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Corona:Wie das Virus die Bundesländer voneinander abgrenzt

Coronavirus in Deutschland: Corona-Teststation in München

Manche Länder erlegen Besuchern eine Quarantäne auf; außer, sie bringen von einem Testgelände, hier in München, ein negatives Ergebnis mit.

(Foto: Sven Hoppe/dpa)

Wer darf kommen, wer darf bleiben, wer muss in Quarantäne? Die 16 Bundesländer haben 16 verschiedene Regulierungen. Für alle, die die Herbstferien nicht daheim verbringen wollen, wird das Reisen noch schwieriger als im Sommer.

Von Julia Bergmann, Berlin, und Rainer Stadler

Die klarste Orientierung für alle, die in den Herbstferien trotz steigender Corona-Zahlen innerhalb Deutschlands verreisen wollen, kam von Niedersachsens Gesundheitsministerin Carola Reimann (SPD). Sie empfahl, "die Herbstferien möglichst zu Hause zu verbringen".

Für alle, die den Rat nicht beherzigen wollen oder können, gestaltet sich das Reisen schwieriger als noch im Sommer. Mehrere Bundesländer haben Beherbergungsverbote für Einreisende aus sogenannten Corona-Hotspots erlassen, also Gemeinden mit mehr als 50 Corona-Infizierten pro 100 000 Einwohnern. Derzeit sind das laut Robert-Koch-Institut (RKI) Teile von Berlin, die Städte Hamm und Remscheid sowie der Landkreis Vechta. In den meisten Bundesländern dürfen Gäste aus Hotspots nicht beherbergt werden. Nur in Bremen, Niedersachsen und Thüringen existiert bisher kein solches Verbot.

Alle Berliner dürfen nach Mecklenburg-Vorpommern. Aber nicht nach Rheinland-Pfalz

Wer seinen Urlaub in Schleswig-Holstein, Rheinland-Pfalz und Mecklenburg-Vorpommern verbringen will und aus einem deutschen Risikogebiet kommt, muss außerdem mit einer 14-tägigen Quarantäne rechnen. Ausnahmen sind möglich: Von der Pflicht kann befreit werden, wer negative Corona-Tests vorweist.

Die Beschränkungen seien nicht erst angesichts kürzlich gestiegener Zahlen erlassen worden, sondern "in unserer Quarantäne-Verordnung schon seit Monaten festgelegt" erklärt eine Sprecherin des Gesundheitsministeriums Rheinland-Pfalz. Bis vor Kurzem seien sie wegen der niedrigen Infektionszahlen in Deutschland kein Thema gewesen. Das hat sich geändert, nachdem die Sieben-Tages-Inzidenz in mehreren Regionen und Städten in Deutschland über 50 kletterte. Sie sagt aus, wie viele Menschen in einer Region in sieben Tagen neu erkrankt sind, bezogen auf jeweils 100 000 Einwohner dieser Region.

Rheinland-Pfalz richte sich bei der Einstufung der Risikogebiete, sowohl weltweit als auch bundesweit, nach dem RKI, erklärt die Ministeriumssprecherin. "Wir unterscheiden nicht, ob Menschen aus dem Inland oder Ausland anreisen." Und weil das RKI nur einzelne Berliner Bezirke als Risikogebiet sieht, betrachte man Berlin in Rheinland-Pfalz bezirksweise. So hält es auch Schleswig-Holstein.

In Mecklenburg-Vorpommern und anderen Bundesländern richten sich die Regelungen hingegen nach dem Inzidenzwert, der für die gesamte Stadt gilt. Solange der Wert nicht über 50 steigt, dürfen Berliner also weiter einreisen, auch wenn sie aus einem der besonders belasteten Bezirke kommen.

Eine Übersicht über die verschiedenen Regeln findet sich im Internet, etwa auf den Seiten des Kompetenzzentrum Tourismus des Bundes. Das Problem: Bisher setzt jedes Land seine eigenen Regeln fest, und die ändern sich nahezu täglich, was natürlich mit den Corona-Zahlen zusammenhängt. Regionen, die heute noch als sicher gelten, können morgen Risikogebiet sein.

Deshalb empfiehlt der ADAC, sich im Zweifel direkt bei der Unterkunft nach Einschränkungen zu erkundigen. Hundertprozentige Sicherheit bringt auch das nicht: Wird der Heimatort plötzlich zum Hotspot erklärt, könne das für Reisende, die sich schon am Urlaubsort befinden, heißen, dass sie umgehend abreisen müssen, warnt der ADAC. Zumindest die Kosten für die Unterkunft fallen dann weg.

Angesichts der uneinheitlichen Regeln in den Bundesländern warnen einige Politiker bereits vor Kleinstaaterei. Die Lage könnte noch unübersichtlicher werden, wenn bald viele Regionen in Deutschland die Grenze von 50 Neuinfektionen pro 100 000 Einwohner überschreiten, fürchtet der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach. Die Beschränkungen gelten schließlich nicht nur für den Urlaub, sondern auch für Dienstreisen.

Manfred Lucha etwa, der grüne Sozialminister von Baden-Württemberg, berichtete am Dienstag von Problemen auf der Bahnstrecke München-Ulm. Die bayerische Landeshauptstadt hatte vor einigen Tagen ebenfalls den Inzidenzwert von 50 überschritten. Deshalb "durfte das Münchner Zugbegleiterpersonal bei uns in Ulm nicht im ICE-Hotel übernachten".

Um das Reisen etwas zu vereinfachen, fordert Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Daniel Günther (CDU) einheitliche Regeln im gesamten Bundesgebiet. Zumindest sein Land sei bereit, sich solchen Regeln dann auch anzupassen.

© SZ vom 07.10.2020

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