Süddeutsche Zeitung

Verzögerungen beim Impfstoff:Spahn kämpft gegen das Ruckeln

Die Lieferung des Biontech-Impfstoffs hat gerade erst begonnen, doch einige Bundesländer sind unzufrieden. Der Gesundheitsminister bemüht sich um Aufbruchstimmung - und bittet um Geduld.

Von Henrike Roßbach, Berlin

Am vorletzten Tag des Jahres spricht Jens Spahn schon mal über den letzten. Das wahrscheinlich ruhigste Silvester, an das sich Deutschland erinnern könne, werde es werden, sagt der Gesundheitsminister in der Berliner Bundespressekonferenz, und dass auch er Silvester "gerade nach diesem Jahr" gerne mit seiner Familie und seinen Freunden begehen würde. "Aber es geht halt nicht."

Wobei: So ein bisschen Ruhe dürfte dem CDU-Politiker inzwischen vielleicht ganz recht sein. Denn wenn die vergangenen Tage für ihn eines nicht waren, dann ruhig. Den Grund dafür nennt Spahn am Mittwoch selbst: "Ja, es ruckelt an der ein oder anderen Stelle", sagt er und meint damit den Impfstart am Wochenende, die geringe Zahl an Impfdosen, die holprige telefonische Terminvergabe oder Impfzentren, die wegen einer Kombination aus wenig Impfstoff und noch weniger Impfwilligen schon wieder zugemacht haben.

Doch während Spahn noch davon spricht, dass Deutschland "Zug um Zug" mehr Impfdosen und auch weitere Impfstoffe zur Verfügung haben werde und dass "in diesen Minuten" und dann wieder "rund um Ende nächster Woche" die nächsten Impfstofflieferungen an die Länder gingen, kommen schon die nächsten Meldungen angeruckelt: In Berlin und Brandenburg teilen die Gesundheitsressorts mit, dass die geplanten Lieferungen des Biontech-Impfstoffs in der ersten Kalenderwoche ersatzlos ausfallen würden.

Als Spahn auf dem Podium der Bundespressekonferenz Platz nimmt, ist es das dritte Mal binnen 17 Stunden, dass er sich den Fragen zur Impfkampagne stellt. Oder besser: der Kritik. Am Dienstagabend hatte er zunächst dem Chefredakteur der Bild-Zeitung erklärt, warum der Impfstart seiner Meinung nach mitnichten "versemmelt" worden sei, wie das Blatt quasi seit dem ersten Piks schreibt.

Spahn hat die Geduld entdeckt

Der Impfstoff, so Spahn, sei am Anfang für alle knapp, und daran ändere auch die insgesamt bestellte Menge nichts. Überhaupt habe Deutschland nicht wenig, sondern viel Impfstoff bestellt. Einige Stunden später sagte Spahn dann in der ARD, dass Deutschland nun mal keine "Nebengeschäfte" parallel zur gemeinsamen EU-Bestellung habe machen können; erst im Nachgang seien zusätzliche nationale Bestellungen möglich geworden.

Nun sitzt er vor der blauen Wand der Bundespressekonferenz und sagt: "Ich verstehe, dass viele gerade ungeduldig sind. Ich kann sie nur um Geduld bitten." Letzteres sagt er gleich zwei Mal.

Das mit der Geduld aber ist nicht immer Spahns Steckenpferd gewesen. Vor ziemlich genau zwei Jahren wollte er, damals 38 Jahre alt, CDU-Vorsitzender werden. "Sei doch nicht so ungeduldig, nicht so ehrgeizig", hätten ihm viele geraten, sagte er damals in seiner Bewerbungsrede auf dem Parteitag. Eine gute Zukunft aber, rief er den Delegierten dann zu, "braucht manchmal auch Ungeduld".

In dieser Hinsicht hat Spahn sich in der Pandemie offenbar neu erfunden. Nicht nur, dass er inzwischen regelmäßig um Geduld bittet und prophylaktisch um Entschuldigung ("Wir werden uns noch viel verzeihen müssen") - ganz grundsätzlich hat er offenbar die Vorsicht als besonders nützliche Tugend für sich entdeckt.

Dieser neue Jens Spahn erwähnt dann zwar sein Telefonat mit dem britischen Gesundheitsminister und dass dieser ihm gesagt habe, in Großbritannien strebe man die Herdenimmunität schon im Frühling an. Er selbst aber sagt weiterhin, er hoffe, dass in Deutschland im Sommer jedem ein Impfangebot gemacht werden könne. "Sie können das politische Vorsicht nennen", fügt er hinzu, aber Vertrauen sei nun mal das Wichtigste in einer solchen Krise, und Ankündigungen zu machen, die man nicht einhalten könne, erhalte dieses Vertrauen gerade nicht. "Da hat auch jeder schon seine Erfahrung gemacht."

"Wir tun alles, glauben Sie es mir."

Vor allem Spahn selbst hat diese Erfahrung gemacht, als er Anfang September sagte, mit dem Wissen von heute würde der Staat nicht noch einmal Friseure und Läden schließen. Zwei Monate später tat der Staat genau das. Spahn weiß, dass Krisen Politikerkarrieren nicht nur beschleunigen, sondern auch beenden können, und man merkt, dass er das weiß. Seit geraumer Zeit flutscht er in gewisser Weise durch die Krise, irgendwie schwer zu fassen und gerne, ohne sich festzulegen.

"Wir tun alles, glauben Sie es mir, damit es möglichst schnell geht", sagt er am Mittwoch mit Blick auf die nächsten Impfstoffe, deren EU-Zulassungen bevorstehen, "aber es muss sicher schnell gehen." Der zweite Impfstoff, der des US-Konzerns Moderna, stehe "quasi vor der Tür". Der dritte aber sei bloß "auf dem Weg zur Tür". Dass es sich bei diesem dritten Impfstoff um den von Astra Zeneca handelt, den Großbritannien schon zugelassen hat, ficht Spahn nicht an. Er sei nun mal nicht die Zulassungsbehörde, erklärt er.

Aufbruchstimmung erzeugt der Minister derzeit lieber anders, quasi retrospektiv: "Seit Sonntag impfen wir in ganz Deutschland, in ganz Europa, wer hätte das vor vier oder sechs Wochen gedacht?" Und: "Dass wir einen Impfstoff haben nach diesen zehn harten Monaten, ist erst mal Anlass zur Freude." Kritik und Ungeduld, ja, die verstehe er. Aber, sagt er dann noch, das solle doch bitte nicht die Freude darüber trüben, "dass der Weg aus dieser Krise heraus geebnet ist".

Knapp drei Stunden später meldet auch Bayern, dass es in der ersten Woche des neuen Jahres keinen Impfstoff erhalten werde. Das Bundesgesundheitsministerium reagiert: Die Lieferung vom 30. Dezember decke "nach den Planungen von Biontech" auch die erste Januarwoche ab, teilt eine Sprecherin mit. Zudem habe man mit Biontech vereinbaren können, dass die nächste Lieferung "wie ursprünglich geplant" dann bereits am 8. Januar erfolgen werde. Danach gehe es am 18. Januar weiter "und ab dann vorerst wöchentlich montags".

Bestens informiert mit SZ Plus – 4 Wochen kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.5162234
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ/skle/bix
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.