bedeckt München 24°

Corona-Krise:Pekings Impfstoffe auf dem Prüfstand

Coronavirus in China: Impfung bei einer alten Frau

Langer Weg bis zur Herdenimmunität: In China müssen dafür rund eine Milliarde Menschen geimpft werden.

(Foto: STR/AFP)

China beliefert viele Länder weltweit mit Vakzinen. Doch es gibt Zweifel an deren Wirksamkeit. Vor der Entscheidung der WHO über eine Notfallzulassung ist die Anspannung in Peking groß.

Von Lea Deuber

Eine beladene Maschine landet im brasilianischen Guarulhos, Kisten voller Impfstoffe werden feierlich am Flughafen in Manila begrüßt: Bilder von Chinas globalen Impfstofflieferungen bestimmen seit Monaten die chinesische Staatspresse. Ihre Botschaft ist klar: Die Welt ist angewiesen auf chinesischen Impfstoff. Und während in der Corona-Krise reiche Länder nur mit sich selbst beschäftigt seien, schreiben die staatlichen Kommentatoren, helfe China.

Doch auch wenn Peking sich selbstbewusst gibt, die Impf-Diplomatie als einen großen Erfolg feiert, dürfte die Anspannung groß sein. Denn in Kürze soll die Weltgesundheitsorganisation (WHO) über eine mögliche Notfallzulassung der Impfstoffe der chinesischen Hersteller Sinopharm und Sinovac entscheiden. Diese würde sie in eine Reihe mit den verlässlichsten Vakzinen der Welt stellen. Zugelassen sind bisher nur Pfizer und Biontech, Astra Zeneca, Moderna und Johnson & Johnson.

Die Entscheidung wäre nicht nur ein Prestigegewinn für Peking, sondern auch ein dringend notwendiger Vertrauensbeweis. Seit Monaten herrscht Verwirrung um die Wirksamkeit der chinesischen Impfstoffe, die das Land an Dutzende Länder weltweit liefert. Es liegen im Vergleich mit anderen Impfstoffen nur wenige Daten über sie vor. In vielen Ländern, in denen es auch Alternativstoffe gibt, kämpfen die Regierungen damit, die Lieferungen loszuwerden.

Die Skepsis scheint nicht unbegründet zu sein. Jüngst ergab eine Coronavac-Studie in Brasilien lediglich eine Wirksamkeit von 50,7 Prozent für diesen Impfstoff des Herstellers Sinovac, der bereits in mehr als 30 Ländern notfallmäßig zugelassen sein soll. Nur knapp über der 50-Prozent-Grenze, die ein Corona-Impfstoff laut WHO mindestens leisten muss. Im Vergleich: Der Impfstoff von Biontech und Pfizer kommt auf 95 Prozent. Die Ergebnisse anderer Studien lagen sogar noch darunter.

Für Unruhe sorgte auch die Aussage des Direktors des Chinesischen Zentrums für Krankheitskontrolle und Prävention, Gao Fu, im April. Bei einer Konferenz erklärte der bekannte chinesische Experte, dass die Schutzrate der chinesischen Vakzine "nicht hoch" sei. Später ruderte er zurück und sprach in den Staatsmedien von einem "kompletten Missverständnis".

China steht vor gewaltigen Herausforderungen

Die Notfallzulassung durch die WHO könnte auch das Vertrauen zu Hause stärken. Die Impfskepsis ist durch zahlreiche Impfskandale in den vergangenen Jahren groß. Da die Corona-Lage weitestgehend unter Kontrolle ist, warten viele Menschen lieber ab. Bisher sind die Impfungen auch nicht verpflichtend. Um die vorgeschriebenen Quoten zu erreichen, haben einige Behörden den Druck zuletzt allerdings erhöht. So müssen sich Menschen beispielsweise impfen, wenn sie in einem bestimmen Viertel leben oder arbeiten.

Selbst ohne die Probleme mit den Impfstoffen ist die Herausforderung für China gewaltig. Inzwischen sollen zwar bereits rund 243 Millionen Dosen verabreich worden sein, im Land leben aber 1,4 Milliarden Menschen. Experten bezweifeln, dass das Land genug Impfstoff zur Verfügung stellen kann, wenn es an seinen ehrgeizigen Plänen im Ausland festhält. Um Herdenimmunität in China zu erreichen, müsste die Regierung rund eine Milliarde Menschen impfen. Die chinesischen Behörden wollen das bis Ende 2021 schaffen, die Denkfabrik Economist Intelligence Unit rechnet eher mit Ende 2022.

Dass die Sorgen wegen des Impftempos auch in Peking groß sind, zeigten die jüngsten Fortschritte bei den Verhandlungen um eine Zulassung von Pfizer und Biontech in China, die Anfang des Jahres ins Stocken geraten war. Noch Ende Dezember hatten Chinas Regierungsvertreter nach ersten Berichten über die geringe Wirksamkeit der eigenen Impfstoffe ausländische Vakzine wie das von Biontech und Pfizer als nicht ausreichend getestet und gefährlich bezeichnet. Laut Medienberichten könnte jetzt doch eine Zulassung im Sommer kommen.

Der Druck der chinesischen Seite auf die Weltgesundheitsorganisation, die Notfallzulassung für die eigenen Impfstoffe zu erteilen, dürfte dennoch enorm sein.

© SZ/segi
Zur SZ-Startseite
FILE PHOTO: U.S. President Joe Biden visits a vaccination site in Alexandria

Corona weltweit
:US-Regierung sieht Land am Wendepunkt

58 Prozent der erwachsenen Amerikaner haben mindestens eine Impfung erhalten. Die EU bestellt vorerst keinen neuen Impfstoff mehr bei Astra Zeneca.

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB