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Corona-Pandemie in Tschechien:Misstrauen ist stärker als Regeln

Ende Januar protestieren Hunderte Menschen auf dem Prager Wenzelsplatz gegen die Corona-Maßnahmen der Regierung.

(Foto: AP)

Tschechien hat eine der höchsten Covid-Todesraten in der EU - trotz monatelangen Lockdowns. Mehr noch als eine Erkrankung fürchten viele Menschen finanzielle Not.

Von Viktoria Großmann

Mehr als eine Million Menschen haben sich in Tschechien seit Ausbruch der Pandemie mit Sars-CoV-2 infiziert. Das ist ein Zehntel der Bevölkerung. Die Übersterblichkeit ist so hoch wie seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr. Tschechien führte zeitweise die traurige Liste der EU-Länder mit den höchsten Todesraten an und liegt im weltweiten Vergleich vor den USA. Die Statistiken ändern sich zwar täglich, aber das macht das Drama in Tschechien nicht mehr kleiner. Seitdem das Robert-Koch-Institut Tschechien zum Hochinzidenzgebiet erklärt hat, ist der Sieben-Tage-Wert im Okres Cheb (Bezirk Eger) an der sächsisch-bayerisch-tschechischen Grenze nochmals gestiegen, auf 1100 Fälle pro 100 000 Einwohner.

Dabei ist schon seit Anfang Oktober das öffentliche Leben heruntergefahren, es gelten Kontaktbeschränkungen, nächtliche Ausgangssperren. Kneipen, Läden, Hotels, alles geschlossen. Betreuung und Unterricht gibt es nur für die Kleinsten von der Krippe bis zur zweiten Klasse. Das Gesundheitssystem ist am Anschlag, aber noch funktioniert es. Trotzdem zählt man fast 17 000 Tote - und die Regierung scheint keinen Ausweg zu finden.

"Vielleicht sogar ein Viertel der Bevölkerung"

"Es sind sicher schon mehr als 17 000", sagt der Epidemiologe Petr Smejkal in Prag am Telefon. Er geht davon aus, dass mindestens zwei Millionen Menschen sich mit dem Virus infiziert haben, "vielleicht sogar ein Viertel der Bevölkerung". Zu wenige verfügbare Tests, kaum Nachverfolgung und Ladenöffnungen vor Weihnachten seien Gründe für die ungebremste Ausbreitung des Virus. Vor allem aber: "Die Leute halten sich nicht mehr an die Regeln."

Dazu passt, was der Soziologe Daniel Prokop mit seinem Team festgestellt hat: Nur wenige Menschen lassen sich in Verdachtsfällen testen, und jene, die positiv sind, geben keine oder maximal eine Kontaktperson an. Um niemanden in Schwierigkeiten zu bringen. "Es fehlt die Motivation", sagt Prokop. Und die lautet ganz einfach: Geld. Schon 5000 Kronen, etwa 190 Euro, als Quarantäne- oder Krankheitsausfallgeld würden die Testbereitschaft deutlich erhöhen, sagt Prokop.

Mehr als eine Erkrankung fürchten die Menschen offenbar die finanzielle Not, die sich für immer mehr Tschechen existenzbedrohlich auswächst. Weil Lohnersatz fehlt oder, bei ohnedies im EU-Schnitt sehr geringen Löhnen, viel zu niedrig ausfällt. "Das Virus verbreitet sich am Arbeitsplatz", sagt Prokop. Wer in der Pandemie noch einen hat, versuche, ihn zu erhalten. Zudem hat der tschechische Arbeitsmarkt vergleichsweise wenige Home-Office-Tätigkeiten zu bieten, dafür mehr in der Industrie oder Verarbeitung. Dinge, die man nicht zu Hause erledigen kann.

"Viele haben ihre Ersparnisse aufgebraucht"

Die Opposition hat das Problem erkannt. Sie will nicht nur die Pandemie stoppen, sondern auch im Oktober Parlamentswahlen gewinnen. Und derzeit hat sie gute Chancen. Die Beliebtheit der Regierungspartei Ano von Premier Andrej Babiš ist deutlich gesunken. Zugleich holt die schon lange zweitbeliebteste Partei der linksliberalen Piraten ordentlich auf. Deren stellvertretende Vorsitzende Olga Richterová kämpft für ein besseres Sozialsystem. "Viele haben ihre Ersparnisse aufgebraucht", sagt die 36-Jährige. "Und die Hilfsprogramme haben große Löcher." Zu wenige Menschen würden berücksichtigt, die Auszahlung gehe zu langsam. Schwarzarbeit nehme zu, und da wird erst recht nicht kontrolliert, ob jemand gesund ist.

Auch Mitarbeiter der staatlichen Stellen, die Tests und Nachverfolgung organisieren, seien überlastet und unterbezahlt. Für Richterová auch ein Ergebnis schlechter Planung. "Nach dem gut überstandenen Frühjahr wollte der Premier von der Pandemie nichts mehr hören." Auf seinen Social-Media-Kanälen erzeugt Babiš wie immer den Eindruck höchster Betriebsamkeit, gibt sich als Manager, der die Krise angeht, zeigt sich in Krankenhäusern und Impfstationen.

Wer ihn dabei mit welchem Ergebnis berät, bleibt oft unklar. "Uns fehlt ein Robert-Koch-Institut", sagt Epidemiologe Smejkal. Eine zentrale Organisation, an der sich Bevölkerung und Regierung orientieren könnten - und die Vertrauen schaffte. Denn das hätten die Bürger längst verloren. Seit September ist bereits der dritte Gesundheitsminister im Amt, und auch dieser, ein Kinderarzt aus Brno (Brünn), agiert zunehmend hilflos und bestärkt mit verwirrenden Äußerungen Corona-Leugner. So will er etwa die hohe Zahl der Toten mit einer anderen Zählweise als in anderen Ländern erklären.

Das Misstrauen zwischen Bürgern und Regierung wächst

Auf fatale Weise wächst so gegenseitiges Misstrauen. Misstrauen der Bürger in ihre Regierung - und umgekehrt. So wurden Corona-Hilfsprogramme auch mit der Begründung abgelehnt, das führe nur dazu, dass die Bürger den Staat ausnutzten. Gesundheitsminister Jan Blatný ließ sich zu der Aussage hinreißen, es sei doch ungerecht, Covid-Erkrankten eine Hilfe auszahlen, Leukämie-Patienten aber nicht. Ein Hilfsangebot aus Deutschland für die besonders betroffenen Grenzbezirke Cheb und Sokolov lehnte Blatný am Donnerstag ab.

"Die Leute sind müde und verzweifelt", sagt die Oppositionspolitikerin Markéta Pekarová Adamová. Müde von den Zahlen, müde vom Kommunikationschaos der Regierung, beschäftigt mit Existenzsorgen. Die Verschärfung der Maßnahmen Ende Januar hat die Vorsitzende der liberal-konservativen Partei TOP09 kritisiert. Den seit Oktober geltenden Notstand will ihre Partei, wie auch die Piraten, nicht länger mittragen. "Einfach nur strengere Maßnahmen beschließen hilft nicht", sagt die 36-Jährige, "man muss sie auch erklären." Ein Vorbild ist für sie Angela Merkel: "Die Kommunikation von Babiš und Merkel ist diametral verschieden." Anders als die des Premiers, sagt sie, "zeigen Merkels Reden Mitgefühl".

© SZ/toz
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