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Interview am Morgen: Fleischbetriebe:"Ausbeutung und Elend sind der wirkliche Preis für billiges Supermarktfleisch"

Wegen eines Corona-Ausbruchs in der Großschlachterei Westfleisch in Coesfeld wurde der Betrieb geschlossen und die Lockerungsmaßnahmen im Kreis um eine Woche verschoben.

(Foto: AP)

260 der 1200 Mitarbeiter eines Schlachtbetriebs in Coesfeld haben sich mit Corona infiziert. Nordrhein-Westfalens NGG-Gewerkschaftschef Mohamed Boudih über die prekären Arbeitsverhältnisse und die miesen Methoden der Konzerne.

Mohamed Boudih ist in Nordrhein-Westfalen der Vorsitzende der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG). Der 50-Jährige kennt die Massenunterkünfte der Schlachtbetriebe von eigenen Besuchen.

SZ: Hat es Sie überrascht, dass bei der Großschlachterei Westfleisch in Coesfeld bisher 260 der 1200 Arbeiter positiv auf das Coronavirus getestet wurden?

Mohamed Boudih: Leider nein. Wer die Branche kennt, konnte das Problem kommen sehen. Ich habe mich am vergangenen Wochenende daher über Politiker aus Berlin geärgert, die gesagt haben: Es scheint ein Problem in der Fleischindustrie mit den Unterkünften zu geben. Dabei ist das etwas, das wir der Politik seit Jahren sagen. Es gibt ein riesiges Problem: Dieses Werkvertragsunwesen in Schlachtbetrieben - ein seit den 90ern aufgebautes System zur Ausbeutung von Menschen aus osteuropäischen Ländern. Und die Konzerne stehlen sich aus der Verantwortung und wälzen alles auf die Ketten von Subunternehmen ab. Aber in Berlin tun jetzt einige so, als sei das völlig neu.

Interview am Morgen

Diese Interview-Reihe widmet sich aktuellen Themen und erscheint von Montag bis Freitag spätestens um 7.30 Uhr auf SZ.de. Alle Interviews hier.

Was genau meinen Sie mit Werkvertragsunwesen?

Schauen Sie sich so ein Werk wie das in Coesfeld von Westfleisch an. Da ist eine Minderheit stammbeschäftigt, befindet sich also in einem regulären Arbeitsverhältnis mit Westfleisch, das wir in Deutschland als gut und richtig erachten. Die Mehrheit hingegen - meistens 70 bis 80 Prozent - hat Werkverträge bei verschiedenen Subunternehmen. Das sind Verträge, da können sie von jetzt auf gleich gefeuert werden. Da werden teilweise nicht mal Mindeststandards eingehalten. Die Löhne sind niedrig. Wenn Mindestlohn gezahlt wird, dann wird häufig bei der Arbeitszeit getrickst. Es gibt keine elektronische Zeiterfassung, die Leute müssen Blanko-Zettel unterschreiben. Das sind prekäre Arbeitsverhältnisse, wie wir sie eigentlich im 19. Jahrhundert verorten würden. Aber in der Fleischindustrie ist das der Standard.

In den Fokus des öffentlichen Interesses rücken gerade auch die Unterkünfte der Arbeiter.

Problematisch ist, dass viele Beschäftige in Massenunterkünften wohnen. Da leben bis zu fünf, sechs Leute auf einem Zimmer. Es gibt nur Gemeinschafts-Badezimmer. Wie wollen Sie da den vorgeschriebenen Mindestabstand einhalten? Es war erwartbar, dass diese Unterkünfte eine Infektionsausbreitung beschleunigen würden. Hinzu kommt, dass die Wohnungen oft von den Arbeitgebern gestellt werden. Das heißt, der Arbeitgeber fungiert gleichzeitig auch noch als Vermieter. Er zieht den Beschäftigten die Miete direkt vom Lohn ab und macht den Arbeiter damit in doppelter Weise von sich abhängig. Wer krank ist, wird nicht weiterbezahlt. Bei kleinsten Vergehen werden die Leute finanziell bestraft und mit miesen Methoden um ihr hartverdientes Geld gebracht. Es gibt Betriebe, da müssen sie ihre Arbeitsmaterialien - also Messer, Schürze, Handschuhe und so weiter - selbst bezahlen.

Mohamed Boudih

Mohamed Boudih, 50, ist der Landeschef der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG).

(Foto: NGG)

War es schon immer so schlimm in der Fleischindustrie?

Nein, bis in die 90er Jahren hinein gab es ganz normale Arbeitsverhältnisse. Nach und nach wurden diese dann ausgegliedert, dadurch sind die ganzen Subunternehmen entstanden. Das war eine Strategie der Fleischkonzerne. In der Nahrungsmittelindustrie ist das heute die Branche mit den schlechtesten Arbeitsbedingungen. Ich will den Konzernen aber nicht die alleinige Schuld geben, die Politik interessiert sich auch zu wenig dafür. Die Öffentlichkeit und die Verbraucher haben über die Jahre fast immer weggeschaut und sich keine Gedanken gemacht, welchen Preis ihr Billigfleisch im Supermarkt wirklich hat. Jetzt wird deutlich: Ausbeutung und Elend sind der wirkliche Preis für billiges Supermarktfleisch.

Warum haben die Arbeiter der Fleischindustrie keine Lobby? Die vergangenen Jahre stand häufig nur der Sozialpfarrer aus dem Münsterland mit einem Plakat vor den Schlachtbetrieben.

Auch für uns ist es schwer, an die Arbeiter ranzukommen. Viele haben Angst um ihren Job, ihre Unterkunft. Die Familien in Bulgarien und Rumänien warten schließlich auf das Geld. Viele Beschäftigte sprechen kaum oder sehr schlecht Deutsch. Das alles macht es nicht einfach, sich gewerkschaftlich zu organisieren.

Könnte dieser Missstand nicht eine Chance für die Politik sein, der Branche mehr auf die Finger zu schauen? Auch wenn Clemens Tönnies, Chef von Deutschlands größtem Schlachthof, gerade behauptet hat, dass "eine ganze Branche unter Generalverdacht" gestellt werde.

Herr Tönnies ist der Letzte, der irgendwelche Ratschläge geben sollte. Die Schlachtbetreiber haben das System aufgebaut, sich aber aus der sozialen Verantwortung gestohlen. Mit Beginn der Pandemie hätten sie viel mehr tun müssen, um auch die Werkvertragsbeschäftigten zu schützen. Es reicht nicht, sich nur ein Hygienekonzept für die Produktion zu überlegen. Die Betreiber mögen konkret viel in den Betrieben getan haben, um die Vorgaben des Infektionsschutzes einzuhalten, aber das hätten sie auch in den Unterkünften machen müssen. Die Fleischindustrie steht jetzt zu Recht im öffentlichen Fokus, weil sie über die Jahre nichts unternommen hat, um die Bedingungen zu verbessern. Stattdessen hat sie ihr System der Ausbeutung verfeinert und verbessert.

© SZ/fie
Fleischunternehmen Tönnies

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Fleischbetriebe sind wegen hoher Corona-Infektionszahlen in die Kritik geraten. Der Chef von Deutschlands größtem Schlachthof wehrt sich. Zu Besuch bei der Firma Tönnies in NRW.

Von Jana Stegemann und Christian Wernicke

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