete Menschen gemeldet. Damit steigt die Gesamtzahl der nachgewiesenen Infektionen auf 1 530 180. Weitere 731 Menschen starben an oder mit dem Virus. Insgesamt sind 27 006 Todesfälle registriert.

Die sogenannte Sieben-Tage-Inzidenz steigt auf 197,6, der höchste bisher errechnete Wert. Er gibt an, wie viele Menschen je 100 000 Einwohner innerhalb von sieben Tagen positiv getestet wurden. Bund und Länder streben zur Eindämmung des Virus einen Wert von 50 an. "Wir verzeichnen weiter Höchstwerte", sagte RKI-Präsident Wieler. "Es wird vermutlich noch mehrere Wochen dauern, bis die Fallzahlen zurückgehen."

Zugleich herrscht in Deutschland Sorge wegen der Mutation des Virus, die in Großbritannien aufgetaucht ist. Mit Stand Dienstagmorgen habe er keine Erkenntnisse, dass die neue Virus-Variante hierzulande nachgewiesen wurde. Er halte die Wahrscheinlichkeit jedoch für hoch, dass die Mutation bereits im Land ist. Aber: "Wir können die Bedeutung der Variante für das Geschehen noch nicht einschätzen." Auch in dieser Hinsicht mahnte Wieler die Bevölkerung, sich an die Abstands- und Hygieneregeln zu halten, um einer mögliche Verbreitung vorzubeugen.

Mit Blick auf den Start der Impfkampagne in den Tagen nach Weihnachten zeigte sich Wieler erleichtert. Kaum jemand habe zu Beginn der Pandemie erwartet, dass Impfungen tatsächlich noch in diesem Jahr starten könnten. Doch bis die Immunisierung die Ausbreitung des Virus spürbar einschränken kann, werde es noch Monate dauern.

Biontech-Chef "zuversichtlich", dass Impfstoff gegen Virusvariante wirkt

Biontech-Chef Uğur Şahin ist zuversichtlich, dass der Corona-Impfstoff seines Unternehmens auch gegen die in Großbritannien aufgetauchte neue Mutation des Virus wirkt. Aus wissenschaftlicher Sicht sei die Wahrscheinlichkeit dafür hoch, sagte er der Deutschen Presse-Agentur. "Wir haben den Impfstoff bereits gegen circa 20 andere Virusvarianten mit anderen Mutationen getestet. Die Immunantwort, die durch unseren Impfstoff hervorgerufen wurde, hat stets alle Virusformen inaktiviert."

Das Virus sei jetzt etwas stärker mutiert, sagte Şahin. "Wir müssen das jetzt experimentell testen. Das wird etwa zwei Wochen in Anspruch nehmen. Wir sind aber zuversichtlich, dass der Wirkungsmechanismus dadurch nicht signifikant beeinträchtigt wird."

Das Antigen, das das Mainzer Unternehmen und sein US-Partner Pfizer für den Impfstoff nutzen, bestehe aus mehr als 1270 Aminosäuren. Davon seien jetzt neun mutiert, also noch nicht einmal ein Prozent. "Unser Impfstoff sieht das ganze Protein und bewirkt multiple Immunantworten. Dadurch haben wir so viele Andockstellen, dass das Virus schwer entkommen kann. Das bedeutet aber nicht, dass die neue Variante harmlos ist." Der Biontech-Impfstoff auf Basis des Botenmoleküls mRNA könne prinzipiell schnell an neue Varianten angepasst werden.

Drosten zur neuen Corona-Variante: "Das sieht nicht gut aus"

Die neue Variante in Großbritannien macht neuen Untersuchungen zufolge das Coronavirus sehr wahrscheinlich leichter übertragbar. Zu diesem Schluss kommen Experten der englischen Gesundheitsbehörde Public Health England (PHS). Sie verweisen dabei auf Erbgut-Untersuchungen der neuen Variante und auf Modellrechnungen zur Ausbreitung. Eine der rund 20 Mutationen der neuen Variante B.1.1.7 dürfte insbesondere dazu beitragen, dass das Virus leichter übertragen werden könne.

Der deutsche Virologe Christian Drosten schrieb zu den PHS-Daten: "Das sieht leider nicht gut aus." Positiv sei aber, dass B.1.1.7-Fälle bislang nur in Gebieten zugenommen haben, wo die Gesamtinzidenz hoch oder ansteigend war. "Kontaktreduktion wirkt also auch gegen die Verbreitung der Mutante", schreibt Drosten.

Den PHS-Forschern macht insbesondere eine Mutation mit der Bezeichnung N501Y Sorgen. Sie könnte den Daten zufolge dafür sorgen, dass das Virus besser an Zielzellen andocken kann. Zudem liege die Mutation an einer Stelle, an der auch bestimmte Antikörper des Menschen angreifen, um das Virus auszuschalten. "Deshalb ist es möglich, dass solche Varianten die Wirksamkeit beim Neutralisieren des Virus beeinflussen."

Warnung vor illegal verkauften Corona-Schnelltests

Die Bezirksregierung Köln warnt vor bundesweit illegal in den Handel gelangten Corona-Schnelltests. Diese würden unter anderem an Tankstellen, in Supermärkten, Tierarztpraxen, Brauereien und vielen anderen Stellen verkauft. Betroffen seien die Produkte "Covid-19 Ag Test" des Herstellers "nal von minden GmbH" und "blnk Novel Coronavirus (SARS-CoV-2) Antigen Rapid Test Cassette (Swab)" des Herstellers Hangzhou Realy Tech Co.

Zwar stehen beide Tests auf der offiziellen Liste des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfAM) - sie sind also für den Gebrauch in Deutschland zugelassen. Allerdings dürfen Antigen-Schnelltests bislang nur von Ärzten bestellt werden. Die Probenentnahme soll unbedingt von medizinischem Fachpersonal durchgeführt werden. Das hat gute Gründe: Grundsätzlich sind diese Schnelltests nicht so sicher wie im Labor untersuchte Proben, sie erkennen eine Corona-Infektion deutlich seltener. Werden die Abstriche nicht fachgerecht gemacht - dabei muss ein Stäbchen unangenehm tief in die Nase geschoben werden -, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass man ein falsch-negatives Ergebnis bekommt.

Die Tests seien laut der Kölner Bezirksregierung von einem Unternehmen in Frechen in Umlauf gebracht worden und für Privatkunden auch ohne Fachkenntnisse frei käuflich gewesen. Zwar seien die Tests zweier Hersteller "als dringende Sicherheitsmaßnahme" zurückgerufen worden, sie würden "derzeit aber noch teilweise offen - und aus der Originalgroßverpackung herausgenommen - auf dem Verkaufstisch angeboten."

Die Firma und die Wohnung des Geschäftsführers des Unternehmens aus Frechen sei mit Hilfe der Kriminalpolizei Hürth und des Ordnungsamts durchsucht und eine Kundenliste sichergestellt worden. "Die Kundenliste enthält circa 5700 Kunden von Corona-Schnelltests im gesamten Bundesgebiet, von denen zwischen 4000 und 4500 Kunden den Test nicht hätten erhalten dürfen", berichtete die Bezirksregierung.

Lauterbach: Britische Corona-Mutation wäre momentan "Katastrophe" für Deutschland

SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach hat eindringlich vor einem schnellen Vordringen der in Großbritannien entdeckten Coronavirus-Variante nach Deutschland gewarnt. "Wenn es jetzt käme, wo wir mitten in der zweiten Welle sind, wo wir so hohe Fallzahlen haben, wäre das eine Katastrophe", sagte Lauterbach am Sonntagabend im Bild-Talk "Die richtigen Fragen". "Das ist so ähnlich, als wenn ich ein Feuer habe und gieße noch einmal Benzin nach." Die Wahrscheinlichkeit, dass die neue, angeblich deutlich ansteckendere Corona-Variante über kurz oder lang nach Deutschland komme, bezifferte Lauterbach auf 100 Prozent.

Vor Kurzem war in Großbritannien eine Mutation des Virus entdeckt worden, die nach ersten Erkenntnissen von Wissenschaftlern um bis zu 70 Prozent ansteckender als die bisher bekannte Form sein soll. Premierminister Boris Johnson betonte, es gebe aber keine Hinweise darauf, dass Impfstoffe gegen die Mutation weniger effektiv seien. Wegen der Coronavirus-Variante schotten sich zum Wochenbeginn Deutschland und weitere europäische Länder zunehmend vom Vereinigten Königreich ab.

Lauterbach sagte, er hoffe aber, dass die Variante jetzt noch nicht in Deutschland angekommen sei. "Dann müssen wir kämpfen, dass das möglichst lange so bleibt." Dies sei "ein weiterer Grund, warum wir den harten Lockdown rigoros durchführen müssen", bis die Neuinfektionen pro 100 000 Einwohner binnen sieben Tagen deutlich unter 50 oder besser unter 25 lägen. Dann könne man, "selbst wenn die neue Mutation da ist, jedes neue Cluster sofort entdecken und beenden und kommt wieder vor die Welle". Aktuell liegen aber allein sechs Bundesländer über der Marke von 200, darunter Sachsen mit dem Höchstwert von 427 Neuinfektionen pro 100 000 Einwohner in sieben Tagen.

Die von Deutschland und anderen EU-Staaten verfügten Einreisebeschränkungen für Reisende aus Großbritannien und dem ebenfalls von der Virusvariante betroffenen Südafrika sind nach Überzeugung Lauterbachs dringend notwendig und müssen möglicherweise lange aufrechterhalten werden. "Wenn sich bestätigt, dass es so viel virulenter ist, dann würde ich mindestens von Wochen, wenn nicht von Monaten ausgehen." Und auch nach einer Aufhebung der Einreisesperren sollte weiter jeder getestet werden, der aus den Regionen kommt.

© SZ/dpa/Reuters/rike/odg/aner/saul/hum/crys/jsa/berk/hij/pak/tba
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