Corona:Hang zu Erzählungen

Corona: Will am liebsten alles alleine entscheiden: Der slowakische Ministerpräsident Igor Matovič.

Will am liebsten alles alleine entscheiden: Der slowakische Ministerpräsident Igor Matovič.

(Foto: Yves Herman/AFP)

In Tschechien und der Slowakei ist die Skepsis gegenüber Impfungen groß. Es gelingt den Regierungen nicht recht, dagegen anzugehen - was mit ihren eigenen Widersprüchlichkeiten zu tun haben dürfte.

Von Viktoria Großmann, München

Der tschechische Premier Andrej Babiš wird unter den ersten sein, die sich am 27. Dezember gegen Covid-19 impfen lassen. Er möchte mit gutem Beispiel vorangehen. Wie sein slowakischer Amtskollege Igor Matovič hat Babiš berechtigte Sorge um die Impfbereitschaft in der Bevölkerung. Die Ablehnung liegt in beiden Ländern bei etwa 45 Prozent. Dabei sind die Infektionszahlen erneut gefährlich hoch, die relativen Todeszahlen in Tschechien gehören zu den höchsten weltweit.

Kollege Matovič in der Slowakei wird sich wohl nicht impfen lassen, er ist nun selbst mit Sars-CoV-2 infiziert. Auch fünf seiner Minister wurden positiv getestet, einer liegt im Krankenhaus. Nicht jeder im Land mochte das glauben. Geschichten breiteten sich aus, die Politiker gäben nur vor, krank zu sein, um sich nicht impfen lassen zu müssen oder um von der aktuellen Regierungskrise abzulenken.

Der Hang zu solchen Erzählungen ist sowohl in Tschechien als auch in der Slowakei recht groß. Laut einer Umfrage der slowakischen Akademie der Wissenschaften glauben jeweils etwa 30 Prozent der Befragten, dass Covid-19 nicht schlimmer ist als eine Grippe und dass die Epidemie nur Teil eines weltweiten Bemühens um verpflichtende Impfung sei. Knapp 39 Prozent glauben sogar, dass die Zahlen der Toten absichtlich überhöht würden. Unter den Anhängern der Partei des slowakischen Premiers liegt die Impfbereitschaft immerhin bei knapp 41 Prozent, deutlich weniger sind es unter rechten Parteien. Mehr als 50 Prozent hingegen bei christlichen - auch Bischöfe haben zum Impfen aufgefordert.

In Tschechien ließ sich das Gesundheitsministerium zu einer Anzeige hinreißen, die großformatig Desinformationen über die Impfung begegnen wollte - aber optisch eher dazu angetan war, diese Vorbehalte zu schüren. "Katastrophal", befand Premier Andrej Babiš und erklärte sich vorsichtshalber gleich selbst zum Beauftragten für die Impfungen - obwohl er selbst noch vor einigen Wochen skeptisch war. Beide Länder haben bereits einige Demonstrationen von Corona-Leugnern erlebt. In der Slowakei werden diese offen von Ex-Premierminister Robert Fico unterstützt.

Eine Mischung aus Leugnern, Rechtsextremen und Regierungskritikern kaperte in Bratislava die Feiern am 17. November, dem Nationalfeiertag zum Gedenken an die Samtene Revolution 1989. Die damaligen Führer der demokratischen Bewegung Fedor Gál und Peter Zajac, heute beide über 70, wurden tätlich angegriffen. Zajac gab sich nach dem Vorfall gelassen, er habe solche Angriffe gegen die ehemalige Dissidentenbewegung seit den Neunzigern immer wieder erlebt. Schuld an der heutigen Unzufriedenheit mit der Corona-Politik sieht er allerdings auch bei Premier Matovič.

Die Alleingänge von Matovič verwirren Minister wie Bevölkerung

Die aktuelle Regierungskrise ist nur eine von vielen, die der slowakische Premier in seiner kurzen Amtszeit bereits ausgelöst hat. Kaum jemand im Kabinett scheint vor den ständigen Attacken des Premiers sicher zu sein, seine Alleingänge verwirren Minister wie Bevölkerung. Schon zweimal hat ihn Präsidentin Zuzana Čaputová zur Räson gerufen. Anfang Dezember mit den Worten: "Die ganze Welt beschäftigt sich mit Covid, nur wir beschäftigen uns mit unserem Herrn Premier."

Eine kürzlich gestartete Petition mehrerer Ärzte und Wissenschaftler fordert den Regierungsvorsitzenden auf, "angesichts des drohenden Zusammenbruchs der Krankenhäuser" sofort einen Krisenstab einzurichten - statt alles allein zu bestimmen. Das Land befindet sich seit Samstag wieder im Lockdown.

Hätte man auf ihn gehört, hätte es dazu nicht kommen müssen, erklärt der Premier am Dienstag auf Facebook. "Massentests statt Lockdown", lautete im Herbst seine Parole. Dann zeigte sich, dass die Effekte von zu kurzer Dauer waren, Lockerungen zu früh kamen. Nun wird nur noch lokal getestet, wie am Wochenende 22 000 Menschen in der Kleinstadt Trenčín. Wissenschaftler sind zufrieden mit Teilnahme und Ergebnis. Premier Matovič reicht das nicht. Gern hätte er vor Weihnachten einen erneuten landesweiten Massentest gemacht. "Wir haben Tausende Leben gerettet", postet er aus seiner Quarantäne. Gemessen an der Bevölkerungszahl sterben in der Slowakei aktuell mehr Menschen an Corona als in Deutschland.

© SZ
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