Süddeutsche Zeitung

Pandemie:Lauterbach: Omikron-Impfstoffe sollen im September kommen

Lesezeit: 4 min

Der Gesundheitsminister, der zuletzt stark in der Kritik stand, kann ein paar positive Nachrichten verkünden. Aber er müsse dennoch weiter Mahner und Warner sein, auch wenn viele das Wort Corona nicht mehr hören könnten.

Nachdem die Pandemie - nach dem Krieg in der Ukraine immerhin die zweite Großkrise, mit der sich die Ampelregierung befassen muss - bei der Sommerpressekonferenz des Bundeskanzlers am Donnerstag nur in einer von 38 Fragen und auch da nur in ein, zwei Nebensätzen erwähnt wurde, steht Corona an diesem Freitag nun im Mittelpunkt.

Es erklärt sich der Mann, der in der Bundesregierung hauptverantwortlich ist dafür, dass der kommende Corona-Herbst glimpflicher und von Seiten der zuständigen staatlichen Stellen vor allem geordneter verläuft als in den vergangenen beiden Jahren: Gesundheitsminister Karl Lauterbach.

Zuletzt war der SPD-Politiker in der Kritik geraten. Mit Justizminister Marco Buschmann (FDP) hatte er über Schutzmaßnahmen für den Herbst und Winter gestritten. Herausgekommen ist ein Kompromiss, der im Falle einer Verschlechterung der Lage eine Rückkehr zur Maskenpflicht vorsieht. Allerdings gibt es Ausnahmen für frisch Geimpfte. Das stößt bei den Bundesländern auf teils scharfe Kritik.

"Wir haben eine günstige Entwicklung bei der Sommerwelle", sagt Lauterbach zu Beginn seines Statements. Die Zahl der Infektionen sei stark rückläufig. Auch die Sterblichkeit "geht Gott sei Dank etwas zurück, ist aber noch nicht da, wo wir sie haben wollen", so der Minister.

Die Verfügbarkeit der an Omikron angepassten Impfstoffe stellt Lauterbach für September in Aussicht. Das an die BA.1-Variante angepasste Vakzin werde voraussichtlich von 2. September an ausgeliefert werden. Jenes, das an die BA.5-Variante angepasst sei, dann von 28. September an. "Die Bundesregierung hat beide Impfstoffe in auskömmlicher Welle besorgt. Wir werden daher relativ früh auch beliefert werden", so Lauterbach.

Mit Lauterbach auf dem Podium sitzt der Berliner Mediziner Leif Erik Sander, der Auskunft zum aktuellen Infektionsgeschehen gibt. Tatsächlich sei inzwischen der großen Teil der Bevölkerung immunisiert, durch Impfung oder durchgemachte Erkrankung. Allerdings gebe es auch Warnzeichen, weil das Infektionsniveau am Ende dieses Sommers deutlich höher sei als in den vergangenen Jahren.

Er könne die "Müdigkeit und Gleichgültigkeit" was die Pandemie angehe, nachvollziehen, so Sander. Dennoch sei es für die Medizin und für die Politik wichtig, Vorkehrungen zu treffen, denn es sei ein Szenario wahrscheinlich, in dem es im Herbst zwar nicht zu einer Überlastung des Gesundheitssystems, aber zu erheblichen Personalausfällen und gleichzeitig zu einer großen Zahl von Kranken in den Kliniken kommen werde. Älteren Menschen und Angehörigen von Risikogruppen empfehle er eine sofortige Auffrischungsimpfung. Jüngere könnte auf die Impfstoffe im Herbst warten. Impfungen könnten eine positive Rolle dabei spielen, Inzidenzen herunterzubringen. Man müsse aber von dem Gedanken wegkommen, dass sie einen vollständigen Schutz vor Infektionen bieten. Sie seien aber essentiell, um vor schwerer Krankheit und Tod zu schützen.

Die optimistische Einschätzung zur Corona-Lage von Lauterbach und Sander deckt sich mit den Daten aus dem Wochenbericht des Robert-Koch-Instituts. Die Zahlen der Neuinfektionen - am Freitagmorgen wurden knapp 50 000 gemeldet - sind zwar immer noch vergleichsweise hoch. Allerdings ist die bundesweite Sieben-Tage-Inzidenz in der vergangenen Woche nach dem bereits deutlichen Rückgang in der Vorwoche erneut um 27 Prozent gesunken und in allen Bundesländern und Altersgruppen rückläufig. Am Freitagmorgen meldet das RKI einen bundeswerten Wert von 354.

Auch andere Indikatoren weisen auf eine sich abschwächende Entwicklung hin. So seien die Anzahl Sars-CoV-2-Infizierter mit Symptomen einer akuten Atemwegsinfektion in Deutschland sowie die Zahl der Arztbesuche Infizierter gesunken, heißt es in dem Wochenbericht. Auch die Zahl der Krankenhausaufnahmen von Menschen, die eine Covid-19-Diagnose hatten, und die Zahl der Covid-Patienten auf Intensivstationen sei in der vergangenen Woche gesunken. Die Zahl der Todesfälle gehe ebenfalls zurück.

Dennoch: Für Entwarnung ist es aus RKI-Sicht zu früh. Auch Lauterbach und Sander äußern sich entsprechend. Wenn in allen Bundesländern die Schule nach den Sommerferien wieder beginne, sei ein erster deutlicher Anstieg der Inzidenzen möglich, so der Minister. Im Herbst - mit zunehmenden Kontakten in Innenräumen - sei wieder mit stark steigenden Corona-Zahlen zu rechnen. Hinzu komme die hohe Dunkelziffer bei den gemeldeten Fällen.

Angesprochen auf die Tatsache, dass Corona in anderen Ländern kaum noch Thema sei, sagt Lauterbach: "Ich muss nerven. Ich muss mit einem Sieben-Punkte-Programm nerven. Mit einem neuen Infektionsschutzgesetz nerven." Eine gute Vorsorge sei entscheidend, um gut durch den Herbst zu kommen und nicht so unvorbereitet zu sein wie in den vergangenen Jahren.

Lauterbach geht auch auf Kritik an den mit Justizminister Buschmann ausgehandelten Maßnahmen ein. Man gebe den Bundesländern vom 1. Oktober an die Möglichkeit, Maßnahmen in zwei Stufen zu erlassen. Die erste Stufe, die Lauterbach als "Winterreifen-Stufe" bezeichnet, sieht eine Maskenpflicht in Innenräumen vor. Diese können die Länder unabhängig von Inzidenzwerten anordnen, es müssen aber Ausnahmen für Menschen vorgesehen werden, die vor weniger als drei Monaten eine Impfung erhalten haben. Der Minister betont, dass dies nicht bedeute, dass sich die Menschen alle drei Monate impfen müssten. Das sei auch "medizinisch unsinnig". Die Frist für Ausnahmen sei gewählt worden, weil Impfungen in diesem Zeitraum nach bestehender Auffassung gegen Ansteckung schützen. Gegen schwere Infektionsverläufe schützten sie viel länger.

Die zweite Stufe ist für ein ungünstigeres Szenario gedacht, in dem es höhere Inzidenzen gibt. Dann sollen bei der Maskenpflicht die Ausnahmen wegfallen und es soll wieder Obergrenzen für die Zahl der Personen geben, die sich in einem Innenraum aufhalten dürfen.

Über die Details der Regelung wird Lauterbach kommende Woche mit den Länderministern beraten. Es dürften schwierige Gespräche werden.

Bestens informiert mit SZ Plus – 4 Wochen kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.5638261
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ/olkl/bix
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.