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Corona:Weihnachten anders

Weihnachtsmarkt auf dem Frankfurter Paulsplatz 2018

So wird's nie wieder sein - zumindest dieses Jahr nicht. Weihnachtsmarkt auf dem Frankfurter Paulsplatz 2018.

(Foto: Frank Rumpenhorst/dpa)

Ob Märkte, Gottesdienste oder private Feiern - dieses Jahr werden sich die Deutschen von vielen Gewohnheiten verabschieden müssen.

Von Constanze von Bullion, Berlin

Die ersten Sondierungen in den Familien haben schon begonnen, und bald dürften ernste Verhandlungen folgen. Wer kann an Weihnachten die Großeltern besuchen fahren, ohne sie einem erhöhten Infektionsrisiko auszusetzen? Wie viele Freunde oder Verwandte können guten Gewissens miteinander feiern, ohne sich und andere zu gefährden? Ist Singen unterm Weihnachtsbaum in diesem Jahr gemeingefährlich? Sollte lieber am Alkohol gespart werden? Oder ist das reine Hysterie? Unerfreuliche Dispute dürften sich da nicht vermeiden lassen.

Die Politik jedenfalls hat begonnen, das Land auf ungewohnte Advents- und Weihnachtsfestivitäten einzustimmen. Kreativ sein und die Feiertage "im Schichtsystem" zu fahren, das empfahl am Dienstag der Pflegebeauftragte der Bundesregierung, Andreas Westerfellhaus. Um die Gefahr von Ansteckungen zu minimieren, sollten Kontakte reduziert werden, auch zu Angehörigen. Das Weihnachtsfest müsse man möglichst "entzerren", sagte er Bild. Er rate dazu, lieber mit weniger Menschen und dafür mehrmals zu feiern. "Man kann auch mal am 28. Dezember oder sogar noch später Bescherung machen", schlug Westerfellhaus vor. "Es könnten unterschiedliche Haushalte an unterschiedlichen Tagen miteinander feiern."

Pflegebeauftragter rät zu "gestaffelten" Besuchen

Nun fällt es vielen Deutschen schon im Normalbetrieb nicht leicht, von liebgewonnenen Gewohnheiten abzusehen. Noch schmerzhafter könnte das an Weihnachten werden, zumal wenn es um Alte und Risikopatienten geht. Derzeit sei noch ungewiss, ob alle alten Menschen in Pflegeeinrichtungen besucht werden könnten, so der Pflegebeauftragte weiter. "Es können nicht alle Angehörigen an Heiligabend in die Heime kommen." Deshalb rate er dringend zu "gestaffelten" Besuchen. In den kommenden Wochen sollen laut Westerfellhaus bis zu 20 Corona-Schnelltests pro Bewohner und Monat zur Verfügung gestellt werden.

Testauslieferungen und Schulungen würden derzeit vorbereitet. Auf die Frage, ob man Weihnachten alte Angehörige aus dem Pflegeheim holen sollte, könne es "keine pauschale Antwort geben". Vor allem in Corona-Hotspots solle sich das jeder genau überlegen. Im Frühjahr habe ein rigoroses Abschließen von Heimen bei manchen Pflegeheimbewohnern und Demenzkranken dazu geführt, dass sich ihr Zustand verschlechtert habe. Dass Menschen auch im Sterben von ihrer Familie getrennt würden, dürfe sich nicht wiederholen.

Eine rigorose Abschottung von Alten- und Pflegeheimen wie im Frühjahr, als wegen der Pandemie viele Menschen allein sterben mussten, wollen Bundesgesundheitsminister Jens Spahn und Bundeskanzlerin Angela Merkel unbedingt vermeiden. Doch wie das gehen soll, wusste bisher keiner genau zu sagen. Die Deutsche Stiftung Patientenschutz kritisierte das kürzlich scharf. Einheitliche Corona-Regeln für Pflegeheime seien überfällig. Stiftungsvorstand Eugen Brysch sagte, die Lage der 900 000 Pflegebedürftigen in Deutschlands Heimen sei bedrückend. "Sie sind die verletzlichste Gruppe in der Corona-Krise. Gleichzeitig sind sie aber auch die leiseste." Seit mehr als einem halben Jahr warteten sie auf klare Leitlinien zu ihrem Schutz.

Die niedersächsischen Kirchen haben unterdessen angekündigt, ihre Gotteshäuser in der Corona-Pandemie künftig als "Trosträume für alle" offen zu halten. Die Fraktionsvorsitzende der Grünen im Bundestag, Katrin Göring-Eckardt, forderte alle deutschen Kirchengemeinden auf, Räume für Konzerte und die vorweihnachtliche Betreuung gerade alter Menschen zur Verfügung zu stellen. "Wir müssen als Gesellschaft jetzt darüber nachdenken, wie wir dafür sorgen, dass niemand allein sein muss. Wir sollten sorgsam ermöglichen, was zu ermöglichen ist", sagte sie der Süddeutschen Zeitung. Auch Familien seien gefordert umzudenken. "Wir müssen uns darauf einstellen, dass wir nicht mit 20 Leuten Weihnachten feiern können wie in früheren Jahren", sagte Göring-Eckardt.

Viele Märkte sind abgesagt, aber nicht alle

Aber auch der Bummel nebst Glühwein auf dem Weihnachtmarkt wird in diesem Jahr nicht selbstverständlich sein. Etliche Kommunen ringen noch mit sich, was zu verantworten ist. Gedrängel ist mit Infektionsschutz nicht vereinbar, einerseits. Andererseits fürchten viele ohnehin schon gebeutelte Kunsthandwerkerinnen und -handwerker, aber auch Kleingewerbetreibende und Gastronomiebetriebe um ihre Existenz. In Nürnberg hat man sich dennoch entschlossen, den weltberühmten Christkindlesmarkt abzusagen. In München und Bayreuth sollen die Märkte hingegen stattfinden, mit abgespecktem Programm. So gibt es in München, wo der Markt am 23. November starten soll, eine Maskenpflicht an den Ständen, die in Abständen von fünf bis zehn Metern voneinander aufgestellt werden. Alkohol darf nur mit einer Registrierung und in Gastronomiebereichen getrunken werden.

Viele kleinere Märkte wie in Fürth oder Coburg fallen dagegen aus. Das Gleiche gilt in Nordrhein-Westfalen für Köln, Düsseldorf, Aachen und Duisburg. In Essen wiederum soll es einen Weihnachtsmarkt geben, allerdings mit "Glühweingärten", in denen ohne allzu viel Bewegung getrunken werden soll. In Leipzig wurden Glühwein- und Bratwurststände verboten, der Weihnachtsmarkt an sich aber ist erlaubt. Auch der Striezelmarkt in Dresden soll stattfinden, einige Händler sollen allerdings vom Altmarkt an die Elbe ziehen. Geplant ist eine Stufenpyramide mit historischem Riesenrad, Infektionsängste hin oder her. Der Weihnachtsmarkt in Erfurt wurde abgesagt, ebenso der am Berliner Gendarmenmarkt.

Am Berliner Breitscheidplatz hingegen, wo 2016 insgesamt zwölf Menschen bei einem Anschlag starben, soll gefeiert werden dürfen, mit Plastikplanen und Distanz. Die Märkte in Heilbronn, Freiburg und Karlsruhe sind abgesagt, ebenso in Frankfurt am Main und Mainz. In Stuttgart und Mannheim stehen sie auf der Kippe. Auch in Niedersachsen und Bremen wird noch überlegt.

© SZ
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