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Corona-Krise:"Diese Krise ist ein Schuss vor den Bug"

Coronavirus - Koblenz

Als wäre die Corona-Krise schon vorbei: Radfahrer entspannen auf einer Wiese in den Rheinanlagen bei Koblenz. Foto: Thomas Frey/dpa

(Foto: dpa)

Die Berliner Politik steckt zu sehr im Krisenmodus, um sich Gedanken über die Zeit danach zu machen. Der Physiker und Philosoph Armin Grunwald sieht ein starkes Bedürfnis nach dem Blick in eine bessere Zukunft.

Noch so ein Wochenende im Zeichen von Corona. Kirchen bleiben geschlossen. Fußballstadien sind leer. Hamsterkäufer sitzen vor vollen Vorratskammern. Menschen gehen zwar spazieren, aber mühen sich um Abstand. Was passiert da? Wie lange soll das noch gehen? Wie lange hält man so was aus? Und: Was kommt danach?

Die Frage treibt viele um seit Ausbruch der Corona-Krise. Für die Virologen gilt das sowieso. Aber auch für Ökonomen, Psychologen, Philosophen. Mit Sicherheit kämpfen die Spitzen der Regierung mit diesen Schicksalsfragen. Und doch: Ob im Kanzleramt, im Bundesgesundheitsministerium oder auch in anderen Ressorts wird derzeit alles vom Krisenmanagement dominiert. Platz, Kraft und Zeit für weiterreichende philosophische Fragen hat dort derzeit niemand.

Allenfalls kleine Zeichen der Hoffnung kommen auch dort an. Zum Beispiel beim Bundeswirtschaftsminister. "Die Krise zwingt uns zum Bruch mit Gewohntem und zeigt, dass wir - auch als Gesellschaft - enger zusammenstehen", sagt Peter Altmaier (CDU). Der muss sich dieser Tage vor allem mit ganz realen Existenzsorgen beschäftigen, von sehr kleinen wie sehr großen Unternehmen.

"Ich sehe eine große Solidarität", sagt der Christdemokrat, "und ich bin stolz, dass unsere Unternehmen mitziehen, teilweise ihre Produktionen oder Geschäftsmodelle umstellen, mit anpacken und helfen." So gebe es unter anderem Beispiele von Textilunternehmen, die jetzt Schutzausrüstungen produzieren, oder von Tischlern, die Rundum-Desinfektionsschutzhauben für Arztpraxen herstellen. "Gemeinsam schaffen wir das", sagt Altmaier.

Es hilft, über die Zeit nach der Krise zu sprechen

Der Satz ist nicht schlecht, jedenfalls aus Sicht von Psychologen, die sich mit den Konsequenzen der aktuellen Lage auseinandersetzen. Der Berliner Stressforscher Mazda Adli hat in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung sogar erklärt, er wünsche sich das berühmte "wir schaffen das" in dieser Krise von der Kanzlerin noch einmal. "Und zwar so, wie sie es wirklich gemeint hat: WIR alle zusammen schaffen das."

Adli, der auch an der Berliner Charité lehrt und arbeitet, begründet diesen Wunsch mit dem überbordenden Bedürfnis vieler Menschen, neben die Krise einen neuen Optimismus setzen zu können. Die Gesellschaft müsse gerade eine ungekannte "Unvorhersehbarkeit aushalten". Deshalb müsse dafür gesorgt werden, "dass die Menschen und die Gesellschaft an emotionaler Kraft gewinnen." Das gelinge vor allem, wenn es neue Hoffnung gebe. "Es hilft uns beispielsweise, über die Zeit danach zu sprechen. Die Menschen brauchen die Botschaft: Diese Zeit geht auch vorbei."

"Wenn diese Solidarität bleibt, wäre es großartig"

Nicht anders argumentiert der Physiker und Philosoph Armin Grunwald. "Es ist kein Zufall, dass viele Menschen jetzt, nachdem die steile Abwärtskurve erst einmal in so einem Tal gelandet ist, eine Perspektive brauchen und suchen für die Zeit danach", sagt Grunwald. Dahinter stehe ein menschlicher Reflex, "nach dem Motto: Es muss doch für irgendwas gut sein". So gesehen hätten viele gute Botschaften dieser Tage - dass alle sehen, wie wertvoll Gemeinschaft ist, dass man nicht täglich shoppen muss, um ein glücklicher Mensch zu sein, dass alles umwelt- und klimafreundlich wird - auch therapeutischen Charakter.

Wie lange aber kann eine Gesellschaft die Sorgen und großen Unsicherheiten aushalten? Adli wagt da keine Prognose. "Ich kann nur sagen: Ohne Perspektive hält so was niemand lange aus." Aus diesem Grund würde er sich von der Bundeskanzlerin auch eine zweite Fernsehansprache wünschen, eine, in der Angela Merkel einen solchen Optimismus zum Ausdruck bringe. "Ich glaube, dass das den Menschen sehr guttäte." Natürlich wisse er, wie schwer solche Aussagen manchmal seien - und wie oft Politiker später in unpassender Weise auf solche Aussagen festgenagelt würden. Trotzdem müsse man das "politisch in Kauf nehmen". Denn: "Die Menschen werden es einem danken."

Im Augenblick, sagt der Philosoph Grunwald, der das Büro für Technikfolgen-Abschätzung des Bundestages leitet, dominierten aus verständlichen Gründen die Virologen die Reaktion auf Corona. Damit allerdings gehe auch ein spezieller Blick auf die Welt einher. "Virologen sehen aus Profession im Menschen Virenüberträger, oder in Massenereignissen wie Konzerten, Fußballspielen und Gottesdiensten Infektionsherde." Für sie bleibe außer Acht, dass eine Kontaktsperre soziale Konsequenzen habe, die "ziemlich übel" sein könnten.

Was gerade passiert wird im kollektiven Gedächtnis bleiben

Hinzu kämen schon jetzt bleibende Schäden: Verunsicherung, Kontrollverlust. Das Gefühl, dass ein einzelnes Virus über Nacht die Welt aus den Fugen bringen kann. Dies betreffe auch das bisher so unerschütterliche Vertrauen in Technik. "Diese Krise ist ein Schuss vor den Bug, um mal unsere Abhängigkeiten zu reflektieren." Ob es nicht purer Leichtsinn sei, diese Abhängigkeiten immer weiter hochzuschrauben. So gesehen könnte diese Krise auch eine Lehre sein.

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Manches erinnere an die Ölkrise mit ihren Sonntagsfahrverboten. "Das ist eine lächerliche Maßnahme im Vergleich zu heute", sagt Grunwald. "Aber das ist fast 50 Jahre her und trotzdem bei vielen als kollektive Erinnerung noch da." Nun gehe die kollektive Einschränkung noch viel weiter. Die Wirtschaft steht still, Grundrechte werden beschnitten. "Das Schockartige dieses Ereignisses", sagt Grundwald, "wird uns wahrscheinlich erst klarwerden, wenn wir es überstanden haben."

Immerhin hat der Psychiater Adli, der sich vor allem von der Kanzlerin mehr Optimismus erhofft, auch selbst welchen zu bieten. "Wir sind gerade alle zwangsentschleunigt". Und das führe dazu, dass viele Menschen gerade Dinge tun würden, die sie schon lange wollten, aber dann doch nicht gemacht hätten. Musizieren stehe hoch im Kurs, auch Joggen. Und sehr viele kümmerten sich um Freunde und Angehörige, auch jene, mit denen sie schon lange keinen Kontakt mehr gehabt hätten. "Wenn diese Solidarität bleibt, wäre es großartig."

© SZ.de/munz/jab

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