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Häusliche Gewalt in der Corona-Krise:Gefangen auf engstem Raum

20.03.2020, Berlin - Deutschland. Im Prenzlauer Berg sind die Leute wegen der Corona-Krise zu Hause statt auf Parties z

Gefährliche Nähe: Dicht gedrängt, wie in diesem Berliner Wohnblock, durchleben derzeit Millionen Familien die Krisenzeit miteinander.

(Foto: Sabine Gudath/imago, Collage: SZ)
  • Eine chinesische Frauenrechtsorganisation hat im Zuge der Corona-Krise eine Verdreifachung der Anrufe wegen häuslicher Gewalt verzeichnet.
  • Der Weiße Ring rechnet auch für Deutschland "mit dem Schlimmsten" - denn existenzielle Not und Ausgangsbeschränkungen fördern Aggressionen.
  • Und Experten befürchten ein Folgeproblem, wenn sämtliche sozialen Einrichtungen geschlossen sind, in denen Kinder gefährdeter Familien sonst aufgefangen werden: einen Anstieg obdachloser Jugendlicher.

Anfang März, die Corona-Krise hatte nun auch Deutschland erreicht, fing Peter Elke an, genauer hinzuschauen. Der Sprecher des Polizeipräsidiums Essen begann, die jüngsten Straftaten im Einsatzgebiet zu listen und verglich die Zahlen mit dem Vorjahr. Das Ergebnis: Ruhestörungen und Körperverletzungen im Freien gingen um fast ein Drittel zurück. Delikte häuslicher Gewalt hingegen nahmen zu - um etwa 100 Prozent. Auch wenn die Statistik nicht repräsentativ sei und nur einen geringen Zeitraum umfasse, wie Elke betont, nennt er die Zahlen erschreckend.

Für Christina Clemm sind sie keine Überraschung. Die Berliner Strafrechtsanwältin, die vor allem Opfer sexualisierter und rassistisch motivierter Gewalt vertritt, geht fest davon aus, dass die häusliche Gewalt in der Corona-Krise zunehmen wird - und damit ist sie nicht allein. Auch Frauennotrufe, das Bundesfamilienministerium, Opfer- und Kinderschutzverbände befürchten eine starke Zunahme der Gewalt. "Die Menschen befinden sich im Moment in existenziellen Nöten, sie haben Angst um ihre Gesundheit und ihren Job - sind dann aber gezwungen, auf engstem Raum zusammen zu sein", sagt Clemm. "Alle kommen an die psychische Grenze, das fördert Aggressionen." Berichte aus vom Corona-Virus besonders betroffenen Ländern wie China und Italien sind wenig ermutigend. In China wurde eine Verdreifachung der Anrufe wegen häuslicher Gewalt gemeldet. Jörg Ziercke, der Vorsitzende der Opferorganisation Weißer Ring meint, auch in Deutschland müsse man "mit dem Schlimmsten" rechnen.

Erste Zahlen aus Nordrhein-Westfalen suggerieren zwar eine gegenteilige Entwicklung. Laut Innenministerium in Düsseldorf ging die häusliche Gewalt in den ersten Märzwochen im Vergleich zum Vorjahr insgesamt um 30 Prozent zurück. Jedoch sind die Zahlen vorläufig und nicht verlässlich, denn oft werde ein Verfahren zunächst als Körperverletzung geführt und erst später als häusliche Gewalt ausgewiesen, heißt es vom Ministerium. Auch gingen zunächst bei Frauennotrufen weniger Hilferufe ein als sonst.

Kein Wunder, meint Clemm. Für Frauen sei es angesichts strikter Ausgangsbeschränkungen im Moment sehr schwierig, sich Hilfe zu holen, sagt sie. Denn der Feind hört mit, sitzt im Zimmer nebenan. Laut der Generalsekretärin des Europarats, Marija Pejčinović Burić, nahmen die Sofortnachrichten im Internet an Hilfsorganisationen in ganz Europa zu - auch ein mögliches Indiz, dass Gewalttäter es ihren Opfern vereiteln, telefonisch Hilfe zu suchen. In akuten Situationen ruft allerdings selten das Opfer selbst an. Meist seien dies Nachbarn oder Familienangehörige, sagt Polizeisprecher Elke. Kinder schrien ins Telefon: "Der Papa schlägt die Mama!"

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Jede dritte Frau in Deutschland wird laut Statistik auch ohne Corona-Krise mindestens einmal im Leben Opfer von physischer oder sexualisierter Gewalt. Etwa jede Vierte wird mindestens einmal von ihrem aktuellen oder früheren Partner angegriffen. Betroffen sind Frauen aller sozialen Schichten. Auch Männer werden Opfer von gewalttätigen Partnerinnen, doch zu 81 Prozent gehen Männer auf Frauen los. 2018 wurden laut Bundeskriminalamt 140 755 Menschen Opfer häuslicher Gewalt, 114 393 davon waren weiblich. In akuten Fällen wird der Täter normalerweise der Wohnung verwiesen. "Wir wollen dadurch der zu schützenden Partei die Möglichkeit geben, sich zu sortieren", sagt Polizeisprecher Elke. Das Gewaltopfer soll Zeit bekommen, weitere Schritte zu erwägen. Doch wo soll der Täter hin?

Elke sagt, er müsse sich eben ein Hotelzimmer mieten. Das kann in Corona-Zeiten schwierig sein. Es müsse auf jeden Fall dafür gesorgt werden, dass der Täter ein Ausweichquartier finde, fordert Christina Clemm. "Sonst kommt er doch zurück."

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