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Corona-Lockdown:Planlos in die Notbetreuung

Kita in Flörsheim im September 2020 während der Corona-Pandemie

Kinder spielen an Bewegungsbaustellen im Flur einer Kita in Flörsheim.

(Foto: Michael Schick/imago images)

Die einen Kitas schließen, die anderen bleiben auf - wer soll das noch verstehen? Für Eltern von kleinen Kindern bricht nun wieder eine Zeit der Unsicherheit an. Und die Erzieher befürchten neue Konflikte um die begehrten Plätze.

Von Edeltraud Rattenhuber

Das Zauberwort "Notbetreuung" kennt Marius Obermeier schon vom Frühjahr. Der Münchner und seine Frau sind in systemrelevanten Positionen tätig, ihr Anspruch auf Betreuung ihres kleinen Sohnes im Corona-Lockdown ist damit ziemlich sicher. Doch bei der Kita-Schließung im Frühjahr verzichteten die beiden, "aus Solidarität", wie Obermeier sagt, und betreuten zu Hause im Schichtmodell. Er selbst ging morgens gleich ins Home-Office, mittags habe man sich abgeklatscht, dann arbeitete seine Frau - wer nicht am Schreibtisch saß, spielte mit dem Kind und erledigte den Haushalt. Bis in den späten Abend; wenn der damals eineinhalbjährige Sohn schlief, holte man das nicht Geschaffte nach.

"Man kriegt es schon irgendwie hin, aber nur mit Hängen und Würgen", sagt Obermeier, der nicht mit seinem echten Namen zitiert werden will. Er sieht die Belastungsgrenze mittlerweile erreicht - auch die seines Sohnes. Dieser musste nach dem ersten Lockdown noch einmal eine komplett neue Eingewöhnung durchlaufen. Auch deswegen wird Familie Obermeier dieses Mal die Notbetreuung in Anspruch nehmen. Das entlaste aber nur kurz, so Obermeier. Was ihm ziemlich an die Nieren gehe, sei die Planungsunsicherheit. "Es ist nicht möglich derzeit, sich auf was zu freuen", sagt er. Denn über allem stehe die Frage: Wie geht es nach dem 10. Januar weiter?

Damoklesschwert eines verlängerten Lockdowns

Diese bange Frage stellen sich viele Eltern vor dem neuerlichen Lockdown. Zwar werden Kitas nicht in allen Bundesländern schließen, und dort, wo sie schließen, sind die Notbetreuungsmöglichkeiten einigermaßen großzügig, da nicht nur Arbeitnehmer mit Systemrelevanz und Alleinerziehende diese Hilfe in Anspruch nehmen können. Doch über allem hängt das Damoklesschwert, dass der Lockdown noch viel länger dauern könnte als vorerst angekündigt. Für einzelne Eltern wäre eine wochenlange Schließung von Schulen und Kitas über Wochen kaum mehr zu stemmen. Die nervliche Anspannung ist hoch.

Für zusätzliche Unsicherheit sorgt, dass Eltern aufgefordert wurden, ihre Kleinen freiwillig zu Hause zu lassen. Das sorgt auch für böses Blut in den Einrichtungen. Unter Erzieherinnen und Erziehern wird diskutiert, welche Richtlinien denn nun angewandt werden sollen. Wem legt man nahe, sein Kind zu Hause zu betreuen? Und wem rät man, das Kind weiter in die Kita zu bringen - auch um das Kindeswohl zu unterstützen?

Problematische Gespräche mit Eltern

Jüngste Zahlen einer Studie des Deutschen Jugendinstituts zur Notbetreuung während des ersten Lockdowns untermauern, dass die Angst der Erzieher vor neuen Konflikten um die Plätze nicht unbegründet ist. Schon damals verzweifelten die Kita-Leitungen an teilweise unpräzisen Vorgaben für die Aufnahme in die Notbetreuung. Die Hälfte der befragten Leitungen berichtete von Problemen, zum Beispiel von Telefonaten mit konkurrierenden Eltern, denen die Verweigerung eines Notbetreuungsplatzes begründet werden musste. Mit dem Ergebnis, dass derjenige, der sich am lautesten beschwerte, mitunter gewann, und der Unterstützungsbedarf von Eltern stärker beachtet wurde als der von Kindern.

Hinzu kommt bei den Erzieherinnen in der jetzigen Situation die Sorge um die eigene Gesundheit. "Hier wird immer von den Eltern und Kindern geschrieben. Wer denkt eigentlich an uns und die Gefahr, der wir täglich ausgesetzt sind?", heißt es in einer Chatgruppe für Kita-Beschäftigte.

Aus Sicht von Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD) müssen Kitas und Schulen nach dem Lockdown mit die ersten Orte sein, die so bald wie möglich wieder vollständig öffnen. Und bei allen Einschränkungen müssten vor allem das Kindeswohl und der Kinderschutz berücksichtigt werden. Dafür würden zusätzliche Möglichkeiten für Eltern geschaffen, für die Betreuung der Kinder bezahlten Urlaub zu nehmen, sagte Giffey.

Klage über Qualität der Notbetreuung

Interessenvertreter der Eltern, die sich in der Krise zunehmend vernetzt haben, hören das wohl. Sie tragen die Corona-Politik der Bundesregierung zwar mit, halten sie aber großteils für konzeptlos. Die Vizepräsidentin des Kinderschutzbundes, Sabine Andresen, kann daher das Wort "Notbetreuung" nicht mehr hören. "Es wird seit Jahren über frühkindliche Bildung und Qualitätsstandards diskutiert, und in der Krise fällt uns nichts anderes ein als Notbetreuung", sagte Andresen der Süddeutschen Zeitung. Eltern hätten hier schon beim Lockdown im Frühjahr kein gutes Gefühl gehabt, wie Ergebnisse der KiCo-Studie der Universitäten Frankfurt und Hildesheim nahelegten.

An der Studie hatten sich mehr als 25 000 Eltern, vor allem erwerbstätige Mütter, beteiligt und dabei auch von ihrer Skepsis gegenüber der Notbetreuung erzählt - auch weil es dort aus Hygienegründen kein Mittagessen gegeben habe und sie nicht wussten, wie die Regeln durchgesetzt werden würden. "Viele hatten da eher ein schlechtes Gefühl", so Andresen. Und nun sei man wieder so weit. Sie fordert, den hohen Betreuungsstandard auch im Lockdown zu halten. "Diese Zeit in der Betreuung kann für die Kinder auch stressig sein, zum Teil kommen sie in eine andere Kita, müssen mit Erzieherinnen zurechtkommen, die ihnen nicht so vertraut sind", sagt Andresen.

"Skandal, dass Frau Giffey nicht im Krisenstab sitzt"

Generell sollte danach gestrebt werden, jene zu entlasten, die es am Nötigsten hätten: Familien, die Hilfen zur Erziehung bekämen, zum Beispiel. In ohnehin belasteten Familien müsse in dieser Krisenzeit der Stresspegel so niedrig wie möglich gehalten werden, und das gelinge bei beengten Wohnverhältnissen mit zu wenig Rückzugsraum nur durch Entzerrung der Verhältnisse.

Andresen dringt auf ein Konzept für die Zeit nach dem Lockdown, das wirklich den Bedürfnissen von Kindern und Familien gerecht werde. Um das zu gewährleisten, fordert die Vizepräsidentin des Kinderschutzbundes, dass die Familienministerin endlich in den Krisenstab der Bundesregierung aufgenommen wird. "Es ist ein Skandal, dass Frau Giffey nicht im Krisenstab sitzt", sagt sie. Schließlich werde letztlich ein Großteil der Krise den Familien aufgeladen.

© SZ/Hohmann
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