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Pandemie:Die Lebenden und die Toten

Candle Light Memorial For COVID-19 Victims

Kerzen brennen im Januar am Arnswalder Platz in Berlin für die Menschen, die an einer Corona-Infektion gestorben sind.

(Foto: Omer Messinger/Getty Images)

Der Bundestag streitet über ein neues Gesetz zur Bekämpfung der dritten Corona-Welle. Währenddessen laufen die Vorbereitungen, derer zu gedenken, für die jede Hilfe zu spät kam.

Von Nico Fried, Berlin

Über unerfreuliche Zahlen hat Angela Merkel am Freitag im Parlament gesprochen: den Anstieg der Infektionen, den Anstieg des R-Wertes, den Anstieg der belegten Intensivbetten. Die Kanzlerin wollte den Ernst der Lage deutlich machen, um für die bundesweite Notbremse im Infektionsschutzgesetz zu werben, und betonte deren Dringlichkeit: "Die Intensivmediziner senden einen Hilferuf nach dem anderen", so die Kanzlerin. "Wer sind wir denn, wenn wir diese Notrufe überhören würden?"

Anita Schedel aus Passau weiß, wie es zugeht auf so einer Intensivstation. Im Frühjahr 2020 erkrankten sie und ihr Mann an Covid-19. Hannes Schedel, 59, selbst Mediziner, musste mit Fieber und Atemnot ins Krankenhaus. Am 6. April hatte sich sein Zustand so verschlechtert, dass er ins künstliche Koma versetzt und beatmet werden musste. Das Ehepaar telefonierte kurz vorher noch einmal miteinander, der Mann sagte, seine Frau möge sich keine Sorgen machen. Es war das letzte Gespräch. Am 14. April starb Hannes Schedel.

Die Kanzlerin und die Witwe könnten sich am Sonntag kennenlernen. Merkel nimmt mit dem Bundespräsidenten und den Präsidenten der übrigen Verfassungsorgane in Berlin an der Gedenkfeier für die Opfer der Corona-Pandemie teil. Im Konzerthaus treffen sich jene, die politisch in der Verantwortung stehen, die Lebenden zu beschützen, mit denen, für deren Angehörige das zu spät kommt.

Es liegt also eine gewisse Spannung über dieser Feier, auch weil sie mitten hineinfällt in die dritte Welle. Es sei, heißt es im Bundespräsidialamt, ein Gedenkakt "in Ungewissheit und Unsicherheit". Frank-Walter Steinmeier hat die Veranstaltung initiiert. Es solle "ein Moment des Innehaltens" werden. Aber es ist zu erwarten, dass aus dem Kreis der fünf Hinterbliebenen, die an der Feier teilnehmen werden, auch Kritik an Fehlern oder Versäumnissen zu hören sein wird. Anita Schedel hat das damals - als Angehörige wie als Ehefrau des Klinikchefs - so erlebt: "Es gab weder Schutzkleidung noch genügend Masken."

Im Bundestag erinnert Angela Merkel in der Debatte um die Notbremse an die erste Welle und wie sie durch strenge Kontaktbeschränkungen nach einigen Wochen eingedämmt war. "Wir haben es doch schon einmal geschafft", sagt die Kanzlerin. Für Merkel ist der Kampf gegen die erste Welle aus heutiger Sicht eine Erfolgsgeschichte, das Vorbild für den Versuch, die dritte Welle zu stoppen.

Wenn Anita Schedel an dieselbe Zeit zurückdenkt, erinnert sie sich daran, wie sie "jeden Tag fast gebettelt" hat, um ihren Mann besuchen zu dürfen, aber nicht ins Krankenhaus durfte. Stattdessen konnte sie nur einmal täglich zu einer festen Uhrzeit mit einem Arzt telefonieren. Es sei "besonders schlimm" für sie gewesen, berichtete Anita Schedel im März in einer ersten Gesprächsrunde mit dem Bundespräsidenten, dass sie ihren Mann zu seinen Lebzeiten "nicht mehr sehen durfte".

Von solchen Erlebnissen werden wohl auch andere Hinterbliebene berichten. Detlev Jacobsen aus Rheinland-Pfalz zum Beispiel, dessen Mutter in einem Pflegeheim in Koblenz lebte. Wegen des Besuchsverbots hatte seine Familie zwei Monate lang keinen Kontakt mehr zu der an Demenz erkrankten Frau. Dann starb sie auf einer Isolierstation des Altenheims.

Die Gedenkfeier ist nicht nur den Toten gewidmet

Diese Einsamkeit des Todes ist der Aspekt, der im Bundespräsidialamt als die Besonderheit des Sterbens in der Pandemie gesehen wird. Das rechtfertige diese Gedenkfeier, heißt es, weil sie eben nicht nur den Covid-19-Toten gewidmet sei. Alleine zu sein, das habe auch Menschen betroffen, die gar nicht an Covid-19 erkrankt waren, sondern durch die Kontaktbeschränkungen gerade davor geschützt werden sollten. So wie Hans-Gerd Wilkens aus Niedersachsen, der an Blutkrebs starb und über dessen Schicksal die Tochter Finja berichten wird.

Die Angehörigen damals wurden zu ihrer und der Sicherheit der Patienten ausgesperrt. Im Bundestag warnten am Freitag mehrere Redner davor, die Menschen heute zum Schutz vor Corona einzusperren. Die Ausgangsbeschränkungen zwischen 21 und 5 Uhr im Falle einer Inzidenz über 100 in einem Landkreis sind das große Streitthema beim Infektionsschutzgesetz. Als Merkel den Vorschlag rechtfertigt, bekommt sie wütende Zwischenrufe zu hören. Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble nimmt sich das Wort für eine "allgemeine Bemerkung", wie er sagt. "Glauben Sie angesichts der Notlagen und der Sorgen unserer Mitbürgerinnen und Mitbürger, dass wir dem nicht auch in der Art, wie wir das hier debattieren, Rechnung tragen müssen?"

Es klingt, als habe Schäuble den Sonntag schon im Hinterkopf. Er wird mit Anita Schedel zusammen eine Kerze an eine Gedenkstele stellen. Mit der Frau, die ihres Mannes gedenkt, der ihr an diesem 18. April zum zweiten Mal nicht mehr zum Geburtstag gratulieren wird.

© SZ
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