bedeckt München

Coronavirus in Deutschland:Spahn kündigt Überarbeitung von Impfverordnung an

Die Stiko hatte zuvor für den Impfstoff von Astra Zeneca eine Altersbeschränkung empfohlen. Bundesfamilienministerin Franziska Giffey schlägt ein Ampel-Modell für die Öffnung von Kitas vor.

Archivhinweis: Corona-Deutschlandblog

Dieser Newsblog wird nicht mehr aktualisiert

Unsere Newsblogs werden in regelmäßigen Abständen archiviert. Die neuesten Entwicklungen finden Sie hier in unserem aktuellen Newsblog zur Corona-Krise in Deutschland.

Nachdem die Ständige Impfkommission (Stiko) eine Altersbeschränkung für den Impfstoff von Astra Zeneca empfohlen hatte, hat Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) eine Überarbeitung der Impfverordnung angekündigt. Man werde die "Alterskomponente" für den Astra-Zeneca-Impfstoff aufgreifen, sagte Spahn am Samstag bei einem digitalen "Townhall"-Meeting zu den Corona-Impfungen. Am Freitag hatte die am Robert-Koch-Institut (RKI) angesiedelte Stiko den Astra-Zeneca-Impfstoff nur für Personen im Alter von 18 bis 64 Jahren empfohlen. Zur Beurteilung der Impfeffektivität ab 65 Jahren lägen bisher keine ausreichenden Daten vor, hieß es. Zuvor hatte die EU-Arzneimittelbehörde EMA die europaweite Zulassung des Impfstoffs für Erwachsene ab 18 Jahren empfohlen, allerdings ohne eine weitere Altersbegrenzung.

Trotz der geplanten Einschränkungen beim Astra-Zeneca-Impfstoff möchte Spahn an der Priorisierung festhalten, wonach zunächst vor allem ältere Menschen eine Impfung bekommen sollen. Auch Pflegekräfte haben Vorrang. Die Stiko hatte sich grundsätzlich dafür ausgesprochen, in Einzelfällen etwa schwer kranke Risikopatienten früher zu impfen, als es die Priorisierung vorsieht.

Am Sonntag meldeten die Gesundheitsämter in Deutschland nach Angaben des RKI 11 192 neue Corona-Infektionen innerhalb eines Tages. Vor einer Woche waren es 12 257 Neuinfektionen gewesen. Am Sonntag sind die vom RKI gemeldeten Fallzahlen allerdings meist niedriger, unter anderem weil am Wochenende weniger getestet wird. Die sogenannte 7-Tage-Inzidenz ging erneut zurück. Die Zahl der Neuinfektionen pro 100 000 Einwohner binnen einer Woche sank auf 90,9.

Bundesfamilienministerin Franziska Giffey hat indes ein Ampel-Modell für eine zügige Öffnung der Kitas vorgeschlagen. Nach dem 14. Februar müsse es "echte Öffnungsperspektiven bei Kitas und Schulen" geben, sagte die SPD-Politikerin der Bild am Sonntag. Ausschlaggebend sollen drei Kriterien sein: die Anzahl der infizierten Personen, die Anzahl der Kinder in Quarantäne und die Anzahl der Erzieher in Quarantäne. "Ist niemand infiziert und weniger als zehn Prozent der Kinder und des Personals in Quarantäne, steht die Ampel auf Grün", sagte Giffey. Dann könne eine Kita den Regelbetrieb wieder aufnehmen.

Auf Gelb schalte die Ampel demnach, wenn eine Person infiziert und eine Kindergartengruppe oder maximal ein Viertel des Personals in Quarantäne sind. In diesem Fall gebe es eingeschränkten Regelbetrieb, etwa für weniger Stunden. Die rote Stufe werde erreicht, wenn zwei Personen an Corona erkrankt und mehr als 25 Prozent des Personals oder mehr als einer Kindergruppe in Quarantäne sind. Dann werde die Einrichtung geschlossen und nur Notbetreuung gewährt. Nicht gelten solle die Ampel in Gebieten mit einer 7-Tage-Inzidenz von mehr als 200, oder wenn sich eine Corona-Mutation aggressiv ausbreitet. Dann könne es in allen Kitas nur die Notbetreuung geben, sagte Giffey. Ihren Plan will sie in der kommenden Woche mit den Länderkollegen beraten.

Gesundheitsministerium: Engpass bei Moderna Impfstoff soll ausgeglichen werden

Ein Engpass bei den Impfstofflieferungen des Herstellers Moderna nach Deutschland werden nach Angaben des Gesundheitsministeriums mit Mehrlieferungen anderer Hersteller ausgeglichen. Während Moderna 43.200 Dosen weniger liefere als geplant, lieferten Biontech und Astra Zeneca den Bundesländern bis zum 22. Februar 1.747.000 Impfdosen mehr als bisher geplant, erklärt das Ministerium auf Twitter.

Zuvor hatte Hamburgs Regierender Bürgermeister Peter Tschentscher ebenfalls in einem Tweet kritisiert, dass weniger Moderna-Impfstoff als geplant geliefert werden soll. Das habe das Bundeskanzleramt mitgeteilt. "Wie soll man da die Impfungen planen?", schrieb Tschentscher weiter. In den vergangenen Tagen sprachen bereits Moderna selbst und mehrere europäische Länder von Lieferengpässen des US-Konzerns.

Spahn: Pandemie 2022 weitestgehend unter Kontrolle

"Einen zweiten Jahrestag wird es in dieser Form nicht geben", sagte Spahn zudem in einem Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung. "Im Lauf des Jahres werden wir die Pandemie weitestgehend unter Kontrolle bekommen - durch die Impfungen und durch die Möglichkeit, das Vakzin an Mutationen anzupassen." Er erwartet, dass sie im kommenden Jahr praktisch unter Kontrolle ist. "Im Lauf des Jahres werden wir die Pandemie weitestgehend unter Kontrolle bekommen - durch die Impfungen und durch die Möglichkeit, das Vakzin an Mutationen anzupassen."

Spahn lobte die Leistungen der Länder und Kommunen beim Aufbau der Impfzentren: "Das ist alles generalstabsmäßig organisiert, da funktioniert die Verwaltung richtig gut." Verwundert zeigte er sich über die Schärfe der Kritik am schleppenden Impfbeginn. "Nachdem wir wochenlang über die Impfreihenfolge und Knappheit am Anfang diskutiert haben, hätte aus meiner Perspektive jedem klar sein müssen, dass das einige Zeit dauern wird." Dennoch verstehe er die Enttäuschung und wolle nichts schönreden. Es bleibe Ziel der Bundesregierung, dass jeder aus der höchsten Risikogruppe der über 80-Jährigen bis Ende März geimpft sei. Das hänge jedoch von den Lieferungen aus dem europäischen Impfstoff-Kontingent ab.

Brinkhaus und Schwesig erwarten Verlängerung des Lockdowns

Unionsfraktionschef Ralph Brinkhaus hält eine Verlängerung des Lockdowns über den 14. Februar hinaus für erforderlich. "Besser jetzt noch ein wenig länger etwas härtere Maßnahmen als ein Raus-Rein-Raus-Rein, was letztlich alle zermürbt", sagte der CDU-Politiker dem Redaktionsnetzwerk Deutschland. Viele Beschränkungen müssten im Kern vermutlich noch einmal verlängert werden. "Wir müssen die Zahlen jetzt weit herunterbekommen." Deutschland müsse wegen der Mutation des Virus bei Lockerungen der Maßnahmen sehr vorsichtig sein, mahnte Brinkhaus.

Auch Mecklenburg-Vorpommerns Ministerpräsidentin Manuela Schwesig erteilte Hoffnungen auf rasche Lockerungen von Corona-Auflagen eine Absage. Sie sehe die Mutationen des Coronavirus mit ganz großer Sorge, sagte die SPD-Politikerin am Freitagabend in einem ARD-Extra. "Dann, glaube ich, reden wir weniger über Lockerungen, sondern eher über Verschärfungen", betonte sie.

Bundesinnenminister Horst Seehofer hält mögliche Lockerungen des Lockdowns Mitte Februar höchstens in sehr begrenztem Maß für möglich. "Im Moment kann niemand seriös beurteilen, wie es Mitte Februar weitergeht", sagte der CSU-Politiker der Augsburger Allgemeinen. "Aber eines kann man nach allen Erfahrungen bei der Infektionsbekämpfung sagen: Man wird auch nach einem Lockdown nicht sofort und vollständig zu normalen Verhältnissen zurückkehren können", betonte er. "Das wird nur stufenweise möglich sein. Andernfalls droht ein Rückfall in die dritte Welle."

Der saarländische Ministerpräsident Tobias Hans (CDU) mahnte hingegen einen langfristigen "Perspektivplan" zur vorsichtigen Lockerung der Corona-Schutzmaßnahmen an. "Wir brauchen einen Perspektivplan für die kommenden Wochen, der bundesweit einheitliche Kriterien für eine langsame Rückkehr zur Normalität beinhaltet", sagte Hans der Düsseldorfer Rheinischen Post.

"Wir können nicht ewig im vollen Lockdown verbleiben, das ist eine zu große Belastung besonders für unsere Familien." Deshalb müsse man sich Gedanken machen, wie es künftig für Kitas, Schulen, für den Sport, den "kleinen" Einzelhandel in Innenstädten und die Gastronomie weitergehen solle.

Merkel spricht von "Kraftakt" für Familien

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hat die Corona-Krise angesichts des Lockdowns als "gewaltigen Kraftakt" für Familien bezeichnet und um Geduld geworben. In der Bundesregierung sei man sich sehr bewusst, wie hart der Alltag für viele Eltern und Kinder zurzeit sei, sagte sie in ihrem am Samstag veröffentlichten Video-Podcast. Es sei "bitter", dass Kinder und Jugendliche derzeit auf vieles verzichten müssten, was in dieser Lebensphase sonst so wichtig sei und Freude mache.

Noch sei man nicht so weit, Kitas und Schulen wieder öffnen zu können. Doch die Regierung setze "alles daran, Kitas und Schulen als erstes wieder öffnen zu können, um den Kindern ein Stück ihres gewohnten Alltags wiederzugeben und um Familien zu entlasten", so Merkel. Zwar gingen die Infektionszahlen zurück, gleichzeitig gebe es aber eine sehr reale Gefahr durch die hochansteckenden Virusmutationen. "Deshalb müssen wir auf unserem Weg durch die nächsten Wochen vorsichtig und behutsam handeln."

Merkel kündigte an, sie werde am Donnerstag ihre digitalen Bürgerdialoge fortsetzen und sich mit Müttern und Vätern über deren Erfahrungen in der Corona-Pandemie austauschen.

Ärzte warnen vor Folgen des Lockdowns für Kinder

Mediziner warnen vor den seelischen und körperlichen Folgen des Corona-Lockdowns für Kinder - und fordern, die Schulen so schnell wie möglich wieder zu öffnen. "Schon jetzt berichten Kinderärzte und Jugendtherapeuten über eine massive Zunahme von Kindern, die verhaltensauffällig sind", sagte der Chef der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), Andreas Gassen, der Düsseldorfer Rheinischen Post. "Kein Wunder, wenn sie über Wochen keine anderen Kinder zum Spielen und keine strukturierten Tage mehr haben."

Gassen bekräftigte seine Forderung, die strengen Einschränkungen bald zu lockern: "Schulen sollten so schnell wie vertretbar wieder geöffnet werden. Wir vernichten sonst Bildungschancen der Kinder."

Auch der Direktor der Westfälischen Kinderklinik Dortmund, Dominik Schneider, beklagt schwere psychische und körperliche Störungen bei Kindern durch die Pandemie. Quer durch alle Schichten hätten die Belastungen und Erkrankungen zugenommen, sagte Schneider am Samstag im Deutschlandfunk. Als Beispiele nannte er depressive Störungen, Essstörungen, Gewichtszunahme oder pathologisches Medienverhalten. In der Klinik würden Kinder behandelt, die kollabiert seien, weil sie nächtelang am Computer gespielt hätten.

"Wir müssen wirklich die Stimme der Kinder hören", forderte Schneider. In allen Schichten gebe es verwahrloste oder schlecht ernährte Jungen und Mädchen. Die Einschränkungen durch die Corona-Pandemie seien für Kinder massiv. Von den drei sozialen Räumen Familie, Schule und Freunde oder Hobbys, in denen sich Kinder normalerweise bewegten, seien zwei weggefallen. Die Schulen sollten schrittweise wieder geöffnet werden, forderte der Chefarzt. An Schulen seien selten größere Corona-Ausbrüche vorgekommen, und Kinder erkrankten selten schwer an Corona. Notwendig seien intelligente Lösungen mit verlässlichen Lerngruppen und Testsystemen an Schulen. Dies erfordere Investitionen in Technik und Personal. Die bisherigen Maßnahmen wie Maske auf und geöffnete Fenster reichten nicht aus.

Seehofer ruft zum Verzicht auf Auslandsreisen auf

Bundesinnenminister Horst Seehofer hat die von der Bundesregierung beschlossenen Einreiseverbote als zwingend notwendig verteidigt und an die Bevölkerung appelliert, auf sämtliche Reisen ins Ausland zu verzichten. "Das Beförderungsverbot ist eine drastische Maßnahme, aber es ist zum Schutz unserer Bevölkerung absolut notwendig", sagte der CSU-Politiker der Augsburger Allgemeinen. "Es geht um die Abwehr von hoch infektiösen, mutierten Viren" betonte er.

Die Bundesbürger sollten derzeit auf Auslandsreisen generell verzichten: "Im Moment kann ich nur dringend an die Bevölkerung appellieren, jede nicht zwingend notwendige Reise ins Ausland unbedingt zu unterlassen", sagte der Innenminister. "Ich sehe das in dieser schwierigen Zeit sogar als Bürgerpflicht", fügte er hinzu.

Deutschland selbst versucht, durch weitreichende Einreisesperren für Menschen aus mehreren Ländern die Ausbreitung besonders ansteckender Coronavirus-Varianten zu bremsen. Die Maßnahmen gelten seit diesem Samstag für Menschen aus Großbritannien, Irland, Portugal, Südafrika und Brasilien, ab Sonntag auch für jene aus den afrikanischen Staaten Lesotho und Eswatini.

RKI meldet deutlich weniger Neuansteckungen als vor einer Woche

Das Robert-Koch-Institut meldet 12 321 Neuansteckungen mit dem Coronavirus und weitere 794 Todesfälle. Damit steigt die Zahl der bestätigten Infektionen insgesamt auf 2 205 171, gestorben sind im Zusammenhang mit Covid-19 insgesamt 56 546 Menschen in Deutschland.

Am vergangenen Samstag waren noch 16 417 Neuansteckungen gemeldet worden. Die Sieben-Tage-Inzidenz fiel auf knapp 91 nach 94 am Vortag. Vor einer Woche hatte sie noch bei 113 gelegen.

Übersterblichkeit 2020 zeigt, wie tödlich das Virus ist

Wenn in Deutschland die Zahl der Todesfälle zugleich mit der Zahl der Corona-Infektionsfälle steigt und fällt und Covid-19 bekanntlich tödlich verlaufen kann, dann handelt es sich kaum um einen Zufall. Auf dem Höhepunkt der zweiten Welle im Dezember sind nach vorläufigen Ergebnissen des Statistischen Bundesamtes in Deutschland sogar 29 Prozent mehr Menschen gestorben als im Durchschnitt der vier Vorjahre. Bereits im November lagen die Sterbefallzahlen zwölf Prozent über dem Durchschnitt der Jahre 2016 bis 2019, wie das Amt in Wiesbaden berichtete.

"Der Jahresverlauf der Sterbefallzahlen war im Jahr 2020 durch verschiedene Sonderentwicklungen geprägt", heißt es in der Jahresbilanz. In der Grippezeit stiegen die Sterbefallzahlen nicht so stark wie üblich. Im April lag die Zahl der Gestorbenen zehn Prozent über dem Durchschnitt der Vorjahre - bei gleichzeitigem Anstieg der Covid-19-Todesfälle.

"Als diese zurückgingen, bewegten sich ab Mai auch die Sterbefallzahlen etwa auf dem durchschnittlichen Niveau der Vorjahre", berichten die Statistiker. Im August stieg die Zahl der Todesfälle vorübergehend wieder an. "Dieser Effekt tritt im Sommer häufig auf und ging auch in diesem Jahr offenbar auf eine Hitzeperiode zurück." Ab Mitte Oktober starben wieder deutlich mehr Menschen als in den Vorjahren - erneut parallel zu den laborbestätigten Covid-19-Fällen.

Womöglich sagen die Todesfallzahlen sogar mehr über die Pandemie aus als viele andere Zahlen, glaubt Tim Friede, Leiter des Instituts für Medizinische Statistik der Universitätsmedizin Göttingen. "Ob jemand tot ist oder nicht ist ja recht eindeutig. Die Diskussionen gehen ja erst los, wenn man fragt: woran ist die Person gestorben." Die sogenannte Gesamtmortalität - also die Zahl der insgesamt Gestorbenen - sei 2020 nicht nur deutlich höher als in den Vorjahren. "Das läuft auch parallel mit den gemeldeten Covid-19-Fällen. Von einem ursächlichen Zusammenhang ist also auszugehen", sagt Friede. In der ersten Welle sei der Zusammenhang nicht so stark ausgeprägt gewesen, in der zweiten sei er "nicht mehr wegzudiskutieren". "Die gestiegenen Sterbefallzahlen im Jahr 2020 sind größtenteils auf eine Zunahme von Sterbefällen in der Altersgruppe der ab 80-Jährigen zurückzuführen", ordnet das Bundesamt ein. "Die Sterbefallzahlen der unter 80-Jährigen liegen etwa auf dem Vorjahresniveau."

Eine überraschende Entwicklung hat sich Sachsen während der zweiten Corona-Welle gezeigt. Im November waren die Sterbefallzahlen um 39 Prozent erhöht. Im Dezember hat sich die Zahl der Todesfälle mehr als verdoppelt, wie das Amt berichtete. Die Covid-19 Data Analysis Group (Codag) aus München hat diese Beobachtung überprüft. "Etwa die Hälfte der zur Zeit beobachteten Übersterblichkeit in Sachsen kann nicht direkt mit einer registrierten Covid-19-Erkrankung in Verbindung gebracht werden", heißt es in einem Codag-Bericht von Anfang Januar. "Dieses Ergebnis überrascht und verlangt nach weiteren differenzierteren Analysen ​von Seiten der statistischen Landesbehörden", schreiben die Autoren.

Was vor allem geklärt werden müsse, sei die Dunkelziffer. "Wie viele Covid-19 Infektionen bleiben unentdeckt, weil die Infizierten keine Symptome zeigen oder aus anderem Grund nicht getestet werden? Nur wenn man die Dunkelziffer kennt, kann man valide die Anzahl der aktuell Infizierten bestimmen." Helfen könnten Antikörperstudien oder Massentests der Bevölkerung.

Gesundheitsminister Spahn: "Start der Impfkampagne war schwierig"

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn setzt auf weitere Fortschritte bei den schleppend angelaufenen Corona-Impfungen in Deutschland. "Der Start der Impfkampagne war schwierig", sagte der CDU-Politiker am Freitag in Berlin. Es habe weniger Impfstoff gegeben als aus EU-Bestellungen erwartet, Termin-Hotlines seien teils schwer erreichbar gewesen. Alle Bundesländer machten bei Impfungen zunächst besonders verwundbarer Corona-Risikogruppen aber Fortschritte.

Er könne Ungeduld verstehen, es stünden jedoch noch einige harte Wochen der Impfstoffknappheit bevor. Für das Vertrauen der Bürger sei es wichtig, dass Bund und Länder an einem Strang ziehen, sagte Spahn mit Blick auf den Impfgipfel bei Kanzlerin Angela Merkel (CDU) an diesem Montag. Dabei gehe es allerdings auch um eine realistische Einschätzung, was kurzfristig an Nachsteuerungen möglich sei. Spahn begrüßte die anstehende Zulassung des Präparats von Astra Zeneca als dann dritter Impfstoff in der EU. Er sei einfacher in der Handhabung. Im zweiten Quartal könnten voraussichtlich zwei weitere Stoffe zugelassen werden. Das Ziel bleibe, im Sommer allen Bürgern in Deutschland ein Impfangebot machen zu können. Der Präsident des für die Zulassungen der Impfstoffe mitzuständigen Paul-Ehrlich-Instituts, Klaus Cichutek, warnte eindringlich davor, zirkulierende "Fake news" über angebliche schwere Nebenwirkungen der Präparate zu glauben. Zu Behauptungen, dass Impfstoffe Körperzellen genetisch modifizieren, sagte er: "Das ist alles Quatsch."

Inzwischen wurden laut Spahn mehr als 3,5 Millionen Impfdosen an die Bundesländer gesandt - davon wurden 2,2 Millionen verwendet. Beim Ziel, allen Pflegeheimbewohnern bis Mitte Februar ein Angebot zu machen, sei man auf gutem Weg. Bisher seien 560 000 Bewohner geimpft. Bei insgesamt 800 000 Heimbewohnern sei davon auszugehen, dass etwa 80 oder 90 Prozent das Impfangebot annehmen, so dass wohl eine Größenordnung von 650 000 zu Impfenden zu erreichen sei.

Der Präsident des Robert Koch-Instituts, Lothar Wieler, warnte eindringlich vor zu frühen Lockerungen der staatlichen Corona-Beschränkungen. "Wir sind auf einem guten Weg, und wir müssen diesen Weg weiter konsequent bestreiten", sagte Wieler. Aber die Inzidenz sei nur in den am stärksten betroffenen Ländern Thüringen, Sachsen-Anhalt, Brandenburg und Sachsen gesunken. In den anderen zwölf Ländern sei die Inzidenz nahezu gleich geblieben - in manchen Landkreisen sogar gestiegen. Besorgt zeigte sich Wieler wegen der neuen, wohl ansteckenderen Corona-Varianten. "Es werden immer mehr Fälle und Ausbrüche der Varianten gemeldet", sagte Wieler. Ob sie gefährlicher sind und ob bereits mit Corona infizierte Menschen immun gegen die neuen Varianten seien, sei noch unbekannt und werde international erst erforscht. Wieler warnte, eine weitere Verbreitung der Varianten würde die Infektionslage in kurzer Zeit wohl deutlich verschlimmern.

Esken fordert Alternative zu Vakzin von Astra Zeneca

Die SPD-Co-Vorsitzende Saskia Esken hat Konsequenzen aus der Empfehlung der Ständigen Impfkommission (Stiko) gefordert, den Impfstoff von Astra Zeneca nur Erwachsenen unter 65 Jahren zu spritzen. "Wir müssen zum einen umgehend alternative Impfstoffe für über 65-Jährige beschaffen und zum anderen die Impfreihenfolge für den in Kürze eintreffenden Astra-Zeneca-Impfstoff neu koordinieren", sagte Esken den Zeitungen der Funke-Mediengruppe. "Vor allem Klinik- und Pflegepersonal sollten als Erste von den nun freien Ressourcen profitieren."

Auch FDP-Vize Wolfgang Kubicki sagte den Funke-Zeitungen, Ärzte und Pflegepersonal sollten prioritär mit dem Impfstoff von Astra Zeneca geimpft werden. Bislang sind in der EU nur die Präparate von Biontech/Pfizer und Moderna zugelassen. Die EU-Arzneimittelagentur EMA wird voraussichtlich an diesem Freitag eine Empfehlung zur Zulassung des Mittels von Astra Zeneca geben. Doch hat der schwedisch-britische Hersteller der EU inzwischen Lieferkürzungen angekündigt.

Den für Montag geplanten Impfgipfel nannte Esken dringlich. "Die Impfstoffbeschaffung und -verteilung muss endlich zur Chefsache gemacht werden", forderte die SPD-Chefin. Bislang laufen die Massenimpfungen in Deutschland wegen fehlender Impfstoffmengen schleppend.

Aus Sicht von Unionsfraktionschef Ralph Brinkhaus waren solche Rückschläge "durchaus erwartbar". Dass es Störungen in den Abläufen geben werde, sei aber "bei einer so sensationell schnellen Entwicklung des Impfstoffs" absehbar gewesen, sagte der CDU-Politiker dem Redaktionsnetzwerk Deutschland.

Impfkommission: Astra-Zeneca-Impfstoff nur für Jüngere

Die Ständige Impfkommission (Stiko) empfiehlt in einer Überarbeitung der Impfempfehlungen, dass der Impfstoff von Astra Zeneca nur für Personen im Alter von 18 bis 64 Jahren verwendet wird. "Zur Beurteilung der Impfeffektivität ab 65 Jahren liegen aktuell keine ausreichenden Daten vor", heißt es in einem Entwurf der Stiko. Mit den bereits zugelassenen Impfstoffen von Biontech/Pfizer und Moderna werden dagegen bereits ältere Menschen geimpft.

Das Problem wird deutlich, wenn man sich die Studiendaten anschaut, anhand derer die Stiko ihr Urteil gefällt hat. Sowohl in der Gruppe der Geimpften über 65-Jährigen (341 Personen) als auch in der gleichen Altersgruppe, die nur ein Placebo gespritzt bekam (319 Personen), trat demnach jeweils eine Covid-19-Erkrankung im Untersuchungszeitraum auf. Diese zwei Fälle sind zu wenige, um eine statistisch sichere Aussage zum Schutz der über 65-Jährigen zu treffen. Für Menschen unter 65 Jahren nimmt die Stiko anhand der Daten eine Wirksamkeit von 71 Prozent an. In dieser Altersgruppe gab es rund 11 000 Probanden. In der Impfgruppe wurden 29 Corona-Fälle registriert, in der Kontrollgruppe waren es dagegen 100.

Die Zulassung des Astra-Zeneca-Impfstoffs in der EU durch die Europäische Arzneimittelagentur (EMA) wird für Freitag erwartet. Auch deren Experten prüfen derzeit die Daten der klinischen Tests. EMA-Chefin Emer Cooke hatte bereits am Dienstag nicht ausgeschlossen, dass die Zulassung auf bestimmte Altersgruppen begrenzt werden könnte.

Tatsächlich zeigten bereits die ersten Daten, die im November im Fachmagazin The Lancet veröffentlicht wurden, dass der Impfstoff bis dato nur an wenigen älteren Menschen getestet worden war. Dort heißt es, nur vier Prozent der Studienteilnehmer, die in die Auswertung einflossen, waren älter als 70 Jahre, acht Prozent waren zwischen 56 und 69 Jahren.

In Großbritannien werden dagegen bereits seit vier Wochen Menschen aller Altersgruppen mit dem Astra-Zeneca-Vazkin geimpft. Dort hatte die zuständige Behörde das Mittel bereits Ende Dezember ohne Einschränkungen für Ältere freigegeben. Auch dort waren sich die Experten durchaus der dünnen Datenlage für Ältere bewusst, doch bislang sehen sich die zuständigen Stellen nicht dazu veranlasst, aufgrund neuer Erkenntnisse ihre Impfempfehlungen anzupassen.

Laut Experten wurden ältere Probanden erst spät rekrutiert und durch die im Untersuchungszeitraum recht niedrigen Corona-Fallzahlen in diesen Gruppen sind die Aussagen zur Wirksamkeit bei Älteren möglicherweise nicht ausreichend für die EMA. Allerdings hatte Astra Zeneca zumindest die Immunantwort bei älteren Menschen untersucht, die das Vakzin erhalten hatten. Demnach entwickelten alle 320 untersuchten Probanden über 56 Jahre - davon immerhin 200 Menschen über 70 - nach der zweiten Impfung Antikörper.

Zehn FFP2-Masken für Hartz-IV-Empfänger

Sozialminister Hubertus Heil (SPD) und Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) haben in Berlin erklärt, dass Hartz-IV-Empfänger je zehn kostenlose FFP2-Masken bekommen sollen. Das soll ihnen helfen, die neuen Corona-Schutzmaßnahmen für Busse, Bahnen und beim Einkaufen einhalten zu können. Nach einem Bund-Länder-Beschluss vom 19. Januar sollen selbstgenähte Behelfsmasken oder Tücher nicht mehr erlaubt sein, stattdessen müssen FFP2-Masken oder die günstigeren OP-Masken getragen werden.

Wie die Minister mitteilten, sollen rund fünf Millionen Bezieher von Grundsicherung jeweils zehn FFP2-Masken bekommen. Dafür würden die Betroffenen ein Schreiben von ihrer Krankenversicherung bekommen. Mit diesem und dem Personalausweis könnten die Masken dann bei der Apotheke abgeholt werden. "Es ist wichtig, dass wir in dieser Situation die gesamte Gesellschaft im Blick haben", sagte Heil. Menschen in Grundsicherung hätten keine Reserven. Sozialverbände hatten vor dem Hintergrund der neuen Maskenvorgaben mehrfach gefordert, dass der Staat Bedürftige dann auch entsprechend unterstützen müsse.

Ein ähnliches Masken-Programm hatte der Bund schon zum Schutz von Risikogruppen aufgelegt. Rund 34 Millionen Bürger ab 60 Jahren und Menschen mit chronischen Erkrankungen bekommen Gutscheine für zwölf FFP2-Masken, die in der Apotheke eingelöst werden können. Dabei wird ein Eigenanteil von zwei Euro für je sechs Masken fällig. Drei kostenlose FFP2-Masken waren den Betroffenen schon vor dem Jahreswechsel zur Verfügung gestellt worden.

© SZ/dpa/Reuters/AFP/epd/aner/berj/saul/bix/jsa/lala
Zur SZ-Startseite
Schnee im Oberharz Im Ortsteil Elbingerode der Stadt Oberharz spazieren am 06.01.2021 Ausflügler auf einen Wanderweg. Ve

Corona
:Der halbe Lockdown

Eine Interpretation der Fallzahlen bleibt schwierig. Doch Bewegungsdaten zeigen, dass die Leute mehr unterwegs sind als im März.

Von Christian Endt und Sören Müller-Hansen

Lesen Sie mehr zum Thema