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Corona und Gefängnisse:"Sorge, dass die Stimmung kippen könnte"

JVA Köln Ossendorf Gefängnis Mitarbeiter

Ein Sicherheitszaun der JVA Köln-Ossendorf.

(Foto: dpa)

Die Corona-Pandemie stellt auch die deutschen Gefängnisse vor große Herausforderungen. Welche harten Maßnahmen die Anstalten dagegen ergreifen, erklärt die Leiterin der JVA in Heinsberg.

Interview von Raphael Markert

Auch in deutschen Gefängnissen steigt die Zahl der Corona-Fälle. Besonders früh betroffen war wie die Justizvollzugsanstalt Heinsberg, eine Jugendstrafanstalt mit 566 Haftplätzen. Bereits Anfang März infizierte sich ein Bediensteter. Welch harte Maßnahmen das Gefängnis ergreifen musste, warum das Personal gerade ein höheres Risiko darstellt als die Gefangenen und warum es so wichtig ist, die Insassen gerade jetzt bei Laune zu halten, berichtet die Leiterin der Heinsberger Justizvollzugsanstalt, Ingrid Lambertz, im Interview.

SZ: Frau Lambertz, Heinsberg war und ist das deutsche Epizentrum der Corona-Pandemie. Hat das Virus bereits den Mikrokosmos Gefängnis erreicht?

Ingrid Lambertz: Ja, klar. Das hat uns sofort am 27. Februar erreicht, als klar wurde, welche Tragweite die Ausbreitung des Virus bei uns in Heinsberg haben wird. Wir haben damals sofort weitreichende Maßnahmen getroffen.

Welche sind das?

Es gibt für die Gefangenen aktuell keinen Hafturlaub, keine Ausgänge, keine Lockerungen. Kein Gefangener mehr soll das Gefängnis verlassen. Auch den Austausch von draußen nach drinnen haben wir stark reguliert, wir haben ein striktes Besuchsverbot verhängt. Einzige Ausnahmen sind Anwaltstermine, wenn der Anwalt auf einen Besuch besteht, oder drängende Gerichtstermine, aber die Gerichte selbst sagen aktuell schon die meisten Termine ab. Wie Sie sagten: Unser Gefängnis ist ein Mikrokosmos. Das Coronavirus kann also nur von draußen hereingeschleppt werden.

Wie belastend ist das für die Gefangenen?

Erstaunlicherweise nehmen die Insassen die Situation gelassener als das Personal. Wahrscheinlich liegt das aber auch daran, dass wir eine Jugendstrafanstalt sind, und die Jugendlichen gelesen haben, dass sie vermeintlich nicht so stark mit dem Virus zu kämpfen hätten. Die Gefahr, sich hier drin anzustecken, ist vergleichsweise gering. Auch wir haben unser Personal und die Gefangenen angehalten, nach Möglichkeit Abstand zu anderen zu halten, soweit das in einer JVA eben möglich ist. Noch ist die Stimmung unter den Gefangenen jedenfalls relativ entspannt.

Und wie kommt Ihr Personal mit der Situation klar?

Mein Personal hat natürlich Sorge, angesteckt zu werden. Ich versuche ihnen dann klarzumachen, dass zum jetzigen aktuellen Zeitpunkt von den Gefangenen die wenigste Gefahr ausgeht, weil wir weder einen infizierten Gefangenen noch einen mit Anzeichen von Symptomen in der Anstalt haben. Es ist das Personal, das tagtäglich die Anstalt verlässt und Kontakte nach draußen hat. Und dadurch, dass wir im deutschen Epizentrum liegen, ist die Gefahr natürlich größer als anderswo.

Die Heinsberger JVA-Leiterin Ingrid Lambertz

(Foto: privat)

Zwei ihrer Justizvollzugsbeamten haben sich bereits mit dem Coronavirus infiziert.

Einer der beiden lag sogar mit einer Lungenentzündung auf der Intensivstation. Er ist zum Glück mittlerweile schon wieder genesen. Wenn der nächste Test negativ ausfällt, darf er kommende Woche schon wieder arbeiten. Ein anderer ist gerade positiv getestet worden; da mussten wir alle Kollegen, die mit ihm zu tun hatten, freistellen, alle Gefangenen, mit denen er Kontakt hatte, in Quarantäne unterbringen. Diese Gefangenen sind jetzt erstmal dauerhaft in ihrem Haftraum eingesperrt, haben keinen Kontakt mehr zu anderen und kommen nur fürs Nötigste raus, wie etwa einmal in der Woche für eine Dusche. Positiv auf das Coronavirus getestete Gefangene haben wir zum Glück nicht. Aber wir haben jüngst noch einen weiteren Verdachtsfall in der Belegschaft dazubekommen, der jetzt ebenfalls erstmal freigestellt wurde.

Was bedeutet das jetzt schon für Sie?

Wir haben aktuell bei unserem Personal schon eine Ausfallquote von über 30 Prozent. Da ist es schon schwierig, den Betrieb aufrechtzuerhalten. Dazu kommt ein zweites Problem: Viele Bedienstete haben Kinder, die sie aktuell nicht in die Schule, nicht in den Kindergarten bringen können. Stattdessen wurde ihnen drei Tage Sonderurlaub zugebilligt. Davon wird reichlich Gebrauch gemacht.

Aber die Landesregierung in Nordrhein-Westfalen hat doch zugesichert, eine Notfallbetreuung für die Kinder von Eltern systemrelevanter Berufe sicherzustellen. Dazu zählt auch die Justiz.

Davon sind wir im Kreis Heinsberg aus mir unerfindlichen Gründen ausgenommen. Wahrscheinlich deshalb, weil die Zahl der Erkrankten hier so hoch ist - und unsere Situation als Justizvollzugsanstalt hat man wahrscheinlich ganz einfach vergessen. Dabei sind wir hier der größte Arbeitgeber. Uns bereitet diese Regelung jedenfalls großen Ärger. Wir haben teilweise sogar Ehepaare mit Kindern, die hier arbeiten. Das macht es doppelt schwierig. Noch können wir das alles irgendwie meistern, aber wenn die Krankheitszahlen steigen, werden wir den Betrieb hier weiter einschränken müssen.

Was würde es für Sie bedeuten, wenn sich das Coronavirus in Ihrer JVA großflächig ausbreiten sollte?

Dann geht hier nichts mehr. Quasi das gesamte Gefängnis wäre unter Quarantäne. Dann käme kein Gefangener mehr raus aus den Hafträumen. Wir haben genau für diesen Fall einen Pandemieplan. Nach dem würden wir im schlimmsten Fall das Personal auf das Nötigste reduzieren, Arbeit, Freizeit, alles aussetzen. Ich hoffe, dass das nicht passieren wird. Denn das wäre ja weder für das Personal noch für die Gefangenen angenehm.

In Frankreich hat es wegen der verschärften Maßnahmen, die mit ihren vergleichbar sind, in der vergangenen Woche bereits in vielen Gefängnissen kleine Aufstände gegeben, in zwei sogar eine Meuterei.

Bei uns hat es solche Vorfälle in keiner Weise gegeben. Die Sorge, dass die Stimmung kippen könnte, muss aber natürlich jeder haben. Wir achten sehr darauf, dass wir unsere Gefangenen noch weiterarbeiten und Sport machen lassen, damit sie nicht unbeschäftigt auf der Zelle sitzen. Zum Glück unterrichten unsere justizeigenen Lehrer im Gegensatz zu den von auswärts kommenden Berufsschullehrern weiter. Wir überlegen gerade, wie wir unsere Berufsschüler anders beschäftigen können. Uns ist natürlich daran gelegen, dass es zusätzlich zu dem Problem mit dem Coronavirus, nicht auch noch zu Unruhen kommt. Aber ich glaube nicht, dass das passieren wird.

Um die Justiz in dieser Zeit zu entlasten, wurde in Berlin der Antritt von Freiheitsstrafen unter drei Jahren ausgesetzt, NRW setzt tausend Inhaftierte, die eine Ersatzfreiheitsstrafe verbüßen sollten, auf freien Fuß. Ist das jetzt der richtige Weg?

Diese Regelung betrifft uns als Jugendvollzugsanstalt bisher nicht. Und mir steht nicht zu, diese Maßnahme grundsätzlich zu beurteilen. Ich kann aber sagen, dass bei uns der Belegungsdruck nicht so sehr besteht wie im Erwachsenenvollzug. Dort sollte man jetzt tunlichst vermeiden, dass die Häftlinge zu nah aufeinandersitzen. Wir haben noch freie Plätze. Das kommt uns zugute, wenn wir wirklich das gesamte Gefängnis unter Quarantäne stellen müssten - dann könnten wir die Gefangenen wenigstens noch etwas verteilen.

© SZ.de/lalse
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