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Corona-Krisenherd Madrid:Was ist das Leben ohne Umarmungen?

Die Menschen in Madrid sind - im Großen und Ganzen - sehr diszipliniert beim Tragen von Masken.

(Foto: AP)

Madrid ist das neue Zentrum der Pandemie in Europa. Viele Menschen in Spanien fragen sich, warum sich die Lage gerade so zuspitzt - obwohl sie alle ständig Masken tragen.

Kommentar von Karin Janker, Madrid

Madrid sei eine "Virus-Atombombe", sagt der Präsident der benachbarten Provinz Kastilien-La Mancha. Viele Regionen rund um die Hauptstadt fürchten den Fallout, der bald über ganz Spanien niedergehen könnte. Madrid ist nicht nur das geografische, sondern auch das wirtschaftliche und soziale Zentrum Spaniens. Die meisten Madrilenen sind Zugezogene - und an Wochenenden und Feiertagen zieht es sie regelmäßig zurück aufs Land. Diese Verbundenheit mit der Heimat ist eigentlich etwas Schönes, sehr Spanisches - in Zeiten der rapide steigenden Fallzahlen in der Hauptstadt sind die Ausflüge allerdings riskant. Schon während der ersten Welle der Corona-Pandemie hatte sich das Virus von Madrid aus im Land verbreitet.

Aktuell ist die kumulative Inzidenz, also das Risiko, sich mit Sars-CoV-2 zu infizieren, in der Hauptstadt sechs Mal so hoch wie im Landesdurchschnitt. Längst ist Spanien, und vor allem seine Hauptstadt, das neue Zentrum der Pandemie in Europa. Und das, obwohl in Spanien strenge Vorsichtsmaßnahmen gelten, Maskenpflicht auch im Freien etwa. Es gibt in Madrid sogar Menschen, die mit Maske joggen gehen.

Warum läuft es dennoch so schlecht in diesen Wochen? Ein Grund dürfte sein, dass von einer Nachverfolgung von Infektionsketten keine Rede sein kann, da das Personal dafür fehlt und offenbar seit Monaten nicht zu beschaffen ist. Ein anderer, oft vorgebracht: Es werde derzeit eben viel mehr getestet; mehr Tests, mehr Fälle, ganz einfach. So einfach ist es aber nicht. Die Rate positiver Tests liegt in Madrid bei derzeit 22 Prozent. Laut WHO zeigt eine Positivrate über fünf Prozent an, dass ein Land zu wenig testet. In Deutschland beträgt sie etwa ein Prozent.

Bleibt der "Risikofaktor zwischenmenschliche Beziehungen", wie es Verantwortliche der Hauptstadtregion ausdrücken. Tatsächlich sind die Menschen in Madrid - im Großen und Ganzen - sehr diszipliniert beim Tragen von Masken, aber - ebenfalls im Großen und Ganzen - weniger gut darin, Abstand zu halten. Ältere Damen stecken auf Parkbänken die Köpfe zusammen, mittelgroße und große Familien scharen sich um die Tische der Terrassencafés, Studenten fallen sich beim Wiedersehen nach den Semesterferien um den Hals - alles mit Maske, wie vorgeschrieben, aber eben ohne Distanz. Es geht nicht so einfach, Menschen ihre Art zu kommunizieren abzutrainieren.

Es mag sein, dass Spanien, wie der Virologe Christian Drosten mutmaßt, Deutschland nur wenige Schritte voraus ist. Daher bleibt es wichtig, dass international vernetzte Wissenschaftler und Politiker die Lage in anderen Ländern im Blick behalten. Von den Erfahrungen anderswo lässt sich lernen; auch von Negativbeispielen.

Ein solches liefern in Madrid auf jeden Fall die politischen Entscheidungsträger: Die konservative Regionalpräsidentin Isabel Díaz Ayuso wirkt in diesen Tagen nicht nur überfordert, sie nutzt die Corona-Krise auch zur Profilierung gegenüber der linken Koalition von Ministerpräsident Pedro Sánchez. Díaz Ayuso hat sich so lange jegliche Einmischung der Zentralregierung verbeten, bis diese Woche Teile ihrer eigenen Behörden Sánchez um Hilfe angefleht haben. Davon wiederum kann man in Deutschland lernen: dass diese Krise nicht als Munitionslager für den parteipolitischen Kleinkrieg zu betrachten ist.

© SZ vom 19.09.2020/pak
Students wearing face masks to prevent the spread of coronavirus disinfect their hands before entering their school in Barcelona, Spain, Monday, Sept. 14, 2020.

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