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Ischgl und das Coronavirus:Chronologie des Versagens

Coronavirus - Österreich

Saison beendet: Ein Tourist geht mit geschulterten Skiern auf einer Straße im Tiroler Skiort Ischgl.

(Foto: Jakob Gruber/dpa)

Island erklärt Ischgl schon Anfang März zum Risikogebiet. Doch erst acht Tage später wird der Tiroler Skiort unter Quarantäne gestellt, Hunderte Urlauber reisen unkontrolliert nach ganz Europa aus.

Mehrere Hundert Touristen aus ganz Europa haben sich im Tiroler Skiort Ischgl nachweislich mit dem Coronavirus Sars-CoV-2, dem Auslöser der Infektionskrankheit Covid-19, angesteckt. Die Kritik an den Tiroler Behörden ist groß: Sie sollen viel zu lange mit Maßnahmen gewartet haben und sich dem Druck der Tourismus- und Bergbahnlobby gebeugt haben, was diese vehement zurückweisen. Denn Island hat schon vor fast zwei Wochen Alarm geschlagen und Ischgl zum Risikogebiet erklärt. Ein Rückblick auf die ersten Covid-19-Fälle und Maßnahmen der Behörden bis heute.

29. Februar

Bei einem Flug der Icelandair aus München treten bei einer Reisegruppe 15 Covid-19-Fälle auf. Sie alle waren im Tiroler Touristenort Ischgl zum Skifahren.

5. März

Die isländischen Gesundheitsbehörden klassifizieren Ischgl als Risikogebiet. Island setzt den Tiroler Ort damit auf die gleiche Stufe wie Iran, Südkorea oder das zentralchinesische Wuhan. Damit verbunden sind Quarantänemaßnahmen für alle Rückkehrer aus der Skiregion. Die Namen der Betroffenen werden nach Bekanntwerden der Infektionen den Tiroler Behörden übermittelt, diese untersuchen daraufhin der Landesregierung zufolge die Kontaktpersonen der Gruppe in Ischgl.

7. März

Ischgl meldet den ersten offiziellen Coronafall am 7. März. Betroffen ist ein deutscher Servicemitarbeiter der Après-Ski-Bar "Kitzloch", der sich womöglich selbst bei einem der Gäste ansteckte. "Aus medizinischer Sicht" sei es "wenig wahrscheinlich, dass es in Tirol zu Ansteckungen gekommen ist", sagt Landessanitätsdirektor Franz Katzgraber tags darauf.

9. März

Es wird bekannt, dass der "Kitzloch"-Mitarbeiter 15 Menschen in seinem direkten Umfeld angesteckt hat.

10. März

Das Land Tirol lässt das "Kitzloch" und weitere Après-Ski-Lokale schließen. Eine Quarantäne für Ischgl soll es aber nicht geben, erklärt die Tiroler Landesregierung. Bis heute (Stand Dienstagmittag) fehlt auf der Website des "Kitzloch" jeglicher Hinweis auf Covid-19 und die damit verbundene Schließung.

12. März

Ein vorzeitiges Saisonende wird verkündet, es dauert aber noch drei weitere Tage, bis tatsächlich überall in Tirol die Skilifte stillstehen.

13. März

Die österreichische Bundesregierung erklärt Ischgl und das Paznauntal zum Risikogebiet und verhängt eine Quarantäne. Deutschland erklärt ganz Tirol zum Risikogebiet. Ausländische Urlauber dürfen das Gebiet verlassen. Sie werden angewiesen, ohne Unterbrechung nach Hause zu fahren und sich in häusliche Quarantäne zu begeben, dafür müssen sie auch ein Formular unterzeichnen - kontrolliert wird das aber nicht.

14. März

Es wird bekannt, dass einige dieser Touristen unterwegs einkehren, da es an Reiseverbindungen am Freitagabend gefehlt hat. Laut Tiroler Landesregierung wisse man von vier Fällen, die in Innsbruck eine Nacht in dortigen Hotels verbracht haben, weil der Flug nach Hause erst am Samstag startete. Späteren Medienberichten zufolge sind es hingegen Hunderte Menschen. Der ORF beruft sich dabei auf Aussagen von Innsbrucker Hoteliers. Tirols Landeshauptmann Günther Platter weist ein Behördenversagen daraufhin zurück, die Touristen hätten eine Eigenverantwortung wahrzunehmen.

15. März

Der Betrieb einiger Skilifte in Tirol läuft weiterhin, wird erst am Abend komplett eingestellt. In sozialen Netzwerken kursieren Fotos von Hunderten Skifahrern, die dicht gedrängt auf Sonnenterrassen neben der Piste sitzen. Die österreichische Wirtschaftsministerin Margarete Schramböck (ÖVP) kritisiert das späte Schließen der Skilifte. Die Wiener Tageszeitung Der Standard kommentiert: "Die Gier hat die Verantwortung für die Gesundheit der Bürger und der Gäste besiegt. Man wollte diese letzte 'starke Touristenwoche' noch 'mitnehmen', auf dass die Kassen der Liftbetreiber und Hoteliers klingeln."

16. März

In ganz Deutschland finden sich Covid-19-Krankheitsfälle, die ihren Ursprung in Ischgl nehmen. In Hamburg gibt es Medienberichten zufolge mehr als 80 Fälle, in Aalen (Baden-Württemberg) Dutzende, in Gütersloh ein halbes Dutzend.

In Norwegen werden fast 500 Fälle, die ihren Ursprung in Österreich nahmen, gemeldet - das ist fast die Hälfte aller Erkrankten in dem skandinavischen Land. Auch in Dänemark machen Skiurlauber, die im Paznauntal waren, etwa die Hälfte aller Infizierten aus. Hinzukommen Fälle in Großbritannien.

17. März

Die Kritik an den Tiroler Behörden wird immer lauter - und immer vehementer zurückgewiesen. "Die Behörden haben alles richtig gemacht", sagt der Tiroler Gesundheitslandesrat Bernhard Tilg (ÖVP) am Montagabend im ORF, angesprochen auf die Kritik, die Skisaison sei zu spät beendet worden und man habe Touristen aus Ischgl unkontrolliert ausreisen lassen. Ihm zufolge hätte der Krisenstab in Tirol bereits seit Ende Februar getagt und ständig Maßnahmen getroffen, die "Gesamtvorgangsweise war richtig". Ausländische Medien würden den Eindruck erwecken, das Coronavirus sei "in Ischgl entstanden", das "ist aber nicht so". Vorwürfe, dass man sich der Tourismus- und Bergbahnlobby gebeugt habe, weist Tilg zurück: "Das stimmt nicht."

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn erklärt in München, dass die steigenden Fallzahlen in Deutschland "viel zu tun mit den Rückkehrern aus dem Skiurlaub" hätten.

Österreichs Gesundheitsminister Rudi Anschober gibt abends bekannt, dass das ganze Bundesland Tirol als Risikogebiet eingestuft wird.

18. März

Der Standard berichtet, dass einige Hoteliers die Gäste nach Verhängung der Quarantäne am 13. März in Ischgl vor die Tür gesetzt hätten - diese mussten sich notgedrungen eine andere Unterkunft suchen. Dabei haben auch die Tiroler Behörden geholfen, wie die Landesregierung am Mittwoch der SZ bestätigt. "Während der gesamten Zeit - vom Zeitpunkt der Ausreise aus dem Paznauntal bis zum Verlassen Tirols via Flugzeug - wurde von den Behörden und der Exekutive bestmöglich sichergestellt und kontrolliert, dass es zu keinem Kontakt zu weiteren Personen kommt", erklärt eine Sprecherin. Die Mitarbeiter der Hotels, die die Gäste betreuten, begaben sich demnach im Anschluss in freiwillige 14-tätige Selbstquarantäne.

19. März

Da die Zahl der Infektionen immer weiter steigt, verhängt die Landesregierung drastische Maßnahmen. Um 00:00 Uhr tritt eine Quarantäne für alle 279 Gemeinden Tirols in Kraft. Der Wohnort darf nur dann verlassen werden, "wenn es um die Deckung der Grundversorgung geht, um die Daseinsvorsorge oder um zur Arbeit zu kommen - und dann nur zum nächstgelegenen Ort", teilt Günther Platter mit.

Dieser Text ist zuerst am 17. März 2020 auf SZ.de erschienen und wurde am 20. März 2020 aktualisiert.

© SZ.de/jsa/cat
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