Das dritte Schuljahr mit Corona:Mathe, Deutsch, Impfen

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Corona-Impfung an Schulen

An den Schulen wollen sie Normalität zurück. Schülerimpfungen können da helfen.

(Foto: Fabian Sommer/dpa)

Seit einigen Tagen kommen in Schleswig-Holstein mobile Impfteams auch in die Schulen. Mehr als 10 000 Schülerinnen und Schüler wollen den Service nutzen. Ein Besuch am Lessing-Gymnasium in Norderstedt.

Von Peter Burghardt, Norderstedt

"Das kleinste Kapitel eigener Erfahrung ist mehr wert als Millionen fremder Erfahrungen", schrieb Gotthold Ephraim Lessing, so steht es auf der Homepage des Lessing-Gymnasiums in Norderstedt. Eine Schülerin im karierten Flanellhemd macht gerade ihre erste eigene Erfahrung mit dem Corona-Impfstoff von Biontech: Sie kommt aus einem Raum, in dem sich nach der Impfung alle eine Viertelstunde lang zur Beobachtung einfinden sollen. Und? "Ganz normal", sagt sie, sie habe den Piks kaum gespürt.

Der Mittwochvormittag, ein mobiles Impfteam ist am Lessing-Gymnasium im Einsatz. Norderstedt, Schleswig-Holstein, am Rande von Hamburg. Seit einigen Tagen werden Freiwillige an den Schulen im Norden gegen Covid-19 geimpft. Mecklenburg-Vorpommern und Teile von Nordrhein-Westfalen machen ebenfalls mit, andere Bundesländer wollen folgen.

Die Impfquote soll gesteigert werden und weitere Normalität zurückkehren, hier oben begann das dritte Schuljahr der Ära Corona bereits Anfang August. "Schule in Präsenz - aber sicher!", so das Motto, mit Testpflicht für die ersten drei Wochen nach den Sommerferien, fortgesetzter Maskenpflicht und diesem Impfangebot der Landesregierung, zusammen mit der Kassenärztlichen Vereinigung, dem Deutschen Roten Kreuz und der Johanniter Unfallhilfe.

Wie das funktioniert, das interessiert auch einen französischen Reporter, in Frankreich wird die Impfung heiß debattiert. Mehr als 10 000 Schülerinnen und Schüler aus Schleswig-Holstein hatten sich bis Mitte vergangener Woche angemeldet, nicht jeder mag darüber sprechen. "Kein Kommentar", sagt ein schwarz gekleideter Gymnasiast, der aus jenem Zimmer des Norderstedter Lessing-Gymnasiums kommt, auf dem "Impfraum 1" steht. Andere sind gesprächiger, zum Beispiel die soeben Geimpfte, 16 Jahre alt, elfte Klasse.

Kinderärzte warnten vor Gruppenzwang

Sie hätte sich auch längst vom Hausarzt impfen lassen können. Ein Drittel der Schülerschaft im Bundesland zwischen den Meeren war schon geimpft, ehe die Schulaktion begann. Die Ständige Impfkommission, die Stiko, hatte ja ihre Impfempfehlung für Kinder und Jugendliche ab zwölf Jahren aktualisiert. Für diese Altersgruppe soll ein erhöhtes Risiko bestehen, von der Delta-Variante erwischt zu werden. Diese Gymnasiastin zweifelte erst, beim Impfen sind sich sogar ihre Eltern uneins.

Ihre Mutter sei gegen Impfungen, erzählt sie. Ihr Vater sei geimpft, Johnson & Johnson. Eine Kollegin von ihm kämpfe seit ihrer Erkrankung mit Kreislaufproblemen und könne nicht mehr arbeiten. Sie selbst kam zu der Erkenntnis, dass Impfungen deutlich angenehmer seien als Langzeitfolgen. "Die Chance habe ich jetzt genutzt. Auch wegen 2G."

Die Regel 2G gilt ab Samstag vielerorts in Hamburg, gleich nebenan von Norderstedt. Etliche Restaurants und Veranstaltungen der Hansestadt können dann nur noch von Geimpften oder Genesenen besucht werden, ein negatives Testergebnis reicht nicht mehr. Also füllte sie das Anmeldeformular aus, das auf der Website des Ministeriums abrufbar ist, und begab sich wie etliche Mitschülerinnen und Mitschüler in die Hände von Dr. Wöhrmann, der nun am Lessing-Gymnasium impft.

Zwei Ärzte sind dabei, dazu acht Helfer, sie erklären alles, dann wird die Spritze gesetzt. "Unspektakulär und entspannt", sagt Carsten Apsel, der Schulleiter. Kinderärzte warnten zwar kürzlich vor Gruppenzwang, wenn mobile Impfteams an Schulen vorfahren. Auch Proteste von Impfgegnern wurden befürchtet. In dieser Schule allerdings hält sich die Aufregung in Grenzen. "Wir haben keine Drohbriefe bekommen", sagt Apsel hinter einer Plexiglasscheibe am Schreibtisch.

Am Lessing-Gymnasium schätzen sie das offene Wort, aber beim Impfen ist die Schulleitung neutral. Niemand werde unter Zugzwang gesetzt, versichert Carsten Apsel. Seine Schule hat 700 Schüler und fast 60 Lehrer, mit dem Institut nebenan sind es 1200 Menschen, da gibt es vermutlich unterschiedliche Meinungen. Corona-Fälle hatten sie weniger als zehn, berichtet Apsel. Auch für ihn liegt es eher an Urlaubern und Reiserückkehrern als am Schulbeginn, dass die Inzidenzen in Norddeutschland zuletzt gestiegen sind. Jeden Montag und Mittwoch wird im Unterricht getestet. Und wer mag, wie die 16-Jährige, der kriegt in drei Wochen die zweite Dosis von Biontech.

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