Interview am Morgen: Genesener aus Gangelt:"Wir sind so was wie Coronas Ground Zero"

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Reportage zur Corona Pandemie in NRW und Bayern für das Ressort BUCH ZWEI der Süddeutschen Zeitung.

Damals, am 15. Februar auf der "Kappensitzung", ahnte noch niemand, welche Folgen dieser fröhliche Abend haben würde. Im Bild zu sehen ist die Bühne des Bürgersaals, in dem gefeiert wurde.

(Foto: Jan A. Staiger)

Peter K. war auf der "Kappensitzung" in Gangelt, hat danach Straßenkarneval gefeiert. Wo er sich genau mit Corona infiziert hat, weiß er nicht. Karneval feiern will er 2021 trotzdem wieder.

Interview von Christian Wernicke, Gangelt

Peter K. war dabei. Er saß mitten im Trubel jener Karnevalsfeier, die mutmaßlich das Corona-Virus über Westdeutschland verbreitete. Peter K. hat seinen Spaß gehabt bei der inzwischen berüchtigten "Kappensitzung" am Abend des 15. Februars 2020, nach der etliche der 300 Teilnehmer an Covid-19 erkrankten. Gäste trugen das Virus bis nach Köln, Mönchengladbach und Essen.

Ob er sich selbst bei Bier und Büttenreden ansteckte, weiß Peter K. nicht - er war auch in den Tagen danach bei jedem Karnevalsumzug dabei. Aber der Verwaltungsangestellte und durchtrainierte Freizeitsportler wurde krank, Covid-19 hat ihm zwei Wochen lang zugesetzt. Er will darüber nur anonym reden, auch weil Menschen aus dem Kreis Heinsberg seit Corona angefeindet werden.

SZ: Nach all dem, was Sie durchgemacht haben - wollen Sie nächstes Jahr wieder zur Kappensitzung nach Gangelt-Langbroich?

Peter K.: Na klar, da gehe ich wieder hin. Dass ich krank geworden bin, lag ja nicht an schlechter Organisation. Das lag nicht in Menschenhand.

Interview am Morgen

Diese Interview-Reihe widmet sich aktuellen Themen und erscheint von Montag bis Freitag spätestens um 7.30 Uhr auf SZ.de. Alle Interviews hier.

Für Sie als Rheinländer ist der Karneval "unkaputtbar"?

Ja, ich hoffe, dass der Karneval unkaputtbar ist und bleibt. Und dass diese Corona-Zeit bald vorbei ist, damit wir nächstes Jahr wieder unbeschwert feiern können. Die Hoffnung stirbt zuletzt.

Was macht den Reiz dieser Kappensitzung aus?

Das ist selbstgemachter Karneval. Aus dem Dorf, für das Dorf. Da treten keine berühmten Künstler auf, sondern Nachbarn. Manche der Witze würden Sie als Außenstehender gar nicht verstehen. Das Schöne ist einfach die Geselligkeit, man sitzt mit Freunden am Tisch und genießt das. Ich habe den Abend in schönster Erinnerung.

Es sollten ja noch zwölf Tage vergehen, ehe Sie erfuhren: Corona hat mitgeschunkelt auf der Sitzung.

Ja, das stellte sich erst am Aschermittwoch heraus. Zuvor habe ich noch das ganze Wochenende Karneval gefeiert, von Altweiber 11.11 Uhr bis Veilchen-Dienstag. Und am Samstag beim Umzug in Langbroich habe ich oben auf einem Traktor-Anhänger gestanden. Ab Sonntag und am Rosenmontag fühlte ich mich zwar ab und an etwas schlapp. Aber ich hab noch alles mitgenommen. Corona hatte ich da nicht mal im Hinterkopf.

Und wann merkten Sie, es wird ernst?

Am Aschermittwoch war ich erschöpft. Aber das schien mir normal nach den Tagen davor. Nur, am Donnerstag ging es dann richtig los: Da lag ich auf der Couch mit starken Kopf- und Gliederschmerzen, auch Husten. Da habe ich mir einen Krankenschein geholt. Und gleichzeitig ging ja der Alarm im Landkreis los, dass wir hier Corona haben. Und dass Infizierte bei der Kappensitzung dabei waren. Da wurde mir schon mulmig, da hab ich gedacht - das könnte das Virus sein. Und ich erfuhr, dass alle Teilnehmer der Kappensitzung in Quarantäne bleiben sollten. Daran hab ich mich gehalten.

Wann waren Sie sicher: Das ist Covid-19?

Den Test habe ich erst am Montag drauf gemacht. Aber als ich übers Wochenende dann auch noch meinen Geruchs- und Geschmackssinn verlor, da wusste ich: Das ist Corona. Ich hab eine Kartoffel gegessen und hätte nicht sagen können, ob das gerade ein Apfel oder eine Kartoffel war. Oder ich habe Pommes auf dem Teller mit extrem viel Salz - und nichts geschmeckt. Das ist schon beängstigend.

Zu diesem Zeitpunkt war die Kappensitzung ja schon zwei Wochen her. Sind Sie sicher, dass sie sich bei der Sitzung da angesteckt haben - eigentlich hätten sich erste Symptome doch früher zeigen müssen?

Sicher bin ich nicht, nein. Das werde ich wohl auch nie rauskriegen. Ich kann mich genauso ein Wochenende später beim Straßenkarneval infiziert haben. Das ist alles nur Mutmaßung. Ich weiß, dass von den Leuten, die um mich herum waren an unserem langen Tisch bei der Kappensitzung, sich zehn von 15 auch das Virus eingefangen haben. Nur, was beweist das? Das waren dieselben, mit denen ich danach im Karneval unterwegs war ...

Der Landkreis Heinsberg und Gangelt gelten bis heute als Covid-19-Hotspot. Belastet Sie das?

Ja, wir sind so was wie Coronas Ground Zero. Mancher hält uns für Aussätzige. Einige Leute da draußen reagieren echt irrational: Freunden mit dem Kennzeichen HS wurde neulich in Aachen einfach das Auto zerkratzt, nach dem Motto - haut ab! Man wird stigmatisiert. In den sozialen Medien schreiben Idioten, man solle Heinsberg einfach wegbomben. Und auf der Arbeit bekomme ich mit, dass Firmen aus Heinsberg außerhalb des Landkreises kaum mehr Aufträge mehr bekommen. Wir werden schief angesehen.

Heute sind Sie wohl immun. In Ihrem Job begegnen Sie täglich fremden Menschen - geben Sie denen die Hand?

Nee, mach ich nicht. Ich selbst bin zwar wahrscheinlich geschützt. Aber ich weiß ja, dass ich vielleicht trotzdem die Krankheit übertragen kann. Ich muss auch die anderen schützen. Es geht nicht nur um mich.

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